"Im Überschwang" von Hannelore Elsner

  • Biographien gehören für mich mit zu den am schwersten zu rezensierenden Büchern. Denn man bewegt sich auf einem unglaublich schmalen Grat, wenn man über solche Bücher spricht. Gefallen sie einem, liegt das nicht selten daran, dass die Person schlicht ein interessantes Leben geführt hat. Da kann der Schreibstil noch so flüchtig oder stümperhaft sein. Gefallen sie einem nicht, gilt im Umkehrschluss ähnliches.


    Bei Hannelore Elsner wird die Lage zusätzlich dadurch kompliziert, dass ich sie schon vor dem Lesen des Buches als Person und Schauspielerin sehr mochte. Ich musste mich sehr anstrengen, das Buch wirklich "als Buch" zu lesen, um zu wissen, ob es nun ein gutes Buch ist oder nicht. Damit ich mich sachlich dazu äußern kann. Sagen wir es vorneweg mal so: Ich habe es, auch "als Buch", gerne gelesen, habe Stil und Wärme genossen. Dennoch verleihe ich "nur" vier Sterne, weil ich mich eben auch zu sagen traue, dass mir einige Dinge aufgefallen sind, die ich mir als Leser anders gewünscht hätte.


    Ich habe es so empfunden, dass das Buch im wesentlichen in zwei Teile zerfällt. Oder anders gesagt, dass sich die Schreibweise nach der Hälfte ändert. Kindheit und Jugend, bis hin zu den ersten Rollen in Filmen, empfand ich als ein "organisches Ganzes". Die Autorin vermittelt hier ein kontinuierlich gewachsenes Bild ihrer selbst. Alles strahlt eine unmittelbare Sinnlichkeit und Freude am Leben aus, und einen starken Bezug zu "ihren" Menschen, wie sie selber auch sagt. Natur, Klosterschule, Verlusterfahrungen, Einsamkeit - durch diese ganze Zeit hindurch blieb sie doch "sie selbst", und entwickelte ihre Persönlichkeit.


    Mehr oder weniger durch Zufall wurde sie Schauspielschülerin, und bekam ihre ersten Rollen. Die sie im Prinzip auch nur annahm, um erstmal was zu verdienen. Und genau hier beginnt die erzählerische Kontinuität zu bröckeln. Sie erklärt eigentlich nie genau, warum sie nun doch Schauspielerin blieb. Es werden einfach nur noch bekannte Rollen aufgezählt, Filme, Projekte. Und wichtige Menschen, die ihr begegneten, und die wichtig für ihre Karriere waren. Spätestens mit der Geburt ihres Sohnes wird das Buch dann nur noch anekdotisch, und das fand ich halt schade.


    Sicher ist es schwierig, "alles" aus einem Leben zu erzählen - ja wenn nicht gar unmöglich. Dennoch, ich fand, sie hat ab der Mitte des Buches nur noch Rosinen herausgepickt, und jeweils ein wenig kommentiert. Besonders bei ihren Männergeschichten hatte ich den Eindruck, dass sie viel weggelassen hat, vieles nur angerissen. Das mag natürlich auch daran liegen, dass ich persönlich grundsätzlich andere Vorstellungen habe, was "Beziehungen" angeht. Aber merkwürdig ist es schon: Männer, mit denen sie eine lebenslange Freundschaft verband oder verbindet, werden ausführlich porträtiert, wohingegen diejenigen, mit denen sie sogar verheiratet war, nur am Rande erscheinen. Und der Vater ihres Sohnes, der Regisseur Dieter Wedel, wird sogar beinahe vollkommen verheimlicht. Nur in gefühlten zwei Sätzen taucht er auf. Namentlich sogar nur ein einziges Mal, ich habe gezählt! Nun, und es wird erlaubt sein, sich darüber zu wundern.


    Mir fiel auch auf, dass die Kapitel über ihre späteren Rollen im Prinzip nur für diejenigen Leser wirklich verständlich sind, die Hannelore Elsner in diesen Rollen auch gesehen haben. Jemandem, der sie als "Die Unberührbare" oder als Gräfin Rostova in "Krieg und Frieden" nie gesehen hat, wird nicht wirklich erklärt, worum es in diesen Rollen eigentlich geht, wie sie an die Rollen kam, wer diese Personen waren. Das muss man sich alles aus dem Kontext zusammenreimen. Ein Film-Lexikon ist dieser Teil des Buches also sicher nicht! Es wirkt eher wie Auszüge aus ihrem persönlichen Tagebuch. Und als vollkommen verquast und vergeistigt empfand ich schließlich ein Gespräch, ein Interview, das gegen Ende des Buches wiedergegeben wird, und das sie mit ihrer persönlichen Assistentin über ihr Herangehen an die Schauspielerei führte. Das kann man getrost weglassen, und verpasst nichts wesentliches.

    Ich verleihe dennoch ein "Gut". Und das liegt einfach an der Sprache, und an der Persönlichkeit, die durch diese Zeilen hindurchschimmert. Authentisch wirkt das, was sie da von sich gibt, allemal, stilistisch sehr ansprechend, und durch und durch sinnlich. Halt nur gegen Ende recht "auszugsweise". Als echter Fan kann man bedenkenlos zu diesem Buch greifen. Als Laie, der sich über die Person Hannelore Elsner grundsätzlich informieren möchte, nur bedingt.