Eigentlich bin ich Biographien gegenüber skeptisch, die nicht von der jeweiligen Person selber geschrieben wurden. Doch in diesem Falle macht das durchaus Sinn. Vicki Mackenzie, die Journalistin, begegnete Tenzin Palmo, der mittlerweile legendären einsiedlerischen Nonne, auf einem Retreat in der Toskana, und war spontan so fasziniert von ihrer Persönlichkeit, dass sie sich einige Zeit später dazu entschloss, diese Geschichte aufzuschreiben. Erst recht, als sie hörte, dass Tenzin Palmo 12 Jahre in einer einsamen Höhle in den Bergen des Himalaya verbracht hatte! Tenzin Palmo wäre selber viel zu bescheiden gewesen, um solch ein Aufhebens von sich zu machen. Doch die Journalistin erkannte mit viel Gespür, dass dieses Leben allen Interessierten viel mitzuteilen hat.
Tenzin Palmo, mit bürgerlichem Namen Diane Perry, wurde in England in eher einfachen Verhältnissen geboren. Doch schon von Anfang an war sie irgendwie anders, und entwickelte sich mit ungeheurer Zielstrebigkeit in die spirituelle Richtung hin. Schon früh häuften sich die Anzeichen, dass sie dort, wo sie geboren wurde, eigentlich nicht wirklich "hingehörte". Die Autorin versteht es, alle diese Fäden aufzunehmen und zu einer geradezu spannenden Erzählung zu verweben.
Die junge Diane war dabei keineswegs immer eine Heilige, und auch das wird nicht unerwähnt gelassen. Doch gerade das macht die Lebensgeschichte so menschlich, und die letztliche Entscheidung für das spirituelle Leben so eindringlich und glaubhaft. Sie hatte durchaus heftige Liebesgeschichten, und ihr wurden etliche Heiratsanträge von jungen Männern gemacht. Einmal sogar drei gleichzeitig! Und auch den sexuellen Avancen eines berühmten tibetischen Lamas (jawohl!) musste sie erst einmal ihre pure Willenskraft, sprich: die hohen Absätze ihrer Stilettos, entgegenstellen... Auf etlichen Photos wird deutlich, dass Diane, hätte sie sich anders entschieden, durchaus eine weltliche "Karriere" hätte machen können. Hübsch war sie, was besonders an ihren zahlreichen blonden Locken lag.
Durch die Lektüre diverser Bücher, und den Kontakt mit der British Buddhist Society, stellte Diane schließlich fest, dass sie Buddhistin war, ja, wahrscheinlich immer schon, ohne es zu wissen. Von nun an war die Entwicklung wohl nicht mehr aufzuhalten. Sie besuchte Kurse, traf Lamas und Lehrer, und erspürte immer mehr und dringlicher, dass sie eigentlich nach Asien gehörte. Genauer: dass sie in der tibetischen Tradition praktizieren wollte, und zwar als Nonne. Sie war auf der Suche nach "ihrem" Guru. Dies kann ein uninformierter Laie/Leser nur schwer verstehen: der Guru ist traditionell ungeheuer wichtig, er ist viel mehr als nur ein Lehrer. All diese Nebeninformationen werden grandios von der Autorin in den Text eingearbeitet, so dass man fast wie nebenbei noch einen "Grundkurs tibetischer Buddhismus" erhält.
Ihren Guru trifft Diane schließlich in der Gestalt von Khamtrul Rinpoche, der sie ihr ganzes weiteres Leben begleiten wird - auch über seinen Tod hinaus. Diese Kapitel gehören für mich zu den schönsten des ganzen Buches! Ich könnte mir durchaus vorstellen, sie später gesondert noch einmal zu lesen. Was es bedeutet, einem Menschen auf dieser tiefen, karmischen und spirituellen Ebene wirklich verbunden zu sein, sich ihm vorhaltlos anzuvertrauen, fand ich tief berührend und inspirierend. Auch ich als Westler bin der ganzen "Guru-Mania" gegenüber eher skeptisch eingestellt. Doch die Geschichte Tenzin Palmos hat mich dies zum ersten Mal aus einer anderen Perspektive überdenken lassen. Ein Guru kann ein wirklicher Seelengefährte sein, der wichtiger ist als ein Liebhaber oder Vater und Mutter. Der Gedanke an ihn war es, der Tenzin Palmo hat durchhalten lassen, auch als sie in ihrer Höhle eingeschneit war! Doch dazu gleich mehr.
Denn es geht in diesem Buch, anders als es der Titel vermuten lässt, bei weitem nicht nur um das Leben Tenzin Palmos in der Höhle. In der Tat machten diese Kapitel nur etwa ein Viertel bis ein Drittel des Buches aus. Die bloße Lebensgeschichte gleicht einem Abenteuer-Roman erster Güte. Die ersten sprituellen Anfänge in England werden gefolgt von einem frühzeitigen Verzicht auf Beruf und Karriere. Sie arbeitet nur deshalb, um Geld zu sparen für ihre Überfahrt nach Indien, welche sie in den frühen 60er Jahren tatsächlich antreten kann.
Nun folgt eine bewegte und teils aufreibende spirituelle Achterbahnfahrt. Zuerst unterrichtet Diane junge Lamas an einer tibetischen Schule, wird auf verschiedenen Umwegen endlich Nonne, und darf endlich auch in einem Kloster residieren. Als einzige Frau unter Mönchen! Und in dieser Zeit erwacht auch ihr Kampfgeist für die Rechte der Frauen, genauer gesagt derjenigen, die sich ebenfalls um Ordination und spirituelle Gleichberechtigung bemühen. Das war zu jener Zeit noch keinesfalls ein Thema, und die junge Nonne, jetzt Tenzin Palmo, muss es schmerzlich erfahren.
Sieben Jahre verbringt sie so, bevor sie erkennt, dass sie wohl eher für ein Leben der stillen Kontemplation geeignet ist. Mit Hilfe ihres Gurus und etlicher Bekannter aus dem indischen Dorf Dalhousie sucht sie nach einem geeigneten Ort. Es ist Zufall (?), dass sich schließlich jemand an die seit langem leer stehende Höhle erinnert. Man weiß als Leser oft nicht, ob man sich mit ihr freuen oder doch lieber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen soll. Denn die Bedingungen sind anfangs wirklich haarsträubend. Doch alles geht Tenzin Palmo mit der ihr eigenen eisernen Zielstrebigkeit an. Sie macht die Höhle zu ihrem Heim, baut sie ein wenig aus, und legt auch einen Gemüsegarten an.
An dieser Stelle beginnen meine Kritikpunkte an dem Buch, und sie sind es auch, weshalb ich nur vier und nicht fünf Sterne verleihe. Der Aufenthalt Tenzin Palmos in der Höhle wird eher vom Standpunkt eines Abenteuers her geschildert, und weniger von seiner spirituellen Bedeutung her. Man erfährt also vieles über die Lebensbedingungen, über dramatische Störungen und lebensbedrohliche Situationen. Aber wenig über den Tagesablauf, oder die Intention Tenzin Palmos. Die ganzen 12 Jahre dauern etwa drei Kapitel, und nur gegen Ende, als Tenzin Palmo die Bedingungen noch einmal verschärft und tatsächlich drei Jahre lang keinen Kontakt zur Außenwelt hat (das traditionelle 3-Jahres-Retreat), wird einmal (kurz) ein Tagesablauf und die konkrete Praxis geschildert.
Der totale Rückzug wird ausgesprochen banal und weltlich unterbrochen; weil nämlich ein Polizist wegen eines abgelaufenen Visums an ihre Höhlentür klopft. Damit ist das Retreat, die Ungestörtheit, unwiderruflich dahin. Doch Tenzin Palmo lässt sich nicht lange grämen. Sie ergreift die Gelegenheit beim Schopfe, und fragt sich, was sie aus der neuen Situation lernen und wie sie sie nutzen kann. Es beginnt ein Leben auf Reisen im Westen. Sie hält Vorträge und gibt Kurse und Belehrungen - alles aber wiederum mit einem bestimmten Ziel: Geld zu sammeln für die Errichtung "ihres" Klosters. Immer aber weiß man als Leser, dass dies nicht ihr eigentlicher Lebensstil ist. Irgendwann will sie wieder zurück in die Einsamkeit, zwar nicht mehr in dieselbe Höhle, weil ihr mittlerweile fortgeschrittenes Alter dies nicht mehr zulässt. Aber zurück in eine einsame Klause auf jeden Fall.
Hier liegt mein zweiter Kritikpunkt an dem Buch. Die Autorin hat in den letzten Kapiteln versucht, das Leben Tenzin Palmos "allgemeingültig" zu machen, und sie mit verschiedenen modernen Debatten, und auch mit bekannten Figuren aus der modernen buddhistischen Frauenbewegung, zu verbinden. Es geht um die Rolle der Frau im Buddhismus, um die Geschichte des Buddhismus im Westen, um spirituelle Praxis. Und um die Frage, "ob es denn immer eine Höhle sein müsse". Ich kann nur vermuten, dass man damit das Buch für die Allgemeinheit lesbarer und interessanter hat machen wollen. Denn schließlich erschien das Buch bei Bloomsbury, einem weltlichen und keinem rein spirituellen Verlag. (Ich weiß nicht, wie das im Deutschen ist.) Das kann man nun beurteilen, wie man will. Ich finde, es nimmt dem Buch ein wenig die Spitze, die Verve. Mir hätte das Leben Tenzin Palmos völlig genügt. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass es für mich niemals eine Höhle sein wird, und dass diese extreme Praxis nur für einige wenige Menschen geeignet ist. Auch finde ich, dass man Tenzin Palmo nicht so einfach einer Tsültrim Allione gegenüberstellen kann. Das ist ein völlig anderer Typ Frau! Nun ja. Doch dies mag auch verlagsinterne Gründe haben.
Insgesamt ist das Buch aber immer noch hoch beeindruckend! Es liest sich ausgesprochen flott weg, wobei ich persönlich aber, wie gesagt, mehr aus dem Leben Tenzin Palmos VOR ihrem Rückzug in die Höhle gezogen habe. Ich habe viel über Tibet und seine Religiosität erfahren. Und ich bin mir bewusst geworden, wie sehr doch die eigene Entschlusskraft, und auch die richtige spirituelle Betreuung, zum persönlichen Fortschritt beiträgt. Ich empfehle das Buch, auch und gerade in der gut lesbaren Originalfassung, allen denen, die sich für Tibet interessieren, und die sich von packenden Lebensgeschichten inspirieren lassen.