"Das unbeschriebene Blatt" von Marie Hermanson

  • Reine ist vom Leben benachteiligt. Seinen Vater kennt er erst gar nicht, seiner Mutter wird er weggenommen, weil sie nicht fähig oder willens ist, sich richtig um ihn zu kümmern. Er wächst in Heimen auf, bleibt mit seiner geringen Körpergröße, einem schiefen Rücken und einem kürzeren Bein stets Außenseiter.


    Er lebt unauffällig, blaß und seine Naivität wird ausgenutzt. Er arbeitet 22 Jahre lang in einer Polsterei und weiß nichts davon, dass er nie richtig angestellt und den Sozialbehörden nicht gemeldet war.


    Reine ist bereits über 50, als er zufällig Angela kennenlernt. Diese schweigsame, sehr dicke Frau scheint ebenso wie er selbst am Rand der Gesellschaft zu stehen. Er verliebt sich in sie, freut sich, dass er ihr mit seiner Fürsorge verschiedene Dinge beibringen kann, die sie augenscheinlich nicht beherrscht. Das Wäschewaschen oder Kochen etwa. Die beiden heiraten und unerwartet wird Angela mit 42 Jahren schwanger. Das Glück scheint perfekt.


    Doch schnell stellt sich heraus, dass ihr kleiner Sohn an einer unheilbaren, verhängnisvollen Krankheit leidet. Durch Zufall lesen Reine und Angela in einer Zeitschrift von einem brasilianischen Arzt, der diese Krankheit angeblich heilen kann. Doch das kostet Geld. Sehr viel Geld, das die beiden nicht haben und niemals von einer Bank bekommen würden.


    In seiner Verzweiflung heckt Reine einen Plan aus, um an die notwendige Summe zu kommen. Der Strudel der Ereignisse beginnt sich immer schneller zu drehen, atemlos verfolgt man das Geschehen um Reine, Angela und ihren Sohn Bjarne.


    Der Roman liest sich wie ein Krimi, obwohl er keiner ist. Erzählt wird aus der personalen Perspektive, meist aus Sicht von Reine. Trotz seiner Unzulänglichkeiten und Weltfremdheit war er für mich eine sympathische Figur.


    Angela hingegen war mir von Anfang an suspekt, teilweise unangenehm und ein klein wenig gruselig. Später erfährt man mehr über sie und versteht manche Zusammenhänge besser. Die Figur erhält dadurch mehr Tiefe und gewinnt an Substanz und an Verständnis.


    Ich persönlich war zwischendurch nicht ganz so begeistert, als die Autorin aus der Sicht eines kleinen Jungen das Geschehen beschreibt. Da hat sie mehr erzählt, als gezeigt (siehe "show, don't tell") und die Beobachtung eines Erwachsenen einem Kind untergeschoben. Aber diese Stellen waren minimal und beeinflussen den Lesegenuss kaum.


    Auch diesmal hat mir Hermanson einen intensiven, spannenden Lesegenuss beschert. Ursprünglich ist der Roman 2001 erschienen und ist damit der dritte Roman der Autorin.