Sehnsucht – Arnold Stadler

  • Verlag: Btb, 2004
    278 Seiten


    Kurzbeschreibung:
    Auf der Flucht vor der Bundeswehr ist der Erzähler, Sohn eines süddeutschen Waldbesitzers und Kriegshelden, vor vielen Jahren mit seiner Freundin Hilde nach Berlin gezogen. Aber die große Liebe war das nie mit Hilde, er ist nicht glücklich. Einmal wirft er ein Messer nach ihr, was gar nicht zu seinem Temperament passt und ihm einen eigenen Psychiater einbringt. Eines Tages bricht er mit dem Auto auf, Richtung Bleckede an der Elbe, wo er vor den Rotariern des Bezirkes einen Verbraucher-Vortrag halten soll. Er begafft ein kopulierendes Paar, steigt im Hotel Eckermann ab, besucht einen Swingerclub und sinniert über seine Geschichte, seine ersten Male, sein Scheitern und was ihm eigentlich geblieben ist: »Früher hatte ich Angst vor dem Tod. Nun hatte ich Angst davor, den Vatertag allein verbringen zu müssen.« Das erste Mal, auf einer Klassenfahrt hat er mit der Falschen geschlafen, das daraus entstandene Kind wurde vielleicht zur Adoption freigegeben. Und seine Frau Hilde, nun ja, die sollte er eigentlich längst verlassen haben. Stadlers Held steht schließlich am Meer, einsam und unglücklich – aber ein scharfer Beobachter von Zeit und Zuständen, mit seiner Erkenntnis, daß »Sehnsucht Hoffnung minus Erfahrung« sei.



    Über den Autor:
    Arnold Stadler, geboren 1954, lebt in Sallahn, Wendland. Er studierte in München, Rom und Freiburg im Breisgau. Arnold Stadler wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Alemannischen Literaturpreis und mit dem Georg-Büchner-Preis.


    Mein Eindruck:
    Ein ungewöhnliches Buch, das es dem Leser nicht einfach macht. Grund ist die gewählte Struktur und die übergroße Auslassung der Hauptfigur über seine Nöte, die nicht einfach nachzuvollziehen sind.


    Der Protagonist lebt in Berlin, hauptsächlich ist dahin gezogen um dem Wehrdienst zu entgehen. Die Ehe mit seiner Frau Hilde ist problematisch. Eines Tages reist er für einen Vortrag nach Bleckede. Dort gehen ihm viele Gedanken durch den Kopf.


    Im ersten Teil erinnert mich der Roman an Bücher von Wilhelm Genazino. Beide haben schon den Büchner-Preis gewonnen, beide scheuen sich nicht, der sexuellen Komponente mitsamt allen dabei von ihren Hauptfiguren empfundenen Peinlichkeiten einen großen Stellenwert einzuräumen


    Abgesehen von der kruden Rahmenhandlung sind die Szenen über die Familie der Hauptfigur gelungen, z.B. die über seinen Vater, der einbeinig aus dem Krieg zurückkehrte.


    Nach einer Weile leitet Stadler langsam in die Jugendzeit seiner Figur über, in die 60ziger und 70ziger Jahre, und ab da wird der Roman leichter fassbar. Mit diesem Jungen, dem viel misslingt kann man mitempfinden. Mit 18 Jahren schafft er es bei der Führerscheinprüfung nicht mal, den Wagen anzulassen – und fällt durch.
    Solche Passagen haben Witz.


    Nach diesem langen Mittelteil springt der Autor 10 und kurze Zeit später 20 Jahre in der Handlung vor, nur um dann wieder vom ersten Liebeserlebnis des Jungen auf einer Klassenfahrt zu erzählen. Warum so umständlich?


    „Sehnsucht“ ist ein Roman, auf den sich der Leser einlassen muss!