Booker Prize 2011

  • Sicher klingt das so ausgedrückt pauschal.
    Es geht um das Wissen, Texte einschätzen zu können. Dieses Wissen muß erworben werden. Das geschieht meist lesend, lesen ist eben die Kulturtechnik, mittels derer wir Wissen aufnehmen.


    Ich stolpere in den letzten Jahren aber vermehrt über Buchkritiken und Meinungsäußerungen, sei es in Zeitungen, sei es im Radio, die sich durch auffallendes Unwissen über das Buch, das die Leute gerade vor der Nase haben und bewerben, auszeichnen.
    Das reicht von der Unfähigkeit, zuallererst einmal zu fragen, was Autorin/Autor mit ihrem Text eigentlich bezweckte bis hin zu falschen Informationen über Details, die in jedem Lexikon stehen.


    Ich habe z.B. nie kapiert, warum LeserInnen Müllers 'Atemschaukel' enttäuscht abbrachen, weil sie nach eigener Aussage eine emotionale Geschichte über Lager in Rumänien erwarteten, aber den Versuch bekamen, 'Hunger' mittels Sprache auszudrücken.
    Wieso erwarteten sie so etwas? Wußten sie nicht, wer Müller ist?
    Das wäre nicht schlimm, wenn sie am Ende nicht der Autorin vorwürfen, sie getäuscht zu haben. Das ist leider nicht nur einmal geschehen.


    Ich lese Äußerungen zu Gedichten, bei denen denjenigen, die etwas über die Gedichte sagen, es nicht einmal erwähnen, ob diese gereimt sind oder ungereimt. Von der Erwähnung von Metrum und Ähnlichem gar nicht erst anzufangen. Woher kommt so etwas?
    Ich muß bei einem Bild doch auch beachten, ob es ein Ölgenmälde ist oder eine Bleistiftskizze?
    Mein Eindruck ist der, daß hier Grundwissen fehlt, nie vermittelt wurde. Bildung, Bereich:musisch.


    Wie gesagt, ich spreche immer noch davon, daß das Ergebnis einer Auswahl einer Jury von außen kommentiert wird. Wenn man das tut, sollte man viel über die Auswahlbücher wissen.



    :wave


    magali




    .

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus



  • Diese Erklärung überzeugt mich - fast.
    Das Problem ist doch, dass eigentlich so ziemlich alles etwas oberflächlicher geworden ist und dazu gehören eben auch die professionellen Rezensionen die ich übrigens in ihrer Masse wenig überzeugend finde.
    Viele reden halt über Dinge von denen sie wenig oder gar keine Ahnung haben - egal auf welchem Gebiet jetzt.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Ich fürchte, ich sehe das Ganze auch als Entwicklung in allen Bereichen. Mal schnell drüberwischen, hopplahop, Hauptsache, man hat etwas gesagt.


    Ich bin aber durchaus der Ansicht, daß man sich dagegen zur Wehr setzen darf.
    Soll.
    Man kann das Prablem anpacken. Zuerst muß man es benennen. Da wir hier ein Bücherforum sind und hin und wieder die Frage nach Literatur aufkommt, dachte ich , ich fange einfach mal damit an. :lache




    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus



  • ......und das ist auch gut so! :grin

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Zitat

    Original von Googol
    Ich fand diesen Artikel im Guardian zu diesem Thema sehr interessant.


    Oh, ich hab ja "Pigeon English" schon Anfang des Jahres gelesen - und fuer gut gefunden. Es war im Rahmen meiner ehrenamtlichen Rezensionsarbeit fuers hiesige Literaturfestival. Da werd ich also noch die Rezi fuer die Eulen uebersetzen und einstellen muessen, um eben auch die deutschen Leser drauf aufmerksam zu machen ;-)


    Es ist aber interessant im obigen Artikel zu lesen, dass ein Roman auf englisch ja "novel" heisst und entsprechend ja was "neues" bringen sollte. Pigeon English ist ein wirklich gutes Buch, vom Stil her aber nicht wirklich neu, erinnerte mich auch an Mark Haddons "The Curious Incident of a Dog in the Night Time".


    edit: die Rezension ist jetzt hier zu lesen

    Gruss aus Calgary, Canada
    Beatrix


    "Well behaved women rarely make history" -- Laura Thatcher Ulrich

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Beatrix ()

  • Salonlöwin


    danke für den Link.
    Auf diese Gedanken kommt man unweigerlich, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Weder R.B. noch ich sind die einzigen, die so denken. Das Eulenforum als Ausgangspunkt verschiebt die Perspektive, wie so oft. Der Fokus hier ist ein anderer, die Atmosphäre gemütlich intim bis zur gelegentlichen Klaustrophobie. Man vergißt dabei hin und wieder, daß es bereits elektrisches Licht gibt. Irgendwo da draußen.




    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von magali ()

  • Zitat

    Original von magali
    Ich fürchte, ich sehe das Ganze auch als Entwicklung in allen Bereichen. Mal schnell drüberwischen, hopplahop, Hauptsache, man hat etwas gesagt.


    Ich muß Dir darin recht geben. Leider. Know-how, Kompetenz und Substanz hat an Wertigkeit verloren.

  • Zitat

    Original von magali
    Ich fürchte, ich sehe das Ganze auch als Entwicklung in allen Bereichen. Mal schnell drüberwischen, hopplahop, Hauptsache, man hat etwas gesagt.


    Ich bin aber durchaus der Ansicht, daß man sich dagegen zur Wehr setzen darf.
    Soll.
    Man kann das Prablem anpacken. Zuerst muß man es benennen. Da wir hier ein Bücherforum sind und hin und wieder die Frage nach Literatur aufkommt, dachte ich , ich fange einfach mal damit an. :lache


    Wieso ist die Jury nicht in der Lage, ihre Wahl in der von Dir geforderten Weise zu begründen? Oder tut sie es auf der Verleihung und keiner schreibt mit? Weder auf der Seite zum Booker Prize noch auf der zum deutschen Buchpreis gibt es überhaupt eine Begründung, was das betreffende Buch auszeichnet. Und der Kommentar von Jury-Mitglied Stella Remington in der Zeit "Wir dachten, es ist ein sehr schön geschriebenes Buch. Wir dachten, es ist ein Buch, das die Menschheit des 21. Jahrhunderts anspricht." ist mindestens ebenso lächerlich wie die von Dir kritisierten Kritiken.


    Wenn es bei den Buchpreisen tatsächlich darum geht, besondere Literatur auszuzeichnen, sollte man doch gerade in Zeiten des Copy+Paste eine Möglichkeit schaffen, die sprachlichen und/oder anderern Vorzüge, die die Jury so beeindruckt haben, herauszustellen. Eine entsprechende Beurteilung beim Internetauftritt des jeweiligen Preises würde sicher in vielen Zeitungen und Zeitschriften entsprechend verbreitet werden.


    Natürlich würden auch dadurch nicht alle Fehleinschätzungen ausgemerzt werden, aber es wäre doch deutlich mehr als die aktuelle Benennung eines Romans mit dem Kommentar: "ein sehr schön geschriebenes Buch".


    Wie gesagt, ich gehe davon aus und hoffe, daß bei der Laudatio eine bessere Begründung geliefert wurde, aber welcher Reporter schreibt da schon wirklich mit? Das kann man den Reportern verübeln, aber wenn man schon mit einem Preis Öffentlichkeitsarbeit machen wiil, muß man es den Zeitungen so leicht wie möglich machen. Das weiß jeder Kaninchenzüchtervereinspräsident...

    "Wie kann es sein, dass ausgerechnet diejenigen, die alles vernichten wollten, was gut ist an unserem Land, am eifrigsten die Nationalflagge schwenken?"
    (Winter der Welt, S. 239 - Ken Follett)

  • Zitat

    Original von Pelican
    Julian Barnes - The Sense of an Ending


    Eine Ankündigung für die deutsche Ausgabe habe ich nicht gefunden.


    Kurzbeschreibung
    Tony Webster and his clique first met Adrian Finn at school. Sex-hungry and book-hungry, they would navigate the girl-less sixth form together, trading in affectations, in-jokes, rumour and wit. Maybe Adrian was a little more serious than the others, certainly more intelligent, but they all swore to stay friends for life. Now Tony is in middle age. He's had a career and a single marriage, a calm divorce. He's certainly never tried to hurt anybody. Memory, though, is imperfect. It can always throw up surprises, as a lawyer's letter is about to prove. The "Sense of an Ending" is the story of one man coming to terms with the mutable past. Laced with trademark precision, dexterity and insight, it is the work of one of the world's most distinguished writers.


    Die Deutsche Ausgabe des Gewinner-Titels erscheint bei Kiwi.


    http://www.kiwi-verlag.de/das-…l/?isbn=978-3-462-04433-1

  • Klingt wirklich interessant, ich habe es mal auf meine Wunschliste gesetzt.


    Kurzbeschreibung
    Man Booker Prize 2011 für "Vom Ende einer Geschichte".


    Wie sicher ist Erinnerung, wie unveränderlich die eigene Vergangenheit? Tony Webster muss lernen, dass Geschehnisse, die lange zurückliegen und von denen er glaubte, sie nie mehr hinterfragen zu müssen, plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen. Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, schließen die beiden Jungen schnell Freundschaft. Auch später, nach der Schulzeit, bleiben die beiden in Kontakt. Bis die Freundschaft ein jähes Ende findet. Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erwecken plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie. Je mehr Tony erfährt, desto unsicherer scheint das Erlebte und desto unabsehbarer die Konsequenzen für seine Zukunft.


    Ein Text mit unglaublichen Wendungen, der den Leser auf eine atemlose Achterbahnfahrt der Spekulationen mitnimmt.

    „Die Tränen, die wir weinen, verdunsten vielleicht, aber sie verschwinden nicht.“
    (Zwischen zwei Träumen von Selim Özdogan)


    Mein Tauschregal

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Wiggli ()

  • Das Buch von Julian Barnes hört sich sehr interessant an. Ich denke, ich starte mal den Beschaffungsvorgang..... :wave

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Zitat

    Original von Groupie
    Und meine Weihnachts-Wunschliste wird immer länger... :rolleyes


    Nun brauchst du nur noch jemand der sie abarbeitet.... :grin

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Da lass ich mir was einfallen. Da ich das ganze Jahr über unglaublich lieb war, wird sich da hoffentlich jemand finden. Außerdem wünsche ich mir ja einen Kindle. Ich finde, man könnte das Buch ja quasi direkt draufladen. Und am besten alle anderen Bücher, die ich mir wünsche, auch noch. Ich sollte wohl einen Dackelblick aufsetzen, wenn ich das verkünde :lache!

  • Zitat

    Original von Voltaire
    Das Buch von Julian Barnes hört sich sehr interessant an. Ich denke, ich starte mal den Beschaffungsvorgang..... :wave


    Nun, dann warte ich schon mal gespannt auf den (sich hoffentlich anschließenden) Rezensionsvorgang :wave

    "Es gibt einen Fluch, der lautet: Mögest du in interessanten Zeiten leben!" [Echt zauberhaft - Terry Pratchett]