Kindheit in zehn Kapiteln
Was für ein großartiges, lustiges, philosophisch-hintersinniges und skurriles Buch!
In Form einer Graphic Novel bringt uns Nadia Budde in zehn Kapiteln wesentliche Phasen einer jeden Kindheit zurück, mit einem unglaublichen Blick fürs Detail, den wohl jedes Kind hat, der aber, so er nicht verloren geht, bei uns Großen doch allzu oft verschüttet ist.
Das können Betrachtungen zu Freuden und Nöten einer Kindernase sein, Gegenstand früher Perlenexperimente (bei meinem Bruder war es eine Erbse), Träger von ungeliebten Sommersprossen und später Pickeln aber auch, Medium unvergesslicher kindlicher Erinnerungen, seien es Omas oller Pelzmantel, der Geruch gekochter Nierchen bei der Schulspeisungen oder „Erbsensuppe mit Zigaretten“: Die Erinnerungen der Kindernase sind für immer im Erwachsenenkopf versteckt.
Oder es sind Erinnerungen an Oma und Opa auf dem Lande (was zu kindlich abgebrühten Vergleichen zwischen Stadttod und Landtod führt), Fernsehsendungen oder Ostseeurlauben.
Da Nadia Budde Ossi ist, kommen zudem noch die großen Rätsel einer Kindheit in der DDR hinzu.“Sammelt Brillen für Nicaragua“ ist für ein Kind ebenso kryptisch wie „friedliche Chorexistenz“. Und was die Erwachsenen vorsichtig macht, seltsame Typen in Lederjacken, die Nachbarin, die gewissenhaft über Westbesuch Buch führte oder verklausulierte Telefongespräche, irritieren auch das Kind.
Trotzdem, das Schönste an diesem Buch ist aber, wie es Vater (40), Mutter (40), Kind1 (18) und Kind2 (9) gemeinsam auf dem Sofa vereint und die Liste abarbeiten lässt.
Kind sein ist:
hinfallen (jaa!), Blut aus der Zahnlücke saugen (jaa!), die Todesbahn runterfahren (jaa!), tote Vögel beerdigen (jaa!), Eiskunstläuferin sein wollen (nein, nein, jaa, nein) und Kaugummi aus den Haaren schneiden (jaaa!).
Oder wie meine Kleine schon wieder verzweifelt vor der Eisbude steht, und sich nicht zwischen den 14 Eissorten entscheiden kann. Ein „Such dir was aus, aber beeil dich!“ entspannt die Situation augenblicklich.
Ach ja, die Illustrationen sind einfach großartig. Wirken sie auf den ersten Blick etwas grobschlächtig, tritt nach etwas Gewöhnung zutage, wie unglaublich präzise Budde das Leben in ein paar Striche umzusetzen weiß. Ähnlich der Text, verdichtet und reduziert, bringt er doch das Gefühlsleben eines Kindes auf den Punkt, so, dass sich auch Kinder daran erfreuen können. Das ist Poesie!
Deshalb ist das sicherlich kein Buch, das Kinder sofort zum Lieblingsbuch erwählen, es ist ein Buch, bei dem Kinder sich mit ihrer eigenen Existenz auseinandersetzen müssen. Aber wenn sie das mal tun, kann ein sehr, sehr amüsante Kommunikation zustande kommen, die allen Beteiligten einfach richtig viel Spaß macht. Möge Conny mit ihren albernen Kindergeburtstagen, Zahnarztbesuchen und Schulanfängen in den Regalen des Buchhandels versauern, Nadias Kindheit ist für alle Beteiligten um einiges unterhaltender!
Edit: auch hier muss ich an der Altersempfehlung rumkritteln, denn diese ist für dieses Buch gerade nicht passend. Entweder ist es für Kinder ab ca. 8, die sich in diesem Buch einfach wiederfinden, oder für ältere, die die schlimmsten Verwerfungen der Pubertät schon hinter sich haben.