Walter Kohl - Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung

  • Titel: Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung
    Autor: Walter Kohl
    Verlag: Integral
    Erschienen: Februar 2011
    Seitenzahl: 272
    ISBN-10: 3778792040
    ISBN-13: 978-3778792049
    Preis: 18.99 EUR


    „Außen in der Welt war ich nur noch der „Sohn vom Kohl“. Eine meiner Lieblingsredewendungen in diesen Jahren war, dass es völlig egal ist was ich tue ob es gut oder erfolgreich ist oder nicht. Denn wenn es gut oder erfolgreich ist, dann habe ich es nur geschafft, weil ich der Sohn meines Vaters bin, und wenn es schlecht gelaufen ist, dann ist es ja eindeutig, dass der Sohn von Helmut Kohl genauso ein Loser sein muss wie sein Vater.“ (siehe Seite 198 des Buches).


    In der Bezeichnung „Der Sohn vom Kohl“ liegt fast die gesamte Tragik des Lebens von Walter Kohl, dem ältesten Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers. Er hatte es schwer neben diesem Mann. Helmut Kohl sah in der CDU seine eigentliche Familie, sie (die CDU) war sein Leben. Für alles andere im wahren familiären Bereich war Hannelore Kohl zuständig; Helmut Kohl kümmerte sich kaum um familiäre Angelegenheiten. Walter Kohl musste immer wieder Prügel für seinen Vater einstecken, sei es in der Schule gewesen oder auch bei der Bundeswehr. Die Menschen machten ihn verantwortlich für das politische Handeln des Vaters. Und natürlich machten auch die Medien nicht vor der Familie Helmut Kohls halt.


    Walter Kohls Kindheit war alles andere als normal – und dabei hat er sich nichts sehnlicher gewünscht als ein ganz normaler Junge sein zu dürfen. Aber das geht nun einmal nicht, wenn man rund um die Uhr von Personenschützern umgeben ist, wenn man zudem einen Vater hat, der offensichtlich nicht an den Problemen des Sohnes interessiert ist. Alles in der Familie Kohl musste den politischen Ambitionen des Vaters untergeordnet werden, die Familie kam immer erst an zweiter Stelle, wenn überhaupt.


    Walter Kohl hat ein sehr sensibles Buch geschrieben, ein Buch das beileibe keine Abrechnung ist, sondern eher die Aufarbeitung des Lebens als der Sohn von Helmut Kohl. Walter Kohl wäscht keine schmutzige Wäsche, er nennt die Dinge halt beim Namen, wertet dabei aber nicht, sondern präsentiert seine Sicht der Dinge.


    Es ist ein interessantes Buch, ein Buch das sicher auch stellvertretende für viele Vater-Sohn-Beziehungen stehen könnte.


    Seit 2008 ist Helmut Kohl wieder verheiratet. Seine Kinder waren nicht zur Hochzeit eingeladen, sondern wurden lediglich durch ein unpersönlich gehaltenes Telegramm über die Eheschließung informiert.


    Auf Seite 269 kann man nachlesen wie es nun zwischen Helmut und Walter Kohl steht:


    Mein Vater hat sich inzwischen vollständig von mir losgesagt. Auf meine direkte Frage: „Willst du die Trennung?“ antwortete er mir knapp mit „Ja!“. Damit waren für mich alle weiteren Interpretationsmöglichkeiten ausgeschlossen.


    Walter Kohl war nur auf den ersten Blick in privilegiert. Für seine vermeintlichen Privilegien zahlte er einen ziemlich hohen Preis. Er wurde 1963 geboren und ist Diplom-Volkswirt.


    Ein sehr lesenswertes Buch, eine Lebensbeschreibung die mit vielen Vorurteilen aufräumt und die alles andere als selbstgerecht ist. Walter Kohl ist vielmehr als „nur“ der „Sohn vom Kohl“ – er ist ein eigenständiger Mensch mit einer sehr interessanten Persönlichkeit. Ein Mensch der sich nicht scheut auch zu seinen Gefühlen zu stehen, ein Mensch der sehr unter dem Tod der Mutter litt und bei ihrem Tod in ein tiefes Loch fiel, aus welchem er sich dann aber allein wieder befreien konnte.


    Ein Buch das wohl nicht unberührt lässt.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • Erst gestern habe ich einen Bericht über Walter Kohl und sein Buch gelesen. Allerdings sind mir da ein paar Sachen aufgefallen, die ich ein wenig - sagen wir - reißerisch dargestellt empfand:
    An einer Stelle wurde erwähnt, dass Walter an seinem ersten Schultag mit einem Stahllineal auf die Fingerkuppen geschlagen wurde. Es sollte ein Beispiel für sein Leiden unter dem Namen Kohl sein. Der Mann wurde 1969! eingeschult, da waren solche Methoden schon nicht mehr üblich. Ich weiß natürlich nicht, ob sich das so zugetragen hat, kann mir aber erstens nicht vorstellen, dass eine Lehrerin da noch zu solchen Strafen (aus nichtigem Anlass) gegriffen hat und zweitens jemand wie Hannelore oder Helmut Kohl so ein Verhalten gegenüber den Kindern tatenlos hingenommen hätte.
    Ich beneide Walter Kohl ganz sicher nicht um sein Leben als Sohn von Helmut Kohl und sicher sollte ich das Buch auch lesen und mich nicht auf den Bericht darüber verlassen, aber in diesem Interview kam er doch ein wenig wehleidig rüber - nicht unbedingt wie jemand, der Verantwortung für sich und sein Leben übernimmt, sondern die bei anderen sucht.
    Auf jeden Fall bin ich jetzt neugierig und werde in der Buchhandlung wohl mal reinlesen.

    Lieben Gruß Idgie



    Erst wenn man viel gelesen hat, lernt man wenig Bücher schätzen.

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  • Danke für die tolle Rezi!
    Ich war mir nicht sicher, ob dieses Buch nicht doch nur eine Abrechnung eines beleidigten Sohnes ist. Von solchen gibt es ja wahrlich genug, und lesenswert sind die Wenigsten!
    Deine Rezi hat mich überzeugt, daß ich es möglichst bald lesen möchte :wave

  • Ich hab es gerade gelesen und irgendwann nervte mich dieses ständige "Opferland"-Getue, von wegen, er will nun selbst sein Leben in die Hand nehmen, statt nur gelebt werden.


    Die Teile, in der biografisch berichtet wird, wie das Leben als Sohn von Helmut Kohl war und ist, haben mich sehr interessiert, doch sobald Walter Kohl davon anfing, wie sehr er Opfer war und als Sohn vom Kohl angesehen und vorverurteilt wurde, habe ich oberflächlich gelesen, weil mich einfach diese Wiederholungen störten und dieses Getue um Versöhnung, seinen Mann stehen, usw. in meinen Augen zu breit getreten wurde.


    Gut, es steht auch drin, dass er das Buch als Mittel zur Verarbeitung seiner Vergangenheit geschrieben hat, aber muss man das in der Öffentlichkeit tun? Hätte er nicht bei einem Tagebuch und den Kreis der Vertrauten bleiben können?


    Man kann über Helmut Kohl denken, was man will, aber mich interessiert mehr der biografische Aspekt als das Gefühlsleben des Sohn vom Kohl.


    Von mir nur 5 Punkte.

  • Das Buch hat mich gleich interessiert, als ich es gesehen habe. Wegen dem Preis hab ich dann doch erstmal gezögert. Umso dankbarer war ich, als mir Geli ihr Buch zum Lesen angeboten hat.


    Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich kann mich in allen Punkten nur Voltaire anschließen.


    Irgendwie denkt man immer, dass Kinder von Politikern/Schauspielern u.ä. privilegiert sind. Wenn man dieses Buch von Walter Kohl liest, würde man auf gewisse Privilegien sicherlich gerne verzichten. Nachdenklich hat mich gemacht, dass Walter Kohl in einer Zeit aufgewachsen ist, in der die Medienwelt sicherlich noch eine ganz andere war wie heutzutage. Welche Erfahrungen mögen prominente Kinder aktuell machen?


    Auf jeden Fall möchte ich jetzt auch das aktuelle Buch über Hannelore Kohl "Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl" lesen.