Russel H. Greenan - In Boston?

  • Titel: In Boston?
    OT: It Happened In Boston?
    Autor: Russel H. Greenan
    Übersetzt aus dem Amerikanischen von: Pociao
    Verlag: Diogenes
    Erschienen als Taschenbuch: Februar 2010
    Seitenzahl: 394
    ISBN-10: 3257239688
    ISBN-13: 978-3257239683
    Preis: 9.90 EUR


    Der Diogenes-Verlag feierte sich selbst und bezeichnete dieses Buch in aller Bescheidenheit als die „…sensationelle Wiederentdeckung des Kultbuches von 1968“.


    So sehr der Begriff „Kult“ – sei es jetzt in Verbindung mit einem Buch oder einem Film – immer wieder misshandelt und verballhornt wurde, manchmal war man sogar nahe daran dieses Wort zu vergewaltigen, so sehr trifft der Begriff „Kultbuch“ auf diesen Roman von Russel H. Greenan zu.


    Greenan hat mit diesem Buch der zeitgenössischen amerikanischen Literatur fast so etwas wie eine echte Sternstunde beschert. Wobei die Entstehungsgeschichte dieses Buches fast schon Stoff für einen anderen Roman bieten würde. In der Vorbemerkung zur amerikanischen Neuausgabe erzählt Russel H. Greenan wie dieses Buch zustande kam.


    Worum geht es nun in diesem Roman von Russel H. Greenan?


    Vordergründig geht es um den Maler Alfred Omega und um die Kunstszene in Boston, New York und London. Omega hat die Gabe sich in andere Welten und andere Zeiten zu träumen. Am besten gelingen ihm diese Tagträumereien auf einer Bank in einem Bostoner Park. Nebenbei ist Omega aber auch noch „praktizierender Egozentriker“, der seine Malkunst bei einem exzentrischen italienischen Meister erlernte. Gerade die Maltechniken der alten Meister konnte er so erlernen. Mit seinen beiden Freunden Littleboy und Faber, auch Maler, versucht Omega das „optimale Bild“ zu malen. Aber auch Littleboy ist von diesem Gedanken an das „einzig wahre“ Bild fasziniert. Beide schaffen daher, jeder auf seine Art, etwas wirklich Einmaliges. Während Littleboy die Geburt des Todes malt und darüber fast seinen Verstand verliert, schafft es Omega einen Leonardo mehr als täuschend echt zu kopieren.


    Eines Tages betritt der Kunsthändler Victor Darius die Welt der drei Freunde. Er schafft es die Bilder von Omega und Faber gut zu verkaufen, während Littleboy ein wenig auf der Strecke bleibt und immer sonderlicher wird bis er schließlich einem tragischen Unglück zum Opfer fällt.


    Aber auch Omega hat Probleme mit dem Leben. Seine Tagträume lassen ihn zu einem Verbrecher werden, seine Ehe scheitert und der Kunsthändler Victor Darius scheint nicht das zu sein für das er sich ausgegeben hatte. Alfred Omega scheint Opfer einer großen Intrige zu werden und erleidet auf der ganzen Strecke Niederlage um Niederlage. Zu guter Letzt verursacht er auch noch den Tod seines anderen Freundes Faber.


    „In Boston?“ ist ein unglaublich facettenreicher Roman. Mal ist es eine Reise durch die Kunstgeschichte, mal ist es fast ein Thriller, dann wiederum lässt uns der Autor in die Abgründe der menschlichen Seele blicken. Manchmal ist die Geschichte nüchtern real um dann aber von einem auf den anderen Satz fast wieder surreal zu werden. Es geht auch um die Sache nach Gott, den Alfred Omega unbedingt zur Rede stellen will.


    Manchmal wenn man so durch die Buchhandlungen geht, kann man schon den Eindruck haben, etwas wirklich Neues und Umwerfendes gebe es eigentlich gar nicht mehr. Dieses Buch von Russel H. Greenan beweist aber genau das Gegenteil. Es hebt sich so wohltuend vom alltäglichen Thriller-, Vampir – und Herz-Schmerz Einerlei der Bestsellerbüchertische ab. Mit diesem Buch, wenigstens ging es mir so, entdeckt man etwas Neues, etwas literarisch Erfrischendes, unabhängig davon, dass dieses Buch bereits 1968 erschienen ist und nun erst wiederentdeckt wurde.


    Und man kann Heinrich Wefing in der „FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG“ nur beipflichten wenn er schreibt: „Wenn der Roman jetzt noch einmal vergessen wird, dann muss man an der Welt verzweifeln.“


    Sicher wird es Leserinnen und Leser geben, die diesem Buch nichts abgewinnen können. Damit wird unter Garantie zu rechnen sein. Das aber wird die begeisterten Leser dieses Buches und das Buch selbst ganz sicher nicht stören.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. (Evelyn Beatrice Hall)


    Allenfalls bin ich höflich - freundlich bin ich nicht.


    Eigentlich mag ich gar keine Menschen.

  • "In Boston?" ist ein gewaltiger Roman, nicht nur inhaltlich (es passiert so einiges und die Geschichte nimmt immer wieder unerwartete Wendungen), sondern auch in seiner stilistischen Vielfalt.
    In der Regel weiß ich bei den meisten Romanen schon nach wenigen Seiten, ob sie mir zusagen werden oder nicht - mit dem Anfangssatz "In letzter Zeit habe ich das Gefühl, daß die Tauben mich ausspionieren." hatte mich dieses Buch bereits für sich gewonnen und so ging es auch weiter bis zum Schluß.
    Tolle Figurenzeichnung, ansprechende Erzählperspektive, viele skurrile Einfälle, Einschübe von (makabrem) Humor, glaubwürdige Dialoge - einfach ein stimmiges Gesamtpaket, das immerhin schon 45 Jahre auf dem Buckel hat, sich aber tadellos liest.
    Ich habe "In Boston?" wirklich gerne gelesen und halte es für einen lohnenden Geheimtipp für Leser, die gern amerikanische Romane mit intelligentem Aufbau und inhaltlichen Volten lesen.