Irre - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen - Manfred Lütz

  • Zitat

    Original von Gummibärchen
    naja, ich kenne sehr wohl ein paar Menschen, die ich als "normal" bezeichnen würde - diese find ich langweilig und uninteressant


    Findste? Die allerlangweiligsten Menschen finde ich die, die sich selbst als "totaaal crazy" bezeichnen :rolleyes

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • Zitat

    Original von DraperDoyle


    Findste? Die allerlangweiligsten Menschen finde ich die, die sich selbst als "totaaal crazy" bezeichnen :rolleyes


    Ich kenne niemanden, der sich selbst als "totaaaal crazy" bezeichnet. Ich kenne Menschen mit Macken, die mir sympathisch sind und die mich auch manchmal auf die Palme bringen. Aber das macht den Menschen für mich aus. Ich kenne jedoch mindestens 3 Leute (wobei ich zu zwei schon seit mindestens 3 Jahren nicht wirklich Kontakt habe), die ich als "normal" bezeichnen würde und die ich gerade deswegen langweilig finde. So wie es Menschen mit "Allerweltsgesicht" gibt, gibt es in meiner Welt Menschen mit "Allerweltscharakter". So als würde da die Persönlichkeit fehlen.
    Also...um es mal klar auszudrücken - ich kenn dich nicht, aber aufgrund deiner Beiträge wärst du in meiner Welt nicht normal. :grin


    Edit: Ach Mist...dass ich auch immer antworten muss. So war nicht der Plan. Naja...wozu sind Pläne da. Muss ich halt umdisponieren. :rolleyes

    With love in your eyes and a flame in your heart you're gonna find yourself some resolution.


    *Bestellungen bei Amazon bitte über Forumlinks (s. Eulen-Startseite) tätigen, um so das Forum zu unterstützen.*

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von Gummibärchen ()

  • Der wissenschaftliche Wert und der Unterhaltungswert gehen hier wohl weit auseinander.
    Die Ablehnung der "Schulmedizin" und Psychopharmaka feiert hier fröhliche Urständ, die Psychotherapie -von der ich Zeit meines Lebens nichts hielt und nichts halten werde- feiert sich ab als der Gipfel des medizinischen Fortschritts.


    Der Skandal ist, dass immer noch Handleser, Pendelschwinger und Klangschalentherapeuten und ähnliche Kurpfuscher ihre Steinzeitmedizin betreiben dürfen, dass 400 Jahre westlich-abendländische Aufklärung dermaßen für die Katz waren. :wave


    Allein das einfache Faktum, dass der Klapsmühlenaufenthalt (Schizophrenie) von im Schnitt drei Jahren (in den 50er Jahren) durch Psychopharmaka auf heute unter 3 Monate gesenkt wurden, könnte irgendwas bedeuten.
    Ebenso ist es mit Rückfalldauer und -häufigkeit: Der richtige Sprit, bei endogenen Erkrankungen, und die Birne funzt wieder.


    Anners beim Pendel-Klempner: Der Psychtherapeut behandelt seine Leute dreimal die Woche und im Schnitt sieben Jahre. In den 50ern waren es einmal pro Woche und zwei Jahre. "Heilungsquote" ebenso bescheiden wie heute. Dafür wurden allerdings etliche neue Therapien und dazu passende "Erkrankungen" entwickelt. Rattengeil: "Burnout"-Syndorme! Die Lizenz zum Gelddrucken, Leute! Borderline-Persönlichkeit: Kannse dich dooohhhhf fadienen!


    Na gut. Bevor ich mich aufrege.


    Mist, jetzt ist der Blutdruck oben.


    Also: Disease Mongering (Krankheitserfindung) bezeichnet ein unzulässiges Zuordnen normaler Lebensabläufe oder individueller Mängel wie etwa eine Glatzenbildung bei Männern zu therapiebedürftigen Krankheiten. Oder -derzeit in den USA envogue- das "Restless Leg-Syndrome". Rrrrratttengeil: Überfettete Couchpotatoes bemerken ein Zittern in den Beinen während sie nach 18 Stunden Sofahock und Chipskonsum vor der Glotze lungern. Datttt is freilich eine willkommene neue Krankheit, die sich herrlich privatissme abrechnen läßt. Prognose: Ab 2012 auch in Deutschland erhältlich! Langt zu und macht erstmal eine private Zusatzversicherung.

  • Zitat

    Original von Humpenflug
    Der Psychtherapeut behandelt seine Leute dreimal die Woche und im Schnitt sieben Jahre. In den 50ern waren es einmal pro Woche und zwei Jahre.
    ...
    Mist, jetzt ist der Blutdruck oben.


    Meiner auch.
    Wo hast Du denn die lustigen Zahlen her?
    Gerade mal 14% aller niedergelassenen Psychotherapeuten sind Psychoanalytiker. Und selbst bei denen ist eine hochfrequente Behandlung mittlerweile die Ausnahme. Bei Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen sowieso, da zahlt die Kasse gar nicht mehr als eine Sitzung pro Woche.

  • Ich habe ja immer mal Schwierigkeiten zu verstehen, wovon du sprichst, Humpenflug, aber um dieses Buch geht's in deinem "Beitrag" gerade nicht, oder?


    Jedenfalls ist Lütz
    - eher zurückhaltend, was seine Einstellung zur Psychotherapie angeht
    - bekennender "Schulmediziner und von der Notwendigkeit von Psychopharmaka
    - entschiedener Gegner der esoterischen Therapien


    also genau das Gegenteil von dem Sermon, den du hier ablässt. Oder geht es nur darum, mal wieder ein bisschen rumzupöbeln :gruebel

    Menschen sind für mich wie offene Bücher, auch wenn mir offene Bücher bei Weitem lieber sind. (Colin Bateman)

  • Zitat

    Original von Humpenflug
    die Psychotherapie -von der ich Zeit meines Lebens nichts hielt und nichts halten werde- feiert sich ab als der Gipfel des medizinischen Fortschritts.


    Wüsste ja gern, wo das passiert. :rolleyes


    Zitat

    Anners beim Pendel-Klempner: Der Psychtherapeut behandelt seine Leute dreimal die Woche und im Schnitt sieben Jahre.


    Auch hier hätte ich mal gerne die Quellen. Hahaha. :rolleyes

    Nee, ist klar.... :pille

    With love in your eyes and a flame in your heart you're gonna find yourself some resolution.


    *Bestellungen bei Amazon bitte über Forumlinks (s. Eulen-Startseite) tätigen, um so das Forum zu unterstützen.*

  • @ Humpenflug


    Holy shit, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. :wow


    Hier gibt es einen Link mit ein paar Studien zur Kosteneffizienz ambulanter Psychotherapie. Ich greife mal nur ein Beispiel raus, weil Du Schizophrenie und Borderline erwähnt hattest:


    Zitat

    Gabbard, G.O. et al.:
    The Economic Impact of Psychotherapy. A Review.
    (Am.J. Psychiatry 154 (1997), 147 -155)


    Meta-Analyse der Kosteneffizienz psychotherapeutischer Maßnahmen bei psychiatrischen Erkrankungen. In 8 von 10 randomisierten klinischen Studien und in allen 8 Studien ohne Randomisierung senkten die psychotherapeutischen Behandlungen die Gesamtkosten, ins besondere wenn sie bei Patienten mit schweren Erkrankungen (Schizophrenie, Bipolare Störungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung etc.) angewandt wurden. Die größten Einsparungen ergaben sich durch die Vermeidung stationärer Behandlungen und die Abnahme der Arbeitsunfähigkeit. Bei Patienten mit Borderline-Syndrom führte eine einjährige, zweimal wöchentlich stattfindende Psychotherapie zu Einsparungen in Höhe von etwa 10000 Dollar pro Patient und Jahr.

  • Zitat

    Original von Delphin
    @ Humpenflug


    Holy shit, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. :wow


    Hier gibt es einen Link mit ein paar Studien zur Kosteneffizienz ambulanter Psychotherapie. Ich greife mal nur ein Beispiel raus, weil Du Schizophrenie und Borderline erwähnt hattest:


    Ist es erlaubt, aus der von Dir selbst genannten Quelle zu zitieren: "Therapiedauer: durchschnittl. 41 Monate mit insges.238 Sitzungen.
    Befragungszeitpunkt: 0-5 Jahre nach Therapieabschluß (Durchschnitt 2,5 J.)"


    Diese 600 Leute der Untersuchung hatten jetzt nur 1,5 Sitzungen und auch nur 3 1/2 Jahre lang.


    Stationär ist der Durchschnittaufenthalt derzeit bei 3 Monaten .


    K O S T E N habe ich nirgends angesprochen. Es geht um Effizienz.
    Leider bedeutet Effizienz den Einsatz moderner Medikamente.


    Man kann einen Baum mit einem gefrorenen Hering fällen. Tolle Sache. Unglaublich ökologisch. Aber nicht effizient.


    Effizienz erzielst du hier durch den Einsatz von Benzinfressenden Maschinen.


    Die Psychotherapie ist per se nicht daran interessiert, zu heilen, sondern zu behandeln.


    Wenn du mit dem Hering den Baum dereinst schneller fällst, wie ich mit der Motorsäge, wirst du mich bekehrt sehen. :anbet

  • Zitat

    Original von Humpenflug
    Die Psychotherapie ist per se nicht daran interessiert, zu heilen, sondern zu behandeln.


    Versteh ich nicht. Ist ja nicht so, dass nicht jeder Psychotherapeut lange Wartezeiten hätte. Ist ja nicht so, dass wir zu wenig zu tun hätten und die Leute deshalb unnötig festhalten müssten.
    Wenn es uns vor allem darum ginge, die fette Kohle zu machen, hätten wir uns einen anderen Job ausgesucht. Wenn Du Dir nicht vorstellen kannst, dass Leute einen Beruf aus anderen Gründen als aus krassem Egoismus ergreifen, tust Du mir leid. (Nee, eigentlich nicht.)
    Du wirst für Deinen Psychotherapeutenhass Deine ganz persönlichen Gründe haben. Sie interessieren mich allerdings null.

  • Zitat

    Original von Katerina
    Wenn es uns vor allem darum ginge, die fette Kohle zu machen, hätten wir uns einen anderen Job ausgesucht. Wenn Du Dir nicht vorstellen kannst, dass Leute einen Beruf aus anderen Gründen als aus krassem Egoismus ergreifen, tust Du mir leid. (Nee, eigentlich nicht.)


    Ja, wenn's mir um's Geld gegangen wäre, hätte ich Devisenhändlerin bleiben und mir fünf Jahre Studium plus dreieinhalb Jahre Psychotherapieausbildung sparen sollen. :lache


  • Sag mal, spinn ich. In meinem Link wurde doch Effizienz angesprochen und nicht nur die Kosten vergleichen.


    Aber ok. Erstmal nur zu den Kosten. 238 Sitzungen ist ziemlich viel, ich vermute, dass es sich um analytische Therapien handelt. Bei tiefenpsychologisch-fundierten Therapieen liegt die Obergrenze bei 100 Stunden, bei Verhaltenstherapie bei 80 Stunden.


    Aber egal, nehmen wir nur die Kosten aus dem von Dir genannte Beispiel:


    Ambulant:
    238 Stunden à 80 Euro (gerundet, der Kassensatz liegt bei 81.03) = 19.285 Euro


    Stationär liegt der Tagessatz zwischen 170 und 350 Euro, nehmen wir die Mitte 260 Euro.


    90 Tage x 260 = 23.400 Euro.


    Soviel zu den Kosten stationärer Aufenthalte.


    Was die Effizienz angeht, ist kürzer nicht unbedingt effizienter. Es nützt mir überhaupt nichts, wenn ich jemanden mit Schizophrenie nach drei Monaten Psychiatrie einigermaßen symptomfrei entlasse (ich sag einigermaßen symptomfrei, weil Symptome wie Wahn oder Halluzinationen meist weg sind, aber es trotzdem oft noch kognitive Einschränkungen oder eine postschizophrene Depression gibt) und es keine ambulante Nachsorge gibt. Wenn nie über Compliance gesprochen wurde und der Patient dann bei erster Gelegenheit wegen der Nebenwirkungen das Neuroleptikum absetzt und rückfällig wird. (Studie zur Non-Compliance). Oder wenn kein angemessener Umgang mit Stress erlernt wurde und durch Stress ein erneuter psychotischer Schub ausgelöst wird, der einen weiteren stationären Aufenthalt zur Folge hat. Das nur mal als Beispiele.


    Mit einem Psychiatrieaufenthalt allein ist es meist nicht getan. Eine ambulante Psychotherapie könnte hier einen erneuten stationären Aufenthalt verhindern oder zumindest die Frequenz verlängern. Wenn in den nächsten drei Jahren nur ein stationärer Aufenthalt verhindert werden könnte, hätte es sich rein von den Kosten her schon gelohnt, drei Jahre ambulante Therapie zu machen.
    Mal ganz abgesehen von der erhöhten Lebenszufriedenheit, die hoffentlich auch erreicht wird.

  • Zitat

    Original von Salonlöwin
    Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente.


    Nein, wir können keine Rezepte ausstellen. Es gibt Überlegungen, dieses so zu ändern, dass Psychotherapeuten auch Psychopharmaka verschreiben dürfen (z.B. über eine Zusatzqualifikation), aber im Moment ist es so, dass die Patienten dann zum Arzt schicken müssen. Ich könnte mir aber vorstellen, die Zusatzqualifikation zu machen, wenn das irgendwann mal möglich ist.


    Ich hatte im Studium Psychopharmakologie, hab dort auch Diplomprüfung gemacht, und empfehle meinen Patienten, wenn ich es für angemessen halte, Psychopharmaka zu nehmen und mache auch eine ziemlich ausführliche Psychoedukation zu Psychopharmaka. Ich selbst bin nicht medikamentenfeindlich, sondern überlege eher, was wo sinnvoll ist. Mal ist es eine reine Psychotherapie, mal eine Kombibehandlung das kommt drauf an. Und auch darauf, was die Patienten wollen. Eine Pille, die man verschreibt und die dann nicht genommen wird, hilft auch nicht.

  • Hat mir sehr viel Freude bereitet das Buch.


    Als psychisch Kranker fühlte ich mich einfach geborgen bei Lütz. Der Mann vermittelt einem mit Anekdoten und gesundem Menschenverstand, dass man als psychisch Kranker ruhig zu seiner Krankheit stehen kann.


    Es ist zwar mehr ein Leitfaden durch die verschiedenen Krankheiten, als ein philosophisches Buch, aber ich fands trotzdem unterhaltsam.

  • Bisschen nervig - irgendwie wurde Lütz nicht müde, immer und immer und immer wieder die wahnsinnig Normalen und die blödsinnig Normalen und den ganz normalen Wahn- bzw. Blödsinn zu erwähnen; das hat mich dann irgendwann doch tierisch genervt.
    Aber grundsätzlich fand ich das Buch unterhaltsam, für den absoluten Neuling in Sachen "psychische Krankheiten" auch sicherlich ein bisschen lehrreich. Hauptsächlich lebt das Buch für mich aber davon, dass der Autor ziemlich sympathisch daher kommt und deutlich wird, dass so mancher "Normale" eine Behandlung dringender nötig hätte als die vermeintlich "Kranken". Das fand ich sympathisch, dass hier keinem eine Behandlung aufgezwungen werden soll, sondern allein Leidensdruck und Selbst- und/oder Fremdgefährdung Kriterien sind, die entscheiden, ob jemand behandelt werden sollte oder einfach so bleiben, wie er ist mit all seinen Macken, die wir wohl alle, mehr oder weniger ausgeprägt, haben. Und die "Normalen", die sich oft irrer verhalten als mancher Psychiatriepatient, werden eben darum nicht behandelt und gelten darum als gesund, weil sie sich selbst in ihrer Haut wohl fühlen und keinen allzu großen Schaden anrichten.
    Besonders nett fand ich die Beispiele, die er gebracht hat. Wie er z.B. bei einer schizophrenen Patientin die Medikamentendosis erhöht hat, damit sie keine Stimmen mehr hört, und stolz war, dass die Stimmen dann auch wirklich verschwunden waren; doch die Patientin war erzürnt, weil gerade die beruhigende Stimme einer ehemaligen Lehrerin ihr sehr gut getan hat. Und so hat er kurzerhand die Dosis wieder runtergeschraubt, bis die Patientin die Lehrerin wieder hören konnte. Das - so das Beispiel denn der Wahrheit entspricht - zeigt einen großen Respekt gegenüber den Menschen, auch denen gegenüber, die ein bisschen anders sind. Da könnte sich so mancher Therapeut oder Psychiater ein Scheibchen von abschneiden.
    Ich vergebe 7 Punkte für dieses kurzweilige Lesevergnügen, das einem zwar keine großen Erkenntnisse bringt zum Thema, aber doch ziemlich sympathisch dafür wirbt, einfach alle Menschen so anzunehmen, wie sie sind. Gut gefallen haben mir auch die Seitenhiebe auf neue "Erkrankungen" wie z.B. Burnout, auf den Drang, irgendwie alles krank zu reden heutzutage.

    Man möchte manchmal Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.


    Johann Nepomuk Nestroy
    (1801 - 1862), österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor