"Der Prinz von Berlin" - Marco Martin

  • Jamal Kassim, ein junger Libanese, wird von seiner Familie in den 90er Jahren zum Bauingenieur-Studium nach Berlin geschickt. Nicht, weil es sein Wunsch ist, Bauingenieur zu werden, sondern weil die Familie nach dem Bürgerkrieg große Chancen für ihn in diesem Beruf sieht. Schließlich wird in Beirut überall gebaut. Und so auch in Berlin nach der Wende, man merkt die Verachtung des Autors.


    Jamal wohnt zunächst bei einem tyrannischen Onkel und taucht dann ganz als schöner Exot in die Berliner Schwulenszene ein. Spricht bald besser Deutsch als die Deutschen und ist eben doch immer nur Ausländer zweiter Klasse. Aus Nahost und ohne unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Unter ihm sind nur noch die illegalen Bauarbeiter aus den Ostblockstaaten, die die Berliner Prachtbauten hochziehen. Dagegen geht es Jamal wirklich gut.


    Jamal hat leider nur ein Visum für 4 Jahre, so dass er noch nicht einmal sein Studium beenden könnte, eine Absurdität, die weider seine Eltern und auch die deutschen Behörden verstehen.
    In Jamal reift nach soviel Freiheit der Wunsch nach einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung heran, nur leider rennt ihm die Zeit weg, das Geld aufzutreiben, um eine Frau für eine Scheinehe kaufen zu können und einen anderen Weg gibt es nicht. Im Libanon ist schließlich kein Krieg, und dass Homosexualität dort strafbar ist, ist noch lange kein Asylgrund. Und seine beste Freundin Katja zögert unter dem Einfluß ihrer Mutter, einer Ehe zuzustimmen. So landet er schließlich selbst noch ganz unten als illegaler Arbeiter auf einer Baustelle.


    Mir hat das Buch inhaltlich sehr gut gefallen, allerdings hat mich der Stil nicht ganz überzeugt. Es wird episodenartig erzählt, so dass man über Rückblenden die ganze Geschichte erfährt und am Anfang fand ich es etwas verwirrend. Außerdem hat mich die Berlinerei seiner ersten Freundin genervt, ich hasse es Dialekt zu lesen. Zum Glück hört das dann mit der Trennung von ihr auf. Genervt hat mich auch das Peudopsychogelaber, etwas weniger wäre da mehr gewesen. Und die Frauenfiguren: Kerstin, Katja, Katjas Mutter.


    Trotzdem hat mich das Buch dann ab der zweiten Hälfte sehr gefesselt, so dass ich die letzten 300 Seiten an einem Abend durchgelesen habe.


    Grauenhaftes Cover übrigens, aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen.


    4 von 5 Amazon-Punkte.


    Über den Autor


    Marko Martin, geboren 1970 in Burgstätten/Sachsen, wurde in der DDR aus politischen Gründen nicht zum Universitätsstudium zugelassen und siedelte im Mai 1989 in die Bundesrepublik über. Af sein Studium an der FU Berlin und San Francisco (Arhur F. Burns Fellow) folgte ein mehrjähriger Aufenthalt in Paris. Marko Martin hat bereits zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Reisebücher, Romane und Essays in DER ZEIT, DER WELT, TAZ, TEMPO u.a.
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  • Mir ging es ähnlich wie Delphin. Am Anfang dachte ich echt, das Buch ist der totale Reinfall. Mir ging "det Berlinern" total auf den Nerv und dann immer diese Vergleiche mit Regina Hildebrand :yikes Ich muss gestehen, in den ersten Kapiteln war mir Jamal auch nicht sonderlich sympathisch und ich fürchtete, die 500 Seiten handeln davon, wie er sich durch Berlin poppt.


    Edit: Ich wollte noch anmerken, dass mir der Erzählstil am Anfang sehr simpel vorkam, aber später hat es mir gut gefallen. Toll fand ich die Einsichten von außen, eben eines Libanesen, auf Deutschland und auf die Deutsche Sprache. So weit ich das beurteilen kann, ist dem Autor das sehr gut geraten. (Edit Ende).


    Dann aber wendet sich das Blatt, sozusagen :zwinker, und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen und hab es dann in einem Rutsch gelesen. Ich litt mit Jamal und hätte mir nur gewünscht, er hätte mehr einflussnehmende Männerfiguren in seinem Leben gehabt. Die Frauenfiguren haben auch mich mehr oder weniger genervt (geht mir aber oft so).


    Meine Ausgabe hatte gottseidank auch ein dezenteres Cover :grin