Ich bin eine Wolke - Dagmar Kekulé (ab 12 J.)

  • erstmals erschienen 1978



    Paulina ist tough. Das muß sie auch sein, denn ihr Leben ist alles andere als in Ordnung. Lisa, ihre Mutter, ist ‚in Kur’, de facto in einer Klinik auf Entzug. Sie ist Alkoholikerin. Der Vater hat sich abgesetzt, Paulinas älterer Bruder ist davongelaufen, er gilt als verschollen. Paulina muß sich mit ihren gerade 15 Jahren alleine durchschlagen. Wohnung, Essen, Schule und ein Job, denn das Geld reicht hinten und vorne nicht, müssen auf die Reihe gebracht werden. Sie hat Glück, daß sie mit einer Jugendbande und dem Betreiber eines Autokinos eine Art Handel abschließen konnte, durch den sie ein paar Mark damit verdient, daß sie den BesucherInnen Getränke und Knabbereien zu den Autos bringt. Die Arbeit dauert allerdings bis spätabends, Paulina muß immer auf der Hut sein, daß weder die Polizei sie dabei erwischt noch die neugierigen Nachbarinnen beim späten Nachhausekommen. Am gefährlichsten aber ist das Jugendamt, die würden sie sofort wegschließen und was soll dann aus Lisa werden? Lisa und Paulina gehören doch zusammen, Paulina ist die einzige, die für Lisa sorgen kann, und Lisa ist die einzige, mit der Paulina eigentlich zusammenleben will.


    Ein wenig Unterstützung findet Paulina bei ihrer besten Freundin Sonja. Das hält jedoch nicht lange vor, die gutbürgerliche Familie ist Paulinas Krisensituation nicht gewachsen, nicht ihrer Hartnäckigkeit und nicht ihrem Mundwerk.
    Daß sich dahinter ein immer ängstlicher werdendes, sehr junges Mädchen steckt, begreift niemand. In ihrer Einsamkeit läßt sich Paulina dazu verlocken, den Bruder des Anführers der Jugendbande, der wieder einmal aus dem Erziehungsheim ausgebrochen ist, bei sich aufzunehmen. Das führt genau zu der Katastrophe, vor der sich Paulina so gefürchtet hat. Sie soll in ein Heim gebracht werden. Paulina brennt durch. Sie hat nur noch einen Traum, nämlich Lisa aus der Klinik zu holen und mit ihr fortzugehen. Aber Träume und das Leben lassen sich nicht einfach so zusammenbringen.


    Kekulé läßt Paulina ihre Geschichte selbst erzählen. Mit einer fast unheimlichen Treffsicherheit findet sie immer den richtigen Ton, Paulinas Träume, ihre wachsende Unsicherheit, ihre Überzeugungen, ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre Sehnsucht nach einem geregelten Leben, ihr Freiheitsdrang, ihre Enttäuschungen bilden ein dichtes Gewebe, das die immer rasanter werdende Handlung trägt. Paulina ist eine sehr überzeugend geschilderte Fünfzehnjährige in Nöten. Weltweise und unsicher, entschlossen und furchtsam, verträumt und realistisch von einem Satz zum nächsten. Ihre Sehnsucht nach Geborgenheit reibt sich immer stärker an einer aussichtsloser werdenden Realität. Ihre Ängste werden ebenso unmittelbar spürbar wie ihre Träume.


    Unbarmherzig protokolliert die Autorin das Versagen von Paulinas Umwelt. Da ist die abstoßende Neugier und Einmischerei der Nachbarin, die mit der Hausbesitzerin im Bund die ‚Asozialen’ nur noch aus dem Haus haben möchte. Dort sind die wohlmeinende, aber völlig verständnislose, weil von altmodischen Vorstellungen über Mädchen geprägte Beamtin des Jugendamts, gereizte Lehrerinnen und Lehrer, die Paulina einfach nichts zutrauen, und Kleinkriminelle, von Gleichaltrigen bis hin zum Kinobesitzer, die Paulina nur ausnützen. Einen sehr bösen Einblick gibt es ins Leben der Abgesicherten und Wohlsituierten, die ein wenig Gutes tun wollen und glauben, daß man die Welt retten kann, wenn man nur gute Tischmanieren zeigt und ordentlich frisiert ist. Paulinas Geschichte weckt in einer das Gefühl, hilflos zusehen zu müssen, wie sich eine Schlinge immer enger zusammenzieht.


    Das Buch ist über dreißig Jahre alt, es stammt aus einer Zeit, in der Sozialkritik im deutschen Jugendbuch Einzug hielt. Nicht selten schoß man damals über das Ziel hinaus und verfiel platter Moral bis hin zum Kitsch. Kekulé passiert das an keiner Stelle. Ihr ist ein bewegender und spannender kleiner Roman über ein sehr tapferes Mädchen gelungen, der auch heute noch überzeugt.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Waaaah...beim Lesen des Textes kams mir schon so bekannt vor und als ich das Cover sah. Das hab ich als Kind mal gelesen und kann mich sogar noch an fast alles erinnern. Soll heißen: Es ist echt gut, da es mir immer noch nach ewig langer Zeit im Gedächtnis geblieben ist!

  • Das Buch ist wirklich sehr gut - und trotz anderer Zeit hat es eigentlich nicht viel an Aktualität verloren.


    Ehrlich - das Verhalten der Leute ist doch noch genauso besch..... wie es auch damals schon war. Egal ob es die ewig nörgelnden, lästernden Nachbarn sind, oder die desinteressierten Lehrer, die im Grunde völlig gleichgültigen und recht emotionslosen Mitarbeitern des Jugendamtes...... : man könnte das Buch auch in die heutige Zeit versetzen: die Kernsachen und (Fehl)leistungen der Leute wäre noch genau dieselbe Grütze. Traurig aber wahr.


    Ich hab Paulina aus dem Buch immer bewundert. Sie ist ein wirklich starker Charakter. Sie strampelt sich ab, und kommt trotzdem (auf Grund der Umwelt um sie herum) doch trotzdem nie auf einen grünen zweig. Realistisch und mitten aus dem leben gegriffen nenne ich das.

    "We are ka-tet...We are one from many. We have shared our water as we have shared our lives and our quest. If one should fall, that one will not be lost, for we are one and will not forget, even in death."Roland Deschain of Gilead (DT-Saga/King)