Dann eben mit Gewalt - Jan de Zanger (ab 14 J.)

  • OT: Desnoods met geweld 1986


    Lex ist siebzehn und verliebt. In Sandra, die Wunderschöne, Stolze. Seit einigen Monaten sind sie ein richtiges Paar, das darf die ganze Schule wissen. Für Lex ist die Welt einfach wunderschön.
    Eines Tages aber reißen die rosa Wolken auf. Sandra wird auf der Straße zusammengeschlagen, ‚weil sie schwarz ist’, wie ihr die Angreifer klarmachen. In Schultaschen und Büchern tauchen auf einmal Drohbriefe auf: ‚Keine weiße Hand auf schwarzer Haut!, ‚Unsere Schule ist weiß’ schreien sie. Rassistische Wandsprüche folgen, eines Morgens sind fast alle Innenräume der Schule damit verunstaltet. Weitere Schüler ausländischer Abkunft werden verprügelt.


    Die LehrerInnen sind hilflos. Es ertönen Appelle an Anstand und Menschenliebe, im Unterricht wird über Rassissmus psychologisiert und theoretisiert, freundliche Projekte werden ins Leben gerufen. An der Gewalttätigkeit der Gruppe, die sich ‚White Power’ nennt, ändert sich nichts. Noch immer ist sie unsichtbar, agiert als unheimliche Macht im Hintergrund.


    Lex, voller Sorge um Sandra, beschließt, herauszufinden, wer hinter ‚White Power’ steckt. Sandra jedoch verhält sich immer merkwürdiger. Anstatt sich ihm anzuschließen, weicht sie ihm aus. Er kann kaum noch mit ihr über die Sache reden, sie wird sofort bissig und dann aggressiv. Gut, daß er Ines kennenlernt, die ihm bei seinen Nachforschungen hilft.
    Ihre Detektivarbeit führt die beiden zurück in die eigene Schule. Sie müssen sich der Erkenntnis stellen, daß Mitschüler und Freunde auf der anderen Seite stehen
    Zugleich wächst das Gefühl, daß da noch mehr dahintersteckt, bald fühlen sich Ines und Lex ständig beobachtet und bedroht. Als sich der Druck entlädt, befindet sich Lex durch einen dummen Zufall mitten im Geschehen. Sandra versucht zu retten, was zu retten ist, aber es ist fast zu spät. Ob es für ihre Liebe auch zu spät ist, muß die Zukunft zeigen.


    In seinem zehnten Jugendbuch geht es de Zanger (1932 - 1991) nicht um Rassissmus, sondern um die Frage, was man dagegen tun kann. Er beschreibt eindringlich und detailliert die unterschiedlichen Reaktionen der Betroffenen. Das Staunen, die regelrechte Verblüffung bis dahin ahnungsloser, weil gut beschützter und vor allem weißer Menschen, die sich auf einmal mit rassistischer Gewalt konfrontiert sehen. Die wachsende Unsicherheit, die Angst. Das schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit. Und immer wieder die Weigerung sich einzugestehen, daß Menschen, mit denen man tagtäglich zu tun hat, Gleichaltrige, mit sehr ähnliche Sozialisierung, fähig sind, auf andere einzuprügeln, nur weil diese anderen zu ‚Anderen’ erklärt wurden.


    Lex, der mit seinen siebzehn Jahren, immer wieder zwischen dem Drang nach Selbständigkeit und dem kindlichen Wunsch schwankt, ein Erwachsener möge eingreifen und der bösen Sache ein Ende setzen, ist wirklich gelungen. sein Zögern, seine Blindheit gegenüber Sandras Gefühlen, seine unbedingte Liebe, für die er zugleich exakt die Anerkennung fordert, die er allein definiert hat, sind überzeugend eingefangen.
    Geradezu beängstigend überzeugend sind die hilflosen Erwachsenen beschrieben, von denen sich ein Gutteil am liebsten vor dem Problem drücken würde. Die Mahnung, daß dieses eben wegen dieser Haltung vielleicht nicht entstehen, aber sich in der Schule ausbreiten konnte, steht versteckt zwischen den Zeilen.


    Einen ganz neuen Blickwinkel bringt der Autor mit der Rolle Sandras. Hier wird nicht der handelsübliche Liebeskitsch ‚Wir gegen die Welt’ dargestellt, Zanger geht vielmehr der Frage nach, wie unterschiedlich sich offener Rassissmus auf die Betroffenen auswirkt. Er erweist sich als trennendes Moment, nicht vereinigend, ein mutiger Ansatz und näher an der Realität als die Liebes-Lösung. Dabei vergißt er nie, daß Sandra und Lex Teenager sind, mit den üblichen Problemen einer Liebesbeziehung. Zuneigung, Mißverständnisse, Machtkämpfe, Eifersüchteleien werden durchlebt, nicht selten ohne daß das den beiden richtig klar wird. Es ist eher die Außensicht der LeserInnen, die es möglich macht zu verstehen, was in dieser Beziehung genau passiert. Das ist allerdings nicht immer einfach, weil man das Geschehen nur aus Lex’ Augen betrachtet und man Sandras Handlungsweise erschließen muß.


    Es ist sehr dicht geschrieben und ein bißchen knifflig aufgebaut, der Text ist durchsetzt mit Rückerinnerungen auf die Entwicklung der Liebe zwischen Sandra und Lex und zugleich mit Reflexionen der Hauptperson über das aktuelle Geschehen.
    Äußerst detailliert ist die Detektivarbeit von Ines und Lex beschrieben, sie scheint mit Absicht in die Länge gezogen, damit dieser Handlungsstrang nicht zum klassischen Krimi wird. Die eigentliche ‚detection’ gilt der Frage, wie man mit Rassissmus umgeht, erst in zweiter Linie der Frage ‚Whodunnit’. Die Grundfrage wird im übrigen an die LeserInnen weitergegeben, in diesem Punkt ist der Autor unerbittlich.


    Die Antworten, die de Zanger selbst gibt, sind interessanterweise in keinem Fall positiv. Er beschreibt nur, was man nicht tun soll. Auch das eine originelle Position in einem Jugendbuch, vor allem, wenn man seine Entstehungszeit berücksichtigt, Mitte der 1980er Jahre. Damals behauptete man doch noch fröhlich, zu wissen, wie man die Übel der Welt heilen kann.


    Sehr vielschichtiger, anspruchsvoller Jugendroman, der die Zielgruppe wahrscheinlich vor nicht geringe Verständnisprobleme stellt, weil er gegen die meisten Konventionen, die das Thema mit sich bringt, radikal verstößt.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus