Die vierzehnjährige Sinem hält nicht viel von Religion und vom Kopftuch tragen schon gar nichts. Ihre Großmutter trägt eins, ihre Mutter ist gläubig, betet an Feiertagen und hält auch die Fastenzeit ein, aber das tun Mütter eben. Was geht Sinem das an? Der kurze Besuch einer strenggläubigen Kusine geht ihr deswegen auch nur auf die Nerven. Sinem ist froh, daß die ‚Kakerlake’ - der Spottname für schwarz verschleierte Frauen - bald wieder verschwindet.
Dummerweise verschwindet das Thema ‚Religion’ nicht mit ihr, sondern drängt sich unserer jungen Protagonistin durch das endgültig durchgesetzte ‚Kopftuchverbot’ für Lehrerinnen und Beamtinnen auf. Richtig ist das, findet Sinem, nicht zuletzt im Gedanken an die lästige Kusine. Als Frau Müller, die Lehrerin in Gesellschaftslehre, das Thema prompt mit der Klasse diskutiert, legt Sinem so richtig los.
Mit ihren Beiträgen trifft sie vor allem Canan. Mit Canan war sie einmal befreundet, aber das ist lange her. Und seit Canan mit Kopftuch herumläuft, kann man überhaupt nichts mehr mit ihr anfangen. Am besten, man spricht überhaupt nicht mit solchen!
Am Tag nach der heftigen Diskussion, die Sinem zur Heldin der Klasse gemacht hat, aber erfahren sie, daß Canan am Vortag nicht nach Hause gekommen ist. Zum Unterricht erscheint sie auch nicht. Auch in den folgenden Tagen taucht Canan nicht auf. Wo ist Canan? Was ist mit ihr passiert?
Getrieben von Schuldgefühlen, alten und neuen, und dem immer drängender werdenden Gefühl, sich ernsthaft mit der Religion auseinandersetzen zu müssen, macht sich Sinem auf die Suche nach ihrer ehemaligen Freundin. Auf ihrem Weg trifft sie manche kühne Entscheidung, z.B. die, zur Abwechslung einmal mit einem Kopftuch herumzulaufen. Sie erfährt dabei vieles, nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst. Das Wenigste davon ist angenehm. Aber das sind die Erfahrungen, die eine auf der Suche nach dem eigenen Weg macht, selten.
Çelik hat für ihren Jugendroman über das Leben von Moslems in Deutschland die Perspektive zweier türkischer Mädchen gewählt. Der Hauptteil der Geschichte wird von der Ich-Erzählerin Sinem berichtet. Unterbrochen ist ihre Darstellung von Kurzberichten über Canan, der dadurch zwar nur vermittelt eine eigene Stimme gegeben wird, deren stark changierende Rolle zwischen Opfer von Vorurteilen verschiedenster Art und jungem Mädchen mit eigenem Willen aber eben durch die Daraufsicht deutlicher wird.
Es ist eine faszinierende Problemstellung, allerdings geht es zunächst einmal darum, die Frage nach der Bedeutung von religiösen Bestimmungen und Verhaltensweisen im Alltag zu stellen. Extreme Positionen werden nur angedeutet, wichtig ist der Autorin, die ganz normale Neugier zu stillen. So folgen wir Sinem in die Moschee und in den Koranunterricht für Mädchen, zum Freitagsgebet und können sie auch bei einer Diskussion in der Familie über das rituelle Fasten beobachten. Es werden soviel unterschiedliche Standpunkte wie nur möglich eingebracht, wobei der Autorin das Kunststück gelingt, nur selten ins Holzschnittartige abzugleiten.
Die Politik wird allerdings weitgehend ausgespart, es geht im Kern darum, die Figuren eigene Haltung zum Glauben zu finden zu lassen und vor allem darum, klarzumachen, daß sie das Recht dazu zu haben. Angesichts dessen, daß es beim Thema Islam in der öffentlichen Diskussion in der Regel nur um extreme Positionen geht, ist es eine durchaus berechtigte Entscheidung, einmal die gemäßigte Mitte in den Vordergrund zu rücken.
Die beiden Protagonistinnen werden ungemein lebendig, man steht beim Lesen bald auf beiden Seiten, mit der gleichen Entschiedenheit und mit dem gleichen Maß an Mitgefühl. Überzeugend auch die Eltern, auch wenn sie ganz im Hintergrund agieren, es ist eine Geschichte über Jugendliche. Überzeugend gezeichnet und so geschickt eingesetzt, daß sie zu einem regelrechten Spannungsmoment wird, ist die Figur der jungen Koranlehrerin. Auch wenn man bald ahnt, wie die Geschichte zusammenhängt, verrät sich die Autorin nicht, bis der rechte Moment zur Auflösung gekommen ist. Für die jugendliche Zielgruppe ist die Lösung sicher weitgehend überwältigend.
Der Roman liefert eine Menge Sachwissen über den Islam. Wichtige Begriffe sind im Text fett gedruckt, eine Entscheidung, die sich beim Lesen ungünstig auswirkt, denn sie verleiht dem Buch Lehrbuchcharakter. Es ist aber kein Lehrbuch, es ist in allererster Linie eine sehr, sehr spannende Geschichte. Die Begriffe werden in einem Anhang erklärt, aber auch dabei hat man nicht recht nachgedacht. Sie werden nämlich in der Reihenfolge erklärt, in der sie im Text auftauchen. Wenn man aber einmal vor lauter Spannung nicht nachschlagen will, weil die Handlung gerade wichtiger ist, als zu wissen, was genau ‚Hodscha’ bedeutet oder wie das arabische Alphabet aufgebaut ist, blättert man hinterher wild herum, bis man den Begriff wiedergefunden hat. Eine alphabetische Reihenfolge wäre praktischer gewesen. Ein längeres arabisches Zitat bleibt leider auch unübersetzt, im Text wie im Glossar.
Sehr spannender und informativer Jugendroman über ein ungewöhnliches Thema, der vor allem zu einem auffordert: nie aufgeben, miteinander zu reden, ganz besonders dann nicht, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.