Jankel und seine kleine Schwester Rochele kommen aus einem kleinen böhmischen Dorf nach Prag, um dort bei ihrem Onkel, dem berühmten Rabbi Löw zu leben. Das Stadtleben bringt große Umstellungen, die Geschwister werden getrennt, Rochele wird in einer anderen Familie untergebracht, der fünfzehnjährige Jankel fängt als Lehrling bei einem Bäcker an. Obwohl er im Haus seines Onkels freundliche Aufnahme gefunden hat, geht es seiner Meinung nach dort unheimlich zu. Grund seiner Ängste ist Josef, der häßliche, stumme Synagogendiener. Er spioniert Josef nach und kommt auf die Spur eines schrecklichen Geheimnisses.
Die wachsende Freundschaft mit einem anderen Bäckerlehrling, Schmulik, der auch ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist, trösten Jankel ein wenig über seine Ängste hinweg. Nicht trösten kann ihn Schmulik allerdings über die wachsende Judenfeindschaft in der Stadt, die sich immer häufiger in gewalttätigen Übergriffen auf das Judenviertel Ausfluß verschafft.
Eines Tages wird einer der reichsten Männer des Viertels, Reb Meisl, unter der Anklage verhaftet, ein christliches Mädchen ermordet zu haben. Zu Jankels größtem Schrecken schickt ihn sein Onkel zusammen mit dem unheimlichen Josef fort, um herauszufinden, was hinter der bösen Anschuldigung gegen Reb Meisl steckt. Überraschenderweise entwickelt Jankel dabei Gefühle der Zuneigung für Josef, von dem er inzwischen sicher weiß, daß dieser kein Mensch, sondern ein von seinem Onkel künstlich erschaffenes Wesen, ein Golem, ist.
In der Folgzeit können Rabbi Löw, sein Golem und Jankel die Judenstadt und ihre BewohnerInnen noch einige Male vor dem Untergang retten, dann aber kommt es zu einer Katastrophe. Josef gerät außer Kontrolle. Jemand muß ihn zum Stilstand bringen.
Mirjam Pressler, preisgekrönte Übersetzerin und seit über zwanzig Jahren auch Schriftstellerin mit dem Schwerpunkt Jugendbuch, hat dieses Mal ein historisches Thema gewählt und zugleich ein Thema aus dem Reich der Legenden. Es ist die Geschichte des sagenhaften Golems, den die Überlieferung mit dem Gelehrten und Philosophen des 16. Jahrhunderts, Jehuda ben Bezal’el Löw ( geb. zw. 1512 und 1525, gest. 1609), zusammenbringt. Er soll dieses Wesen aus Lehm erschaffen und zum Leben erweckt haben, um seine GlaubensgenossInnen zu schützen.
In diesen Legendenstoff webt Pressler die Geschichte Jankels, des zwar verläßlichen, aber noch etwas naiven Jungen vom Dorf, der in der Stadt erwachsen werden muß. Seine Geschichte spielt sich strikt in einer Welt ab, die in Romanen eher selten dargestellt wird, dem jüdischen Alltag der frühen Neuzeit. Gebote, Riten, Gebete, Segensprüche, Geschichten aus Thora und Talmud werden eingeflochten. Diese fremde Welt wird streckenweise durchaus lebendig, krankt aber immer wieder an Überfrachtung mit Information und einem unterliegenden, leicht didaktischen Ton.
Es treten sehr viele Personen auf, die Verwandtschaftsbeziehungen sind auch bei aufmerksamem Lesen erst nach mehreren Anläufen zu erfassen, nicht zuletzt deswegen, weil die Autorin konsequent wenig vertraute Namen benutzt. Hauptsächlich aber liegt es daran, daß die Figuren trotz aller Bemühungen letztlich wenig Konturen entwickeln. Die inniger werdende Freundschaft zwischen Jankel und Schmulik wird immer wieder mit der Beziehung zwischen David und Jonathan verglichen, in der Romanhandlung aber fehlen Belege für die Innigkeit, abgesehen von den Behauptungen der tiefen Freundschaftsgefühle, die Jankel wieder und wieder äußert. Es ist dabei einfach zu bedenken, daß diese alte Freundesgeschichte heutzutage weit weniger bekannt ist und deswegen ihre volle Wirkung, die ein kulturelles Wissen bei einer breiten LeserInnenschicht voraussetzt, nicht mehr entfalten kann.
Blaß bleibt auch die traurige Liebesgeschichte zwischen Schmulik und Fejgele, der jüngsten Tochter des Bäckers, sie ist viel zu zart gearbeitet, um Überzeugungskraft zu gewinnen. Die bewegend geschilderte Friedhofsszene gegen Ende des Romans hebt das Ganze um ein Beträchtliches, kommt aber etwas zu spät.
Das unheimliche Moment, das mit der Gestalt des Golems Josefs eingeführt wird, blitzt gelegentlich durch, der eigentliche Schauder aber angesichts dieses künstlichen Lebens bleibt aus. Durch die Diskussion am Ende über die Überheblichkeit des Menschen, der sich in Gottes Schöpfung einmischt, bekommt es dann sogar einen merkwürdig moralistischen Einschlag.
Sein Schöpfer, Rabbi Löw, der die klassische Rolle des Magiers verkörpert, wirkt uneinheitlich schwankend zwischen Weisheit, Großvaterrolle und allmächtig-unheimlichem Retter. Sehr bedauerlich ist, daß aus den weidlich bekannten okkulten Neigungen des Kaisers, Rudolfs II., keinerlei erzählerisches Kapital geschlagen wurde. Löws Auftritt am Hof verkommt so zu einem nahezu leblosen Zirkuskunsstückchen.
Der Aufbau des Romans ist interessant und erzählerisch eine Herausforderung. Die Geschichte wird personal erzählt, aber immer wieder unterbrochen durch kurze Schilderungen des Ich-Erzählers Jankel seiner Gefühle in bestimmten Momenten bis hin zu Rückerinnerungen an seine Kindheit. Die Geschichte zieht beim Lesen also abwechselnd in der Panoramaschau und dann wieder in einzelnen Großaufnahmen eines kleinen Ausschnitts an einer vorüber, wobei sich aus dem Ausschnitt wichtige Teile der Gesamtgeschichte ergeben, als Hintergrund wie weiterführend. Das verstärkt die gefühlsmäßige Anbindung der Leserinnen und Leser und betont die vorgebliche Realität, in der sich das sagenhafte Geschehen abspielen soll.
Da aber dadurch nicht wenige Ereignisse zweimal, wenn auch aus unterschiedlicher Entfernung, berichtet werden, führt das Verfahren auch zu Wiederholungen, die aufs Ganze gesehen die Geschichte dann doch etwas zähflüssig machen.
Tatsächlich erweist sich der Aufbau als schlüssig, wenn sich am Ende herausstellt, wer der Erzähler des Ganzen ist. Es handelt sich ja nicht nur um die Geschichte des Golems, sondern um die Entwicklung einer der Hauptpersonen aus der Jugend zum Erwachsenen. Dennoch erleichtert sie das Lesen nicht gerade, ein nicht unwesentlicher Einwand angesichts des noch jugendlichen Alters der Zielgruppe.
Das Buch ist eine recht gewichtige Angelegenheit, fest gebunden, auf schwerem Papier gedruckt, bringt es mit seinen ca. 360 Seiten über 500g auf die Waage. Man spürt sie beim längerem Lesen in den Armen, umso mehr, als sich die Handlung doch in die Länge zieht. Der Schutzumschlag ist schön gestaltet, angesichts der Sorgfalt wundert man sich aber über das wenig attraktive Lehmgrau des darunterliegenden Einbands. Aber vielleicht soll dieses fahle Graubraun ja die Hautfarbe des armen Golems symbolisieren.
Ein Glossar am Ende erklärt die jiddischen und hebräischen Ausdrücke, die im Text durch Sternchen markiert sind.
Ein interessanter Versuch, eine sehr spannende Legende neu zu erzählen. Das moderne, Fantasy-verwöhnte jugendliche Publikum wird allerdings nicht recht glücklich werden damit. Wer romanhaft-unterhaltsam über jüdische Legenden, Sitten und Gebräuche informiert werden will wie auch über Judenfeindschaft am Ende des 16. Jahrhunderts in Prag, findet eher, was sie sucht, muß aber einiges an Geduld und Aufgeschlossenheit mitbringen. Und kräftige Arme.