Jennie Erdal - Die Ghostwriterin

  • OT Ghosting


    Über den Autor
    Jennie Erdal arbeitete als Lektorin und Übersetzerin. »Die Ghostwriterin« war das erste Buch, das unter ihrem Namen erschien. Sie lebt in St. Andrews, Schottland, und ist Mutter von drei Kindern.


    Kurzbeschreibung
    Als Jennie einen charmanten Bonvivant und Pascha der britischen Verlagswelt trifft, beginnt für sie ein neues Leben. Sie wird seine Vertraute, seine Begleiterin und - sein Verstand und seine Stimme. Denn sie kann, was er nur bedingt vermag: Worte perfekt einsetzen. Allmählich verfasst sie für ihn seine gesamte Korrespondenz inklusive seiner Liebesbriefe, und schon bald plant er »seinen« ersten Roman mit ihr. Doch der literarische Wurf lässt auf sich warten: Jennie plagt ein Writer's Block, vor allem die von ihm immer wieder geforderten Liebesszenen bereiten Schwierigkeiten. Voller Humor und Esprit erzählt Jennie Erdal die unglaubliche Geschichte einer einmaligen Symbiose zwischen Mann und Frau.


    Meine Rezension
    Wo hört die Wahrheit auf – wo fängt die Fiktion an? Eine Frage, die ich mir bei der Lektüre dieses überraschenden Buches mehr als nur einmal gestellt habe.


    Doch wie schreibt die Autorin bereits in ihrem Vorwort?
    Für mich erschien das Bild in diesem Licht, für andere wird es anders ausgesehen haben.


    Dieses Buch erzählt die Geschichte der Jennie Erdal, einer Frau, die in den 50ern in einem strengen, bigotten Elternhaus aufgewachsen ist und eine Stelle bei einem Verleger annimmt, die es ihr ermöglicht größtenteils von zu Hause aus in Schottland zu arbeiten, wo sie mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern lebt und nur zur monatlichen Lektoratssitzung nach London zu fahren. Es erzählt aber auch die Geschichte des Verlegers, einer bunten Gestalt, die immer mehr ihr Leben dominiert und die im Buch nur der "Tiger" genannt wird.


    Der Verlag ist eine ganz eigene, quirlige Welt: Der Verleger ist ein Pascha und ein Schöngeist, ein Snob und ein Narziß, ein Wirbelwind und dennoch bei allen negativen Eigenheiten, die er so aufweist, ein überaus interessanter Mann. Die Mitarbeiterinnen des Verlages scheinen aus einer Ansammlung von Favoritinnen und Ex-Favoritinnen des Inhabers sowie von Töchtern einflussreicher Prominenz zu bestehen. Ein Bienenstock der Literatur sozusagen. :-)


    Das Buch beschreibt die 20 Jahre, in der die Autorin und der Tiger beinahe schon symbiotisch zusammenarbeiteten. Sie ist es, die seine Ideen in Worte fasst und Bücher, Kolumnen und Briefe in seinem Namen verfasst. Doch diese Arbeit und ihr fordernder Chef lassen sie im Laufe der Jahre unzufriedener werden und der Wunsch nach eigenen Werken und eigener Anerkennung wird immer stärker.


    Dazu kommt, dass die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist – er schreibt ihr quasi vor, was sie zu schreiben hat, aber die Probleme der praktischen Umsetzung interessieren ihn nicht, er will nur schnellstens die Ergebnisse sehen. Er mischt sich in ihr wie in aller anderer Leute Leben ein, will immer die Kontrolle über alles haben – nicht einfach fürs Privatleben.


    Eine sehr interessante Geschichte wird uns hier erzählt, mit starken Progatonisten und in einer sehr schönen Sprache.


    Für den interessierten Leser ist es kein Geheimnis: Die Autorin erzählt uns hier ihre eigene Geschichte und kurze Internetrecherchen verraten uns, dass es sich beim „Tiger“ um den Autor und Verleger Naim Attallah handelt.


    Ich habe mich bei der Lektüre oft gefragt, welche Intention die Autorin antreibt. Will sie ihn im Nachhinein schlecht aussehen lassen? Ihre Schilderungen lassen den exzentrischen Verleger eher als hektischen Pascha denn als Grandseigneur erscheinen. Dennoch ist er auch ein großzügiger Mann: Als ihr Mann sie mit den drei kleinen Kindern sitzen lässt, gewährt er sofort ein Firmendarlehen, damit sie ihr zuhause erhalten kann.


    Im Vorwort bedankt die Autorin sich auch beim Tiger, der ihr „diese Geschichte inspiriert und mir gestattet hat, sie zu erzählen“ – mich würde sehr interessieren, wie er sich verewigt sieht und ob ihm das Bild, das die Autorin von ihm und den gemeinsamen Arbeitsjahren zeichnet, gefällt.


    Eine sehr interessante Lektüre, die mich – da ich den Verleger vorher nicht kannte – ein wenig recherchieren ließ.


    Hier noch zwei interessante Artikel zum Thema:


    Telegraph-Artikel


    Times Online


    Mir hat dieses Buch, dessen Inhalt mich ebenso überraschte wie faszinierte, sehr gut gefallen. :-]

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)

  • Klingt tatsächlich sehr nach einem Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit - So jemand übersieht auch mal die Kritik, die an seiner Person ja sicherlich in dem Buch vorhanden ist, sondern fühlt sich geschmeichelt, auf diese Art und Weise verewigt worden zu sein. Und wahrscheinlich musste sie ihm das Buch eh vorher zur Korrektur vorlegen. Eine interessante Rezi. Danke dir... :wave

  • Die Ghostwriterin – Jennie Erdal


    Meine Meinung:
    Der autobiographisch geprägte Roman überzeugt durch seinen sehr ironischen Blick auf den Literaturbetrieb, angefangen von dem eindrucksvollen Besuch der Protagonistin auf der Frankfurter Buchmesse schon Anfang der Achtziger bis hin zu ganzen Romanen, die Jennie Erdahl als Ghostwriterin auftragsgemäß für ihren Chef „Tiger“ verfasst. Tiger ist eine übergroß entworfene Figur, die ich, obwohl es ein reales Vorbild dafür gibt, einfach nicht kaufen kann.


    Die Handlung ist auf Jahre angelegt, allerdings im großen und Ganzen auf die Schreibtätigkeit begrenzt.
    Hier hätte ich mir mehr von der privaten Seite der Autorin gewünscht, so bleibt im autobiographischen nur ein so kleiner Blickwinkel, der das komplette Bild nur anreißt.
    Dazu passt auch dass der Roman so undramatisch und verhalten geschrieben ist. Nur die Ironie der Autorin trägt den Roman, aber tatsächlich hält sie ihn dadurch am Leben.


    Es gibt aber wirklich viele witzige Szenen, vor allem wenn Tiger in den Romanen das sexuelle stark betont haben will, und dann Mann und Frau doch so gegensätzlich Vorstellungen davon haben.
    Um mehr wie ein Mann schreiben zu können, liest die Autorin die Werke von William Trevor, John Updike, Ian McEwan und John Banville.
    Tatsächlich bekommt sie nach dem Veröffentlichen der Bücher bzw. der Auftraggeber sehr interessante Kritiken und viel Aufmerksamkeit.
    Doch die unterschiedlichen Vorstellungen von Literatur belasten Jennie im Laufe der Jahre immer mehr.
    Irgendwann hört sie nach letzten Essays die sie für ihren Auftraggeber schreibt, auf und beginnt ihre eigene Schreibkarriere mit diesem vorliegenden Roman.


    Mich hat das Buch teilweise beeindruckt, ich habe es gerne gelesen, aber echte Begeisterung blieb am Schluß dann doch aus.
    Wer sich für das Entstehen von Literatur, von den Schwierigkeiten beim Schreiben und den Hintergründen interessiert, wird auf jeden Fall etwas von dem Buch haben.