Klappentext:
(dem Buch entnommen)
Obwohl sie als zentrale Figur der Kunst des 20. Jahrhunderts gilt, war ihre Lebensgeschichte bislang weitgehend unbekannt. Eva Hesse war kaum drei Jahre alt, als sie per Kindertransport auf der Flucht vor den Nazis ihre Geburtsstadt Hamburg verlassen musste. Ihre Eltern durften erst zwei Monate später ausreisen. Die Familie verlor ihre Heimat und ihren Besitz, aber sie entkam dem Holocaust. Ihre Mutter beging in New York, wo Eva und ihre Schwester Helen aufwuchsen, Selbstmord. Die als Kind erlebte Verlustangst prägte Eva Hesses Leben und ihre Kunst. Weil sie berührbar schwach, aber ebenso unberührbar stark war, eroberte Eva Hesse, starke Frau unter starken Männern, die Kunstszene. Sie war eine der ersten, die mit Materialien wie Industrieschrott, Latex und Fiberglas experimentierten. Ihren künstlerischen Durchbruch erlebte sie gerade noch, bevor sie 1970 im Alter von vierunddreißig Jahren an einem Hirntumor starb. Ihre Skulpturen werden heute für Millionenbeträge versteigert. Michael Jürgs, erfahrener Biograf und Bestsellerautor, schildert hier erstmals das Leben dieser einzigartigen, faszinierenden Frau.
Über den Autor
(dito)
Michael Jürgs, Jahrgang 1945, war Chefredakteur von "Stern" und "Tempo". Der Journalist hat sich als Autor zahlreicher Biografien einen Namen gemacht. Seine Bücher "Der Fall Romy Schneider", "Der Fall Axel Springer", "Die Treuhändler, "Alzheimer", "Gern hab' ich die Frau'n geküsst" (über Richard Tauber), "Bürger Grass", "Der kleine Frieden im Großen Krieg" und "Der Tag danach" waren sämtlich Bestseller. Seine Axel-Springer-Biografie wurde mit großem Erfolg verfilmt.
Über Eva Hesse
der deutsche Wiki-Artikel ist mehr als dürftig; etwas ausführlicher ist der englischsprachige: klick!
Meine Meinung
"Eva WER?" ging es mir durch den Kopf, als ich im Frühjahr letzten Jahres
über einen Artikel zu diesem Buch stolperte. Erst auf der letzten Seite der Biografie erklärt der Autor, dass es ihm ganz ähnlich erging:
Als ich damals, eher zufällig, auf Eva Hesse stieß, war sie für mich nur ein Name in einem Kunstlexikon, eine unbekannte Größe. (S. 362)
Kein Nachteil, wie mir nach der Lektüre scheint: so konnte sich Michael Jürgs unvoreingenommen auf die Spurensuche nach der Person Eva Hesse machen, in Archiven, in Dokumenten wie Tagebücher und Briefe, vor allem in Gesprächen mit ihrer Schwester Helen, mit Freunden, Kollegen, Partnern.
Es ist eine deutsch-jüdische Geschichte, die Jürgs erzählt, denn Eva Hesse wurde in Hamburg geboren und musste als kleines Kind ihre eigentliche Heimat verlassen. Es ist eine amerikanische Geschichte, denn New York wurde ihre neue Heimat, vor allem die Künstlerkolonie in SoHo und der Bowery in den Swinging Sixties.
Aber es ist auch die Geschichte einer Emanzipation: als gutbürgerliche jüdische Tochter hätte Eva wie ihre Schwester Helen den ihr vorgezeichneten Weg der gutsituierten Ehefrau und Mutter gehen sollen. Sie entschied sich dagegen und wurde Malerin, die danach experimentelle Skulpturen schuf.
In einer Künstlerszene, in der Frauen nur dazu da waren, für die männlichen Künstler schmückendes Beiwerk zu sein, diejenigen, die sich um die praktischen Dinge wie Haushalt und Finanzen kümmerten und ihnen den Rücken freihielten, nebenbei ein wenig selbst "Kunst machten" - aber nicht zu ihnen in ernsthafte Konkurrenz traten.
Eva Hesse sah sich selbst nie als Feminstin; für sie war es selbstverständlich, mit ihrer Kunst Anerkennung erlangen zu wollen, denn wahre Kunst kenne kein Geschlecht, wie sie stets betonte.
Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, extreme Gefühle und Stimmungen, Rebellion gegen die vorherrschenden Normen; eine schöne Frau, von Männern begehrt und doch ohne Glück in der Liebe; eine Ehe mit einem irischen Macho, dem Bildhauer Tom Doyle, die an Hesses Erfolg zerbricht; Medikamentenmißbrauch und ein früher Tod durch eine unheilbare Krankheit - Klischees aus einem prototypischen Künstlerleben, der Stoff, aus dem Legenden sind.
Trotzdem gleitet diese Biografie an keiner Stelle in Mythenbildung und Kitsch ab. Jürgs' Stil ist plakativ-journalistisch, keine Frage, fast salopp an manchen Stellen, was mir aber gut gefiel und das Buch gut lesbar machte. Er deckt dabei aber vorsichtig und einfühlsam die Muster in Eva Hesses Leben und Werk auf, ohne zu viel hineinzuinterpretieren; er läßt Eva selbst aus ihren Tagebüchern und Briefen sprechen, ihre Ängste, ihre Depressionen, läßt Freunde und Weggefährten erzählen, die Eva im Gegensatz dazu als lebensfroh und stark empfanden.
Es ist erstaunlich, dass eine Künstlerin, die vom Direktor des Museums Ludwig in Köln unter die zwölf wichtigsten Künstler der zeitgenössischen Kunst gezählt wurde, nach Piero Manzoni, Henri Matisse, Jackson Pollock auf Platz vier, noch vor Andy Warhol, so unbekannt ist. Umso besser, dass es dieses Buch gibt.
Nur eines habe ich zu bemängeln: das Bildmaterial zu Eva Hesse selbst und zu ihren Werken hätte für meinen Geschmack großformatiger abgedruckt und vor allem mehr sein können; an den wenigen Farbfotos im Innenteil zu den im Text beschriebenen Skulpturen konnte ich mich einfach nicht satt sehen - da hätte ich gerne noch einiges mehr zum Anschauen gehabt.
(Einen kleinen Trost habe ich im Internet gefunden: die Seite des San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA) zu entsprechenden Ausstellung im Jahre 2002, die ein interaktives feature mit einigen Ausstellungsstücken und Erläuterungen von Eva Hesse dazu als soundfiles enthält: klick! )