Der Geschmack der Tollkirsche - Beate Sauer

  • Ein Bauer, der an einem gewittrigen Abend irgendwo im Grenzgebiet bei Confluentes unterwegs ist, um ein verlorengegangenes Schaf zu suchen, findet weit mehr als ein Schaf und muß dafür sterben. Viele Meilen davon entfernt, in der Nähe von Bingium, müht sich Arria, Witwe und Köchin, damit ab, ein Festessen für gut hundert Gäste zu kochen. Anlaß des Fests ist die Ernennung von Claudius zum Tribunus laticlavius. Arria würde es bei weitem vorziehen, ihre eigene Taberna zu bewirtschaften, aber wer wenig Geld hat, darf nicht wählerisch sein. Sie beißt also die Zähne zusammen und trotzt tapfer der Septemberhitze, dem dicken Rauch aus den offenen Feuerstellen und rüpelhaften Gästen. Als einer der Gäste am nächsten Morgen aber nach Genuß des von ihr eigenhändig zubereiteten Frühstücks stirbt, befindet sie sich aber in einer Klemme, aus der ihr auch ihr Trotz nicht heraushelfen kann. Doch plötzlich steht die Tür des Kellers offen, in den sie eingesperrt war. Arria zögert keinen Augenblick und flieht.
    Weder der frischgebackene Tribun noch der Statthalter der Germania Superior sind von ihrer Flucht begeistert, umso weniger, als der Tote ausgerechnet der Finanzprokurator des Gebiets war. Kurzerhand wird ein Freund von Claudius, der wegen einer schweren Verletzung aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene Zenturio Valerian beauftragt, die flüchtige Mörderin wieder einzufangen. Die Jagd beginnt.


    Arria aber läßt sich nicht so leicht einen Mord anhängen, sie hat ihre Ehre und ist überdies Soldatentochter. Sie beginnt auf eigene Faust mit Ermittlungen. Valerian seinerseits stößt bei der Suche nach Arria auf mehr und mehr Ungereimtheiten. Als die beiden schließlich aufeinandertreffen, wird ihnen klar, daß es hier um weit mehr geht als um einen Mord.
    Aber auch der, der hinter der ganzen Sache steckt, begreift rasch, daß die beiden ihre Nasen in Angelegenheiten stecken, die eigentlich im Verborgenen bleiben sollen. Arria und Valerian geraten ins Visier eines skrupellosen Mannes, dessen geheime Pläne eine ganze kaiserliche Provinz in Aufruhr versetzen sollen.


    Ein historischer Kriminalroman aus der Römerzeit, aus dem Jahr 95 u. Z. Ort der Handlung: das Rheingebiet zwischen Kreuznach und Koblenz, rechtsrheinisch und linksrheinisch.


    Die Idee ist nicht schlecht und der Einstieg ist recht unterhaltsam. Die Spannung läßt aber bald nach, da die Autorin ihren Wissensüberschuß über die Zeit nicht beherrschen kann. Die Sätze quellen über vor Informationen, die Dialoge sind oft hölzern. Zu vieles wird unablässig wiederholt, etwa, daß Arrias Vater 25 Jahre bei der Armee war oder der neue Rang von Claudius. Es klingt beinahe wie Vokabeltraining.


    Aufzählungen von Nahrungsmitteln, Gewürzen und Gegenständen des Alltags schaffen Atmosphäre, aber leider nur, wenn sie nicht im Übermaß eingesetzt werden. Bei der Beschreibung einer Obstbaumwiese müssen nicht zwangsläufig auch noch die einzelnen Obstsorten aufgezählt werden, um ein Beispiel zu nennen.
    Auch sind Klischees übermäßig häufig. Die Wimpern sind lang und gebogen, die Augen Rehaugen, und der Waldboden unablässig mit Blättern bedeckt, die auch noch feucht sind, wenn es geregnet hat.


    Derart irritiert und immer häufiger aus dem Lesefluß gebracht, springt einem doppelt ins Auge, daß es sich hier um einen landläufigen leichten Abenteuerroman handelt, der etwa so authentisch provinzial-römisch ist wie Charlton Heston als Ben Hur.
    Zudem gibt es Dutzende von Sachfehlern neben Behauptungen, und das ist wirklich schlimm, die auf sehr klischeehafte Vorstellungen vom damaligen Leben schließen lassen.


    Vornehme Römer haben z.B. nicht bloß einen Rufnamen, sondern eigentlich noch weitere. Das ist heutzutage zugegebenermaßen nicht so einfach zu lesen, aber wenn sich jemand die Mühe macht, Legionen der römischen Armee wieder und wieder mit vollen Bezeichnungen aus Zahlen und Beinamen aufzuführen, genaue Namen der Offiziere aber nirgends liefert, wirkt das einfach merkwürdig. Nicht jeder ist mit jedem auf Du und Du gewesen damals.


    Der weise alte Mann, der einsam in seinem traulichen Hüttchen inmitten einer Lichtung lebt, ist natürlich ein Druide, und sein Amt das eines Kräutermännleins, denn er verfügt über eine wohlgefüllte Hausapotheke, deren Inhalt er Arria für verdeckte Ermittlungen gerne zur Verfügung stellt. Offenbar hatte hier niemand den blassesten Schimmer davon, welche Funktionen Druiden hatten, noch davon, ob es sie in jener Gegend überhaupt gab.


    Kranke Sklavinnen und Sklaven liegen natürlich allein in einem Bett in einer Kammer und richtig krank ist auch nur immer eine/r aufs Mal.


    Kalebasse übrigens wird auch dann nicht zum lateinischen Wort, wenn man es mit ‚C’ schreibt. Tatsächlich heißt das, was hier gemeint ist, ampulla, aber es gibt keinen Grund dafür, an dieser Stelle nicht einfach ‚Feldflasche’ zu schreiben.


    Auch der Handlungsverlauf fordert einem einiges an Glaubenskraft ab.
    Ein wegen schwerer Verletzung aus dem aktiven Dienst ausgeschiedener Zenturio erhält einen Trupp von zwölf Reitern der nächsten Garnison, um eine entlaufene Mörderin zu suchen. Offiziere, die im Dienst waren, waren offenbar Mangelware.
    Daß das Ganze eine therapeutische Maßnahme seines besten Freunds ist, macht es nur noch schlimmer.
    Die Reiter scheinen überdies etwas spärlich bekleidet, denn Arria kann nicht viel später deutlich Tätowierungen an Brust und Nacken an ihnen sehen.
    Wie die insgesamt vierzehn Mann plus Arria dann am Rheinufer ein römisches Lager mit Graben und Schutzwall aus dem Boden stampfen, um sich gegen angreifende Chatten zu wehren, muß man gelesen haben, um es zu glauben. Wer eine ordentliche Portion 50er-Jahre Western genossen hat, wird sich auch in der germanisch nebligen Flußniederung im Jahr 95 wie zuhause fühlen.


    Der Verwalter eines römischen Gutshauses in der Provinz läßt sich nicht nur von der Köchin (einer Sklavin) des Hauses überreden, dahergelaufene Frauenzimmer (Arria) einzulassen und kranke Sklaven medizinisch behandeln, nein, er findet es auch nur mit Maßen befremdlich, daß solche fremden Frauenspersonen mehrfach durch das Wohnhaus hüpfen und sich dort ungeniert umtun. An Diebe hat damals offenbar niemand gedacht, schöne Zeiten.


    Wer kochen kann, kennt sich selbstverständlich auch mit Heilkräutern aus, einschließlich Mohnsaft. Der scheint selbst bei einfachen Menschen wie Arria zur Normalausstattung der frühkaiserzeitlichen Hausapotheke gehört zu haben.


    Überhaupt ist es eine Geschichte mit so manchen veritablen Zirkuskunststückchen. Da wirft (!) Valerian einen Stoff - Flusen auf den Tisch und Arria prescht auf ihrem Pferd mit gefesselten Händen in vollem Galopp durchs Unterholz, ohne Sturz, versteht sich. Hätten die Chatten, die wenige Seiten später auftauchen, angefangen, mit Tellern zu jonglieren statt Schwerter zu schwingen, hätte ich wohl kaum noch mit der Wimper gezuckt.


    Durchsetzt ist der Text vor allem in der ersten Hälfte des Buchs mit lateinischen Begriffen, die wohl beeindrucken sollen, auf mich aber leider affektiert wirken. Warum soll jemand in einem deutschsprachigen Text von Rom als ‚Urbs’ sprechen oder von den nicht-römischen Bewohnern als ‚Peregrine’? Ein ursprünglich lateinischer Ausdruck wird hier zudem sehr freizügig eingedeutscht.
    Ich wünsche mir sehr, daß Menschen, die einen pädagogischen Trieb in sich spüren, eine andere Wirkungsstätte wählen würden als den zeitgenössischen historischen Unterhaltungsroman.


    Es gibt auch ein Glossar, das uns nicht nur über den Tribunus laticlavius informiert, sondern auch darüber, was eine Toga ist (ich hätte geglaubt, daß Leserinnen und Leser, die historische Unterhaltungsromane bevorzugen, zumindest das wissen) und daß Cruciniarium als Ortsname für Bad Kreuznach in dieser Form erst im 8. Jh. auftaucht, was die Autorin nicht gehindert hat, es sechshundert Jahre früher einzusetzen, weil’s so schön römisch klingt, nehme ich an. Wir erfahren auch, was eine Legion und was Liquamen ist und derlei mehr. Hin und wieder ist die gegebene Erklärung tatsächlich nützlich, in manchen Fällen ist sie aber eher verblüffend. So wird die Definition ‚Mosella - Mosel’ in ihrer Überzeugungskraft noch übertroffen von ‚Tunica - römisches Kleidungsstück’.
    Ein Nachwort informiert über all die Veränderungen im historischen Ablauf, die die Autorin vorgenommen hat, ein Kartenskizze erleichtert es einem festzustellen, wo man sich eigentlich befindet. Ob das von Bedeutung ist, kann ich nicht entscheiden.


    In der zweiten Hälfte des Buchs zieht die Spannung tatsächlich an, wenn auch die Ungereimtheiten nicht verschwinden. Die Personen gewinnen ein wenig mehr Konturen, aber dabei bleibt es auch. In der ersten Hälfte sind sie sehr blaß, in Valerians Fall sogar so sehr, daß ich ihn, sobald die Geschichte mit Arria weiterging, umgehend vergessen habe.


    In der zweiten Hälfte greifen endlich auch die verschiedenen Handlungsfäden, und man erkennt, daß man sich im klassischen Unterhaltungsroman befindet. Was Stereotypen und Klischees betrifft, hat der Roman wirklich alles, was man nur erwarten kann.
    Eine stolze Heldin und ein stolzer Held, beide mit einer tiefen seelischen Verletzung, von der sie sich erst erholen müssen. Böse Bösewichte, einer ist sogar ein Kinderschänder, die Frage, wem man noch trauen darf. Treue Freunde, süße Kinder. Gefahr und Flucht in letzter Minute.
    Ich liebe Sätze wie: Wir müssen versuchen, im Nebel zu entkommen!, auch wenn mir dabei jedesmal auf der Zunge liegt, den AutorInnen einen Feldversuch vorzuschlagen.
    Arria darf sich ein paarmal verkleiden, als Kräuterfrau und, natürlich, als Hure, geschminkt bis zum Anschlag. Was die Frauen damals so alles mit sich herumtrugen oder aufzufinden wußten! Und sie darf einen Mann an eine intime Stelle treten, das gehört inzwischen ja zur Grundausstattung.
    Natürlich kann Arria auch alles heilen, ein Blick genügt. Es gibt sogar Sex auf dem Küchenboden (Lehm/ca. letztes Jahrzehnt des ersten Jh. u.Z.).
    Der Stoff, aus dem die Träume sind.


    Der Schluß ist immerhin weder kitschig noch sentimental, wenn er auch konventionell gehalten ist. Er zumindest zeigt, daß die Autorin über ein gewisses Gespür verfügt, das man zu Erzählen braucht.


    Insgesamt ein gängiger Schmöker, an dem man durchaus Vergnügen finden kann, wenn man vor Beginn der Lektüre das eigene Denkvermögen in den Bescheidenheitsmodus schaltet.

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

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  • magali, vielen Dank für diese wunderschöne Rezension :anbet


    Obwohl ich das Buch wohl nicht lesen werde, habe ich doch Deine Meinung dazu sehr genossen :grin



    winke Grüße von Elbereth :wave

    “In my opinion, we don't devote nearly enough scientific research to finding a cure for jerks.”

    ― Bill Watterson

  • Doppelten Dank für die Rezi, magali! Erstens weil es ein Vergnügen ist, sie zu lesen :anbet, zweitens weil Du mir Geld gespart hast.


    Und da dies nun schon das zweite Buch in Reihe ist, mit dem Du meinen Geldbeutel schonst, darfst Du jetzt mal wieder ein tolles Buch vorstellen :grin Können wir daraus vielleicht eine Regel machen? Zwei, die ich mir sparen kann und eins, das ich haben muß?

  • Na, ja, ich bin ja eigentlich nicht die Verursacherin.
    :grin


    Ich bin bloß insoweit schuld, als ich mir in den Kopf gesetzt habe, herauszufinden, ob der deutsche Buchmarkt so etwas zustande bringt, wie Marcus Didius Falco oder die SPQR-Reihe (an mein Herz, Decius!) oder auch Gordianus von Saylor.
    Ich wollte einfach mal wieder einen schönen Römerzeit-Krimi lesen, witzig und ernst, spannend. Unterhaltend. Ein Buch, das flutscht. Bei dessen Lektüre man mal lachen kann, dessen Figuren man mag. Das auch hin und wieder Schreckliches und Gruseliges bringt. Und Liebe.


    Bei Davis, Maddox und Saylor kam ich nicht ein einziges Mal auf die Idee, etwas nachzuschlagen. Die Geschichten waren einfach rund. Keine Ahnung, ob sie Sachfehler enthalten, es ist vollkommen egal. Sie sind so gut erzählt, daß ich es auch akzeptieren würde, wenn Gordianus eine Brille von Fielmann trüge und Marcus Didius mit Stäbchen äße.


    Was habe ich stattdessen?
    Na, okay, gruseln kann es einen schon, wenn man genauer darüber nachdenkt.
    ;-)



    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Zitat

    Original von magali
    Die Geschichten waren einfach rund. Keine Ahnung, ob sie Sachfehler enthalten, es ist vollkommen egal. Sie sind so gut erzählt, daß ich es auch akzeptieren würde, wenn Gordianus eine Brille von Fielmann trüge und Marcus Didius mit Stäbchen äße.


    Sowas wäre doch auch mal eine witzige Idee. Aber zweifellos schwierig in der Umsetzung.

  • Das Schwierigste wäre wohl, den jeweilgen AutorInnen beizubringen, daß man das gern hätte.
    :lache


    Obwohl, vielleicht könnte man Falco auf einen versprengten Chinesen stoßen lassen (via Indien via arabische Halbinsel), der auf der Suche nach den vergoldeten Stäbchen eines vor-kaiserzeitlichen Kaisers ist :gruebel
    Man könnte auch einen Drachen im Coloseum ...
    :gruebel :gruebel



    Immerhin ist Falco bekanntermaßen der Autor der Urfassung von Hamlet!



    :wave


    magali

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

  • Zitat

    Original von magali
    Obwohl, vielleicht könnte man Falco auf einen versprengten Chinesen stoßen lassen (via Indien via arabische Halbinsel), der auf der Suche nach den vergoldeten Stäbchen eines vor-kaiserzeitlichen Kaisers ist :gruebel
    Man könnte auch einen Drachen im Coloseum ...
    :gruebel :gruebel


    Grübel nur weiter, das klingt richtig gut :lache

  • :lache


    Ich nehme an, daß die auch das 's' gefressen haben, das meinem Colosseum oben fehlt.
    :bonk



    magali (nicht echt ohne Tipfehler)



    NB: ALTE Rechtschreibung!

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus