'Die Kapelle der Glasmaler' - Seiten 157 - 306

  • Zitat

    Original von Nomadenseelchen
    [Zu Thomas:
    Ich hoffe er ist nicht der typische Historischer-Roman-Bösewicht, sondern differenzierter. Ich bin jetztauf Seite 259 und bis jetzt sieht es nicht so aus, als wäre er interessanter als die anderen. Will meinen: Nicht Weiß oder Schwarz, sondern mehr Grautöne. Ein zerissener Charakter, der nicht einfach nur böse, eifersüchtig ect. handelt. Im Moment hat sein Sohn (berechtigt) Angst vor ihm, seine tote Frau hat er wohl geschlagen und Clement will er auch Böses, um Etienne zu bekommen. Scheint ein bißchen Schema F zu sein.


    Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich Figuren ankommen.
    Ich gebe zu: Thomas war - trotz Protest der Autorin - neben Ghislain im Roman meine Lieblingsfigur. Die Gestalt dieses Mannes, der so gern ein Kuenstler sein moechte, aber im Grunde weiss, dass er nichts anderes als ein guter Handwerker sein kann, der die Kraft, mit seinen geplatzten Traeumen zu arbeiten und weiterzugehen, nicht besitzt und sich deshalb mit aller Kraft an seine verlorene Liebe klammern muss, hat mich sehr beruehrt. Ich glaube, solchen Menschen begegnet man in allen Zeiten: Menschen, die, weil sie sich ihr Scheitern nicht eingestehen koennen, weil das einfach zu weh tut, sich einreden muessen: Ja, haette mir X nicht Y weggenommen, haette Y zu mir gehalten, DANN haette ich die Welt aus den Angeln gehoben.


    Vielleicht haben ja die meisten von uns zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens einen Funken Thomas in sich.


    Ich finde diese Figur so lebendig gezeichnet, dass ich zu ihm hingehen, ihm auf die Schulter klopfen und ihm sagen wollte: Mensch, nu' beruhige Dich doch mal. Wollen wir mal einen trinken gehen und uns einen vom Pferd erzaehlen?


    Alles Liebe von Charlie


  • Stehst du auf eingeschlagene Zähne :lache.
    Mal ehrlich, der Mann ist für mich eine Mischung aus wahnsinnig, sehr brutal, gekoppelt mit Geduld und einer gewissen Intelligenz. Eine sehr, sehr unschöne Mischung :gruebel, aber letztendlich keine Grautöne wie ich sie schätze. Aber das scheint zum Genere zu gehören, diese Schwarz-Weiß-Malerei: Auf der einen Seite der liebevolle Vater und Ehemann, welcher sich für die Familie aufopfert (Clement), auf der anderen Seite der brutale Vater, der dem Guten ans Leder will und seinen Sohn im Wutanfall fast erschlägt. Auch an Gishain habe ichb noch keinen Makel entdecken können.

  • Und Clement?
    Der ueber seine Kunst die Welt um sich vergisst, das Leid seiner Frau, die er einfach mit durch sein Kuenstlerleben geschleppt hat, nicht sieht, keinen Gedanken daran verschwendet, wie die eine Tochter unter der Bevorzugung der anderen leidet?


    Bitte nicht falsch verstehen: Ich mag Clement!


    Aber ich finde, er ist wie alle im Roman eine Figur mit vielen Facetten und Aengsten und Schwaechen.
    Zum Genre gehoeren schwarz-weiss gemalte Figuren keineswegs. Gehoeren sie zu irgendeinem Genre? Ich wuerde Buecher, in denen mir Figuren wie das herzliebe Kasperle und das boese Krokodil vorkommen, weglegen, egal in welchem Genre sie erscheinen sind (Kasperletheater ist, glaube ich, durch Jahrhunderte so beliebt, weil's das Kasperle auch faustdick hinter den Ohren hat und weil das Krokodil auch maechtig possierlich sein kann). Wird ein Roman von schwarz-weissen, eindimensionalen Figuren bevoelkert, ist's ein Fehler des Autors.


    Kirsten - finde ich - hat ihn nicht begangen.


    Vielen Dank fuer die tollen Bilder!


    Alles Liebe von Charlie

  • Interessant. Ich finde weder Thomas noch Clément noch irgendeine von Kirstens Figuren sind schwarz-weiß. Ganz im Gegenteil, es sind Charaktere mit Stärken und Schwächen (ja, auch Thomas hat Stärken), Charaktere die nicht ausgewogen sind, wie dies im Leben bei vielen Menschen nun mal so ist, und die versuchen mit ihren Träumen und Wünschen unter den gegebenen Rahmenbedingungen zurecht zu kommen. Dem Einen gelingt dies besser, dem anderen gelingt dies schlechter, aber selbst das ist zum Teil eine Wertung die wir vornehmen.

  • Zitat

    Original von beowulf
    Keinen Makel an einem Typ der klaut, der eine Hure besucht, eine ehrbahre Frau entehrt? :wowNa ja, man kann halt Makel unterschiedlich bewerten..


    Da smit dem Klauen habe ich jetzt nicht in Erinnerung und was den Hurenbesuch angeht, so muss er sich als Single irgendwo abreagieren. Ich kann mir auch vorstellen, dass das oft gemacht wurde, um weitere Kinder in der Familie zu verhindern. Und zum entehren gehören auch immer zwei.

  • In diesem Abschnitt sind einige neue Personen aufgetaucht, die interessante Wendungen in der Geschichte versprechen. Thomas hat mich des öfteren Schlucken lassen vor lauter Brutalität seinem Sohn gegenüber. Kann man das wirklich nur durch zurückgewiesene Liebe erklären?


    Die Geschister Aimon und Alissende sind bestimmt auch nicht zum letzten Mal aufgetaucht.


    Bisher empfand ich die Figuren als sehr vielschichtig und überhaupt nicht schwarz/weiß. Jeder hat seine guten und schlechten Eigenschaften wie im richtigen Leben auch. Bei jedem habe ich das Gefühl, dass er eben so handelt wie es ihm zu dem Zeitpunkt richtig erscheint oder eben von innen heraussprudelt.

  • Zitat

    Original von Büchersally
    Thomas hat mich des öfteren Schlucken lassen vor lauter Brutalität seinem Sohn gegenüber. Kann man das wirklich nur durch zurückgewiesene Liebe erklären?


    Thomas ist eine Figur voller negativer Kraft, der mich als Leser packt und abschreckt, doch es ist natürlich schwer, ihn zu mögen, da seine Gedankenwelt ausschließlich von Hass und Eifersucht geprägt sind und er seinen Frust auf andere ablädt und das mit einer erschreckenden Brutalität und Skrupellosigkeit. Hinzu kommt, dass mich seine nachträgliche Art noch zusätzlich abstösst.


    Ghislain und Clement als Hauptfiguren sind mir gleichbedeutend.
    Von den Nebenfiguren interessiert mich Alissende und ich mag Alix obwohl sie keine so große Rolle spielt. Doch sie ist lebhaft und bringt etwas Wortwitz in den Roman hinein, den ich bei dem ernsten Clement vermisse und auch Ghislain ist eher ein schweigsamer Typ.
    Beispiel für Alix auf Seite 286: Ghislain zu Alix: "Es heißt, Frauen deines Schlages wissen viel."
    Ohje, was hat sich Ghislain da für einen Fauxpaux erlaubt, aber Alix ist schlagfertig und schießt zurück: Ansonsten verkehre ich nur mit feinen Herren." :rofl
    Dazu ein langer Blick. :lache
    Schnell einen Becher Wein spendieren, um das wieder gut zu machen! :sekt

  • Ich bin zwar erst um Seite 200, aber ein paar Kommentare haben sich schon wieder gesammelt.


    Die Geschichte rund um die Briefe:
    Da rätsel ich momentan herum. Ich hatte den Eindruck, dass die Geschwister irgendetwas in Zusammenhang mit ihrem Vater zu verbergen haben. Aimon darf im Haus regieren, während die Damen im Hintergrund an irgendeiner Sache zu arbeiten scheinen, in deren Zusammenhang die Briefe stehen. Aimon kennt das Geheimfach der Tasche nicht. Muss aber nix heißen, er ist ja auch nicht der eigentliche Empfänger.


    Ghislain kennt die geheime Botschaft + das Aussehen der Tasche. Hat er aufgrund der Botschaft oder aufgrund der Stickerei geglaubt Madame de Cruz zu kennen? Adler?


    Mit Thomas hat sich wieder eine interessante Figur eingefunden. Zuerst die Begegnung mit Clement, wo er sich an den Zeichen des Abstiegs erfreut.
    Dann das Treffen mit Lise. Diese Szene zeigt deutlich, dass er nur mehr Augen für "seine" Edwige hatte. Im Vergleich dazu sieht er dann in Etienne seine Frau, worin er wohl sein Scheitern gesehen hat und das auf Etienne projeziert hat.


    Die Ehe zwischen Clement und Edwige ist für mich momentan noch schwer einzuschätzen. Hier scheinen die beiden Extreme nicht ganz zusammen zu gehen. Einerseits ordnet sich Edwige oft unter, andererseits kann sie dann wieder eigene Entscheidungen gegen den Willen Clements (Magdgeschichte) treffen, ohne das es zu Konsequenzen kommt.
    Vll. zeigt sich hier noch die Unterordnung Clements Leben unter die Kunst bzw. seinen Wunsch ein bedeutendes Kunstwerk zu schaffen. Das ist im wichtig, hier geht er kompromisslos seinen Weg ohne Rücksicht auf Verluste. Familienleben dabei zweite Geige. Beim Überfall im Wald sofort der Gedanke an die Werkzeuge, wobei man hier sicher auch nicht zu viel reininterpretieren darf, schließlich sind sie auch Lebensgrundlage für die Familie.


    Noch ein Schritt weiter: ist die Ehe mit Edwige auch diesem Gedanken unterworfen, weil er sich dadurch die Möglichkeit erhofft hat das Startpotential für sein Kunstwerk zu erhalten?

  • Zitat

    Original von taciturus
    Noch ein Schritt weiter: ist die Ehe mit Edwige auch diesem Gedanken unterworfen, weil er sich dadurch die Möglichkeit erhofft hat das Startpotential für sein Kunstwerk zu erhalten?


    Das ist mir ein Schritt zu weit- sicher wäre das ein Motiv, wenn es die Werkstatt zu erben gegeben hätte- und war da auch historisch oft ein Grund z.B. die verwitwte Meisterin zu heiraten, aber hier geht Clément auf die Walz und übernimmt nicht die Werkstatt des Schwiegervaters.

  • Seite 292: Das Bild der Vagabunden und Jongleure wird aus Lises Blickwikel gezeigt. Durch diesen subjektiven Blick einer Figur wird ein noch besserer Eindruck vermittelt als durch einen vorgeblich objektiv sachlichen.


    Kapitel 16; Hier wird fein getafelt.Früchte, Suppen, Ragouts, Fisch, gemüse, Salat, Nüsse, Röstfleisch, Wild usw.
    Ziemlichr Aufwand . Das erinnert mich an den Film Vatel mit Gerard Depardieu als Meisterkoch.
    Außerdem werden Lieder zu Alissendes Ehren gesungen. Basiert das Lied über den alten Mythos um den Gott Appolo der die Nymphe Daphne erblickte auf einer realen Vorlage oder ist es selbst erfunden? Auf jeden Fall schön gemacht!
    Doch das alles bedeutet Allisende nichts. Sie ist beleidigt, weil ihr Verlobter nicht erschienen ist.

  • Zitat

    Original von Herr Palomar
    Basiert das Lied über den alten Mythos um den Gott Appolo der die Nymphe Daphne erblickte auf einer realen Vorlage oder ist es selbst erfunden?


    Nein, das findet sich in der Carmina Burana.
    2006 hatte ich das Glück zufällig im Musée du Moyen Age in Paris zu sein, als da gerade so ein Mittelaltergrüppchen auftrat und Lieder aus der Carmina Burana vortrug. Manchmal waren die Klänge und die Stimmen etwas gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt war es ein tolles Erlebnis.


    LG


    Kirsten