Originaltitel: Mr. and Mrs. Iyer
Regisseur: Aparna Sen
Darsteller: : Rahul Bose, Konkona Sen, Sharma, Bhisham Sahni
Sprachen: Deutsch, Hindi
Laufzeit: ca. 118 Minuten
FSK: ab 12
Erschienen: Film (TV): 2002 / DVD: 2007
Amazon-Nr.: B000J20PGI
EAN: 4260065693548 (Firma: KSM GmbH)
Bonusmaterial: Bildergalerie, Filmographien, Biographien der Hauptdarsteller, Trailer
Sonstiges: Zweiter Platz beim Locarno Filmfestival, Gewinner des Netpac Awards.
Weitere Angaben im Internet:
- < Hier > die Seite auf imdb.com (in englischer Sprache)
- < Hier > der Eintrag im Englischen Wikipedia
Kurzinhalt
Für die junge Meenakshi Iyer (Konkona Sensharma) sollte es ein wunderschönes Wiedersehen mit ihrer Familie werden. Gemeinsam mit ihrem einjährigen Sohn Santhanam besucht sie ihre Eltern, als eine dringende Nachricht aus Kalkutta eintrifft. Da ihre Schwiegermutter erkrankt ist, muß sie sich schnellstens auf den Rückweg machen. Ihre besorgten Eltern vertrauen sie der Obhut des Fotografen Raja Chowdhury (Rahul Bose) an, der während der Fahrt mit dem Reisebus auf sie achten soll. Doch schon bald muß der Bus anhalten, denn muslimische Terroristen haben einen Zug gesprengt und viele Menschen in den Tod gerissen. Sofort machen sich Angst und Unruhe in der Reisegesellschaft breit. Sind etwa Moslems mit an Bord? In der Nacht fordert eine Gruppe Männer den Fahrer auf, die Tür zu öffnen. Es sind religiöse Fanatiker, die jeden an Bord ermorden, der kein Hindu ist. Aus Angst vor Gewalt erzählt Meenakshi, daß Raja ihr Ehemann ist. Doch diese Lüge bereut sie fast auf der Stelle. Denn ihr Begleiter heißt weder Raja noch gehört er derselben Glaubensrichtung an wie sie. Der schlimmste Alptraum der jungen Frau wird war, als er seine wahre Identität preisgibt: Sein Name ist Jehangir und er ist ein Moslem! Diese Tatsache erschüttert sie (als sehr konservative Hindu) bis ins Mark. Und so begibt sich das ungleiche Paar auf eine Reise, während der mehr als ein Mal Lebensgefahr besteht und von der sie in mancher Hinsicht nicht abzusehen ist, wie sie enden wird.
Meine Meinung
Zu einer Zeit, in der die Welt mit jedem Tag gewalttätiger wurde, brachte irgendwo in Indien, einem Land, wo es mindestens 18 offizielle Sprachen und fast ebensoviele Religionen gibt, ein kleiner rot-weißer Bus zwei Fremde zurück in ihre Heimat.
Ein Bus, der durch eine sehr ländliche gebirgige Gegend fährt und Menschen an ihr Ziel bringt. Eigentlich nichts besonderes, oder?
Ich habe mir diesen Film letzte Nacht von VOX aufgenommen und gerade angesehen. Anscheinend im Gegensatz zur DVD ist der Film in Originalsprachen mit deutschen Untertiteln (s. u. Edit). Mehrzahl darum, weil ständig zwischen Englisch, Tamil und Hindi (und wohl auch einer anderen indischen Sprache) gewechselt wird. Um es gleich vorwegzunehmen: das hat mir überhaupt keine Probleme bereitet. Im Gegenteil. Dadurch kamen die Kontraste zwischen den Menschen und ihrer verschiedenen Herkunft recht gut zur Geltung, weil sprachliches Nichtverstehen sehr deutlich wurde (was bei einer durchgehenden Synchronisierung sicher nicht der Fall wäre).
Zunächst fängt alles ganz harmlos an. Jugendlich singen („We will, we will Rock you!“), ältere Mitreisende schimpfen über die verdorbene Jugend („Macht Krach“, „Was die Mädchen heute für Kleidung tragen!“), das weinende Baby erweckt den Unmut einer Mitreisenden, draußen zieht die majestätische Landschaft des Himalaya vorbei. Dann eine Straßensperre, Umleitung, Stau. Gerüchte über einen Anschlag von Moslems auf einen Zug mit rund zweihundert Toten machen die Runde. Und nichts ist mehr normal.
Polizei taucht auf, schickt alle in den Bus zurück, sagt Patroullien zu, rät die Türen zu verrammeln, und fährt weiter. Nachts dann der Überfall radikaler Hindus auf den Bus. Wenn der vorbei ist, werden wir wissen, daß es Menschen dreier Religionen im Bus gibt - gab besser gesagt. Es wird nicht viel Gewalt gezeigt. Doch das braucht es auch gar nicht. Bisweilen sind Andeutungen schlimmer.
Irgendwie ergab es sich einfach, daß Meenakshi und Raja als Ehepaar betrachtet wurden. Für Meenakshi eine schlimme Situation, ist sie doch eine sehr konservative Hindu, die aus einer noch konservativeren Familie kommt. Es sind kleine Dinge, die den großen Unterschied ausmachen, wie darf sie von ihm Wasser annehmen oder ist es „unrein“?
Wenn sie verrät, daß er Moslem ist, ist es sein sicherer Tod. Wenn sie ihn nicht verrät, handelt sie gegen alles, was sie bisher geglaubt und gelebt hat. Wie kann man in einer solchen Situation „richtig“ handeln, überleben? Wir erfahren recht wenig über das Vorleben der beiden, aber genug um zu wissen, daß sie aus sehr verschiedenen Welten kommen. Sie aus einer streng religiösen Familie, er sehr modern und liberal orientiert. Normalerweise gibt der Mann der Frau seinen Namen, hier ist es umgekehrt, er nimmt denn ihren an, um eine Chance zum Überleben zu haben. Letztlich müssen sie sich zusammenraufen, jeder mal über seinen Schatten springen, wenn sie wenigstens halbwegs heil am Ziel ankommen wollen.
Ob die Freigabe ab 12 gerechtfertigt ist, weiß ich nicht so recht. Sicher kommen recht wenige Gewaltszenen direkt vor. Aber wenn die Kamera kurz vor dem Zustechen wegschwenkt und man die Reaktion von Meenakshi sieht, ist das vielleicht sogar schlimmer. Moslems jagen Hindus, Hindus jagen Moslems, die dafür Rache nehmen, was dann natürlich von den Hindus wieder Vergeltung herausfordert. Ein endloser Kreislauf. Aber nur dort? „Das selbe wie immer. Juden und Araber geraten in Palästina aneinander. Und Katholiken und Protestanten in Belfast“, so liest es Raja in einer Szene des Films aus der Zeitung vor. Andererseits kann man nicht früh genug auf die Unsinnigkeit solcher Feindseligkeiten, beruhen sie nun auf religiösen, nationalen oder was auch immer für „Unterschieden“ hinweisen. Dazu ist eine konkrete Geschichte wie diese vermutlich besser als alle theoretischen Vorträge geeignet.
„Mr und Mrs Iyer“ ist ein Film, der wunderbar langsam erzählt und doch schon nach zwei Stunden zu Ende ist. Zwei Stunden, in denen zwar mal gesungen wird, aber dem die bei indischen Filmen üblichen Gesangs- und Tanzeinlagen völlig fehlen. Zwei Stunden, die niemanden unverändert zurücklassen. Weder die Hauptprotagonisten
Edit
Da mir der Film so gut gefiel, und die DVD wirklich sehr preisgünstig ist, habe ich die jetzt erstanden. Daher als Nachtrag der Hinweis, daß sowohl eine deutsch synchronisierte Fassung als auch die Originalfassung mit zwangsweise eingeblendeten Untertiteln enthalten ist.
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Übrigens: dies kann man als "Motto" zu Beginn des Films lesen:
Wozu sollte ich einen Dolch schwingen, oh Herr?
Woher ihn zücken, wohin ihn versenken,
wenn Du doch die ganze Welt bist?
Devara Dasimayya, 10. Jhdt.
Indischer Poet und Heiliger