Anita Augspurg von Christiane Henke

  • Anita Augspurg von Christiane Henke


    Aus der Amazon.de-Redaktion
    Oft ist man geneigt zu denken, der Nationalsozialismus habe das deutsche Bildungsbürgertum restlos desavouiert, indem die politische Folgenlosigkeit seines idealistischen Denkens sichtbar wurde. Gäbe es nicht Menschen wie die Frauenrechtlerin Anita Augspurg, geboren 1857 in einer wohlhabenden norddeutschen Gelehrtenfamilie -- eine leidenschaftliche Goethe-Verehrerin, die ihr Leben der politischen Arbeit widmete. Wer ein so geradliniges, lauteres, tapferes Leben wie sie geführt hat, kann sich glücklich schätzen. "Tough" würde man das auf Neudeutsch nennen.
    Das Verblüffende an Anita Augspurg ist ihre enorme Eigenständigkeit und Hellsichtigkeit. So lehnte sie es beispielsweise ab, sich den damaligen Sozialdemokraten anzuschließen, weil sie deren heroische Revolutionsvisionen im Sinne von "der Zweck heiligt die Mittel" nicht teilte. Für sie konnte sich Gerechtigkeit nur durch Vernunft und Verständigung verwirklichen, nicht durch Gewalt. Auch sollte sich die Frauenbewegung nicht durch parteiliche und nationale Interessen vereinnahmen lassen; zu schnell waren viele Frauen bereit, ihr eigenes Anliegen -- Stimmrecht, Zulassung zu den Universitäten, sexuelle Selbstbestimmung, Gleichberechtigung in der Ehe etc. -- als politischen "Nebenwiderspruch" den Bedürfnissen von Männern unterzuordnen. Anita Augspurg starb 1943, 86-jährig, im Schweizer Exil, kurz nach ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann.
    Tote alte Feministinnen sind kommerziell nicht gerade ein Brüller, und dem Rowohlt-Verlag gebührt ein großes Lob, Anita Augspurg wieder einer neuen Generation zugänglich gemacht zu haben. Das neue Layout der bewährten rororo-Monographien wertet den Inhalt weiter auf: Die Papierqualität ist besser, das Format weniger länglich, es gibt Farbfotos, dezent farbige Überschriften, auf jeder Seite eine Zeitleiste, Stichwort-Informationen in Marginalien, und das Ganze so unaufdringlich harmonisch, dass es das Prädikat "kunstvoll" verdient.


    Über die Autorin
    Christiane Henke, geboren 1955 in Goslar (Harz), studierte Anglistik, Germanistik und Rechtswissenschaften in Paderborn, Berlin und Nottingham. 1979 und 1983 erstes und zweites Staatsexamen für das Lehramt Sekundarstufe II. 1994 Promotion zur Dr.jur. Lehrtätigkeit an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Berlin. Publikationen zur Entstehungsgeschichte des BGB und zu den ersten Juristinnen. Gutachten zur Gentechnologie. Lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin unter anderem für den Deutschlandfunk.


    Eigene Meinung
    Vor ca. zwei Jahren habe ich bereits "Die Revolution ist eine Frau" von Anna Dünnebier und Ursula Scheu gelesen, was mir sehr gut gefallen hat und wodurch ich neugieriger auf die Person Anita Augspurg wurde. So besorgte ich mir noch einige Lektüre zum Thema, dann kam mein persönlicher Bruch mit den Frauenrechten und ich wollte vom Thema nix sehen und hören...jetzt, mit dem nötigen Abstand, habe ich diese Lektüre förmlich verschlungen.
    Augspurg setzte sich zeitlebens gegen Prostitution, die miserablen Arbeitsbedingungen von Frauen (speziell der Textilarbeiterinnen) sowie den Krieg ein, hier insbesondere gegen die, im Krieg leider übliche, Vergewaltigung von Frauen. Sie kämpfte für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für das Frauenwahlrecht, für Frieden in der Welt, verbesserte Tierschutzmaßnahmen und führte mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann eine Landwirtschaft, die heute mit Fug und Recht als das Vorbild ökologischen Anbaus angesehen kann. Die Eröffnung des ersten Mädchengymnasiums in Karlsruhe ist ein Verdienst der zwei engagierten Frauen, die man eigentlich kaum voneinander getrennt betrachten kann, da sie alles gemeinsam taten. Die Einführung des Frauenwahlrechts 1919 in Deutschland ist ein Mitverdienst der zwei, die immer wieder neue Vereine gründeten und das Thema Frauenwahlrecht zur Sprache brachten.
    Bereits 1923 forderte Augspurg die Ausweisung Adolf Hitlers wegen Volksverhetzung, nachdem seine Nazifreunde einem bekennenden Pazifisten das Auge zerschlugen, dass Augspurg und Heymann nicht gern gesehen waren, versteht sich wohl somit von selbst und sie lebten seit 1933 im Exil, vor allem in der Schweiz.
    Noch 1927, im Alter von 70 Jahren, bestand Augspurg die Führerscheinprüfung!


    Anita Augspurg gehört wohl zu den interessanten Persönlichkeiten der deutschen Frauenbewegung und ihr Leben wird in dieser 134 Seiten kurzen kleinen Monographie interessant und spannend erläutert. Das Buch gewährt einen Einblick in ihre Gedankenwelt, ihr Leben und ihre Arbeit und macht neugierig auf weitere Lektüre.
    Schön geschrieben, flüssig zu lesen, mit vielen Bildern - empfehlenswert!