Es gibt Vormittage, die sind außergewöhnlich. Heute war so ein Vormittag.
Heute war die letzte Möglichkeit bei Mr. Wash einen Gutschein mit Verfallsdatum einzulösen. Eine komplette Wagenwäsche mit Innenreinigung zu einem Preis, für den es gerade mal einen großen Capuccino und eine Breze dazu gibt. Mrs. Doc hat glücklicherweise "Mein Leben mit Mitsu" auf dem Küchentisch liegen lassen. Ich war also gut vorbereitet auf einen langen Vormittag bei Mr. Wash.
Bei Mr. Wash geht es zu, wie ich mir eine Autofabrik vorstelle. Vorne geht's mit einer runtergefahrenen Karre rein, hinten kommt ein nagelneues, nach Chemie riechendes Auto wieder heraus. Bereits in der Warteschlange, noch weit von der Einfahrt entfernt, war erstmals Gelegenheit eine zaghafte Bekanntschaft mit Mitsu zu machen. Ein prüfender Blick in die Innenräume der anderen Wagen ergab, dass niemand sonst ein Buch dabei hatte. Alle Fahrer saßen mit ungeduldigem Blick hinter die Lenkräder geklemmt. Ich war allein mit Mitsu. Ein schönes Gefühl.
An der Einfahrt war ich bereits auf Seite 40 angelangt und eingetaucht in eine Welt jenseits von Waschanlagengutscheinen, habe erfahren, dass Adern wie Schriftzeichen sind und man am besten um 11 Uhr sein Leben ändern sollte. Nun musste ich Mitsu kurz verlassen, um die Handzeichen von Mr. Wash richtig zu deuten, der mich in die automatische Schiebevorrichtung einwies. Dann ging es weiter. Mit dem Auto. Mit Mitsu.
Während der Innenreinigung muss der Kunde von Mr. Wash in einem Bereich warten, der extra mit rotem Linoleum ausgelegt ist. Rot ist auch Mitsus Lippenstift, denke ich mir und frage mich, was wohl passieren würde, wenn ein Kunde den roten Bereich verlässt? Mitsu hat mich noch nicht verlassen und ich erfahre viel über Godzillabausätze. Mr. Wash wünscht mir eine gute Fahrt. Ich bin enttäuscht, dass ich kein neues Auto bekommen habe. Es ist das alte, das nur nach Chemie riecht. Die Welt scheint heute Vormittag anders auszusehen, nur das Auto nicht.
Ich habe Hunger bekommen, auf Nudelsuppe. Um diese Zeit gibt es die aber nur im Supermarkt in Tüten zu kaufen. Ein Capuccino und eine Mohnbreze funktionieren vielleicht auch. Mitsu wartet auf mich, ich kann sie jetzt unmöglich wieder mit nach Hause nehmen. Einfach so. Die letzten 15 Seiten muss ich außerhalb der eigenen vier Wände lesen. Das muss so sein bei einem Mitsu-Vormittag. Ich setze mich in ein Cafe. Alle anderen lesen nicht. Gut. Ich bin mit Mitsu allein und es tut weh, als sie sich von mir verabschiedet. Ich wische den verstreuten Zucker nicht vom Tisch. Es gibt Momente, die sollten versüßt bleiben.
Marcel Magis hat mit "Mein Leben mit Mitsu" eine wunderbare Hommage geschrieben, an die Liebe, an Träume davon, an das Leben selbst. Es ist ein kleines Buch und ein viel zu kurzes dazu. Es ist ein leises Buch, das sich ebenso leise ins Herz schleicht, wie Mitsu selbst. Es wirkt wie ein gelebter Traum. Ich habe einen zauberhaften Vormittag mit Mitsu verbringen dürfen. Und irgendwann werde ich neben Marcel auf einem Bahnsteig stehen und wir werden über Mitsu sprechen.
Hier geht's zur Rezension und hier zur Leserunde.
Ich habe "Mein Leben mit Mitsu" wieder genau so auf den Küchentisch gelegt, wie ich es vorgefunden habe. Es erschien mir richtig.
Gruss,
Doc
edit: Jede Menge Tippfehler. Du meine Güte.