Ad Alexx
Das mit der erblichkeit von religiösität hab ich auch gelesen, und zwar in einem längeren artikel der in den letzen monaten entweder spektrum oder bild der wissenschaft oder irgendeine sonderbeilage (die Zeit oder die Süddeutsche) erschienen ist.
Mich selbst hat's verblüfft, denn weder meine eltern noch meine grosseltern waren besonders religiös, und nur von einer einzigen meiner urgrossmütter ist überliefert, dass sie ur-katholisch war. Wenn etwas bei uns erblich ist, dann wohl das atheismus-gen, das nie aufhört nachzufragen, 'gibts beweise?'
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich meinen extremen religions-wahn, den ich zwischen meinem 8. und 12. Lebensjahr hatte, von den religionslehrern in meiner kindheit abgekriegt habe, die uns leichtgläubige kinder mit allen fiesen psychologischen tricks missioniert haben.
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:knuddel:anbet
Sie haben uns erzählt, dass ungläubige oder andersgläubige eltern, freunde und bekannte in die hölle kommen, aber wir sie freibeten könnten, wenn wir es nur aufrichtig und intensiv genug machten, und streng nach den regeln lebten.
Richtiges beten ging mit tagelangem fasten bei einer brotrinde und wasser, stundenlanges rosenkranz-runterleiern und zu erschwernis auf harten gegenständen (steinen und holzscheitern) knien, bis man so erschöpft war, dass man zu halutionieren begann, in extase geriet und die engel und gott sah, die einem sagten, dass alles gut war.
Genauso extrem war ich dann einige jahre darauf während meiner wicca-und schamanismus-phase. Glücklicherweise halten solche begeisterungsschübe bei mir nur maximal vier jahre an.
Meine WG-genossin, die lange zeit extremsportlerin war, hat mir von denselben flashes erzählt, und da sie Pharmazie studiert hat, kennt sie sich in biochemie aus, und hatte eine völlig einleuchtende erklärung:
In augenblicken äusserster erschöpfung, wenn man sich an der grenze zum zusammenbruch dennoch zwingt, weiter zu machen, mobilisiert der körper die letzten reserven, er stösst ein mehr an hormonen aus, vor allem adrenalin und beta-endorphin und man fühlt keine schmerzen mehr, fühlt sich rundum glücklich und leicht, euphorisch, als könnte man bis ans ende der welt gehen. Meisst sieht man auch das weisse licht, den adrenalin-flash, vor den augen aufblitzen, und hat meisst auch noch andere visionen.
Probiert mal aus, euch absolut auf etwas zu konzentireren bis ihr an die grenze eurer körperlichen leistungsfähigkeit kommt. Wenn man glaubt, so jetzt ist's aus, geht's plötzlich wieder, und man fühlt sich einfach toll. - Allerdings, man wird nach der euphorie süchtig, und weil sich der körper an anstrengungen und ausnahmezustände gewöhnt, muss man immer mehr tun, um das tolle gefühl wieder zu bekommen.
Der artikel in der Zeitung bezog sich um ein allel im menschlichen genom, das bei religiösen menschen häufiger ist, und wahrscheinlich wie die meisten dieser kleinen abschnitte den hormonhaushalt steuert. Religiöse menschen sind in der regel glücklicher, was gewiss mit modifizierten glückshormonen zusammen hängen muss, die einen erlauben, leichter in den schwebezustand zu kommen. Man ist leichter begeisterungsfähig.
Vielleicht ist man auch leichter empfänglich für suggestion und massenhypnose, und leichter zu überzeugen.
Fassen wir zusammen:
(Religiöse) rituale verursachen erschöpfung, erschöpfung zeugt euphorie, euphorie verlangt nach widerholung... jeder normale mensch wird ohne soziale bekräftigung seines tuns glücklicherweise einmal müde, aber soziale tretmühlen und rituale liefern diese regelmässige bekräftigung...
Religion ist wirklich billiges morphium - beta-endorphin, und wenns nicht beim ersten mal wirkt, irgendwannmal wirds schon wirken... sozialer druck tut das seine... (ich setz mich heute nicht vor dem computer... halt, ich muss doch nachsehen, ob wer gepostet hat...)
Ich glaube ich kann eure frage bestätigen:
Ja, es gibt leute (wie mich,) die vermutlich aus genetischen gegebenheiten dazu neigen, extrem begeisterungsfähig für eine sache zu sein. Das geht manchmal bis hin zu suchtverhalten und wahnerscheinungen.
Kurioser weise gilt das nicht für genussmittel: alkohol und zigaretten geben mir nichts, viel mehr gibt es mir, einige tage lang zu fasten, und völlig konzentriert auf eine sache zu sein, ausserhalb der es nichts anderes gibt. Leute, die religiös wahnhaft sind, sind oft auch - zumindest phasenweise - asketisch.
Womit man sich intensiv beschäftigt, das kommt einem auch ständig unter: man sieht 'zeichen und wunder' und dabei ist es völlig gleichgültig, ob man jetzt religiöse symbole und abbildungen oder etwa scherben, knochen, spielkarten, kleine siedler-zwatzler, die einem die türme einreissen selbst dann noch vor den augen sieht, wenn man sie vor erschöpfung geschlossen hat.
Ich denke, da man ja für seinen wahn 100% gibt, kann man in dem augenblick nur in eine richtung fanatisch sein - in mehrere richtungen nur hintereinander, denn im moment da man sich damit beschäftigt, gibt es nur das eine, die eine wahrheit für die man voll und ganz existiert, und keine andere, weil man das andere gar nicht sieht, und gar nicht sehen will, weil sie dem inneren empfinden und erleben = wissen, absolute gewissheit völlig widerspricht.