Das hier ist mein erster Versuch, aber konstruktive Kritik ist natürlich erwünscht.
Erwachen
Ich bin.
Ich höre. Ich fühle. Ich sehe. Nein. Da ist nichts. Ich will schlafen.
Dunkelheit
Ich denke.
Und ich bin wirklich hier. Da ist etwas. Aber was? Ich versuche es zu begreifen. Wärme auf meiner Haut. Pochen in meinen Ohren. Licht vor meinen Augen. Da ist jemand. Aber ich will schlafen.
Dunkelheit
Ich spreche.
Und ich höre. Aber es ergibt keinen Sinn. Nutzlose Worte, die ich nicht kenne, kommen aus meinem Mund. Aber ich höre. Er spricht. Ich verstehe nicht, aber er spricht. Das reicht mir. Fürs erste. Dennoch bin ich müde. So müde.
Dunkelheit
Seine Worte sind wie Musik.
Klingen so vertraut. „Hannah.“ Sie geben mir einen Namen. Mein Name. „Valentin?“ Sein Name. Ich spreche. Bin wach. Habe genug geschlafen. Öffne meine Augen. „Hannah!“ Ich sehe sein Gesicht. Dunkelbraune Augen. Seine Hand berührt die meine. Ich fühle. Plötzlich kann ich mich bewegen. Ich atme. Ich lebe. Ich lebe...
Dunkelheit
Erinnerungen.
Das blaue Meer rauscht um meine Füße. Der Sand knirscht unter meinen Zehen. Ich lache und betrachte die Möwen. Er ist davongeschwommen und klammert sich an eine rote Boje. Ich springe ins Wasser um ihm zu folgen. Laut lachend, rufend. Dann – der Schmerz in der Brust. Rot vor meinen Augen. Ich kann nicht mehr sehen. Es zieht mich hinunter auf den Grund. Ich ertrinke.
Dunkelheit
Ich fühle.
Mein Herz schlägt langsam, es pocht in meinen Ohren. Die Finger sind taub, doch ich kann sie bewegen. Sie schließen sich um das Kissen, öffnen sich, schließen sich. Das ist das wundervoll: Fühlen können. Sich bewegen können. Ich drehe den Kopf und mein Blick wandert von einer Seite zur anderen. Niemand ist hier, auch Valentin nicht. Am Ende des Zimmers gibt es ein Fenster, doch die blauen Vorhänge sind zugezogen und draußen herrscht finsterste Nacht. Hier brennt nur eine kleine Lampe. Neben mir ist ein Tisch mit vielen merkwürdigen Geräten darauf. Sie piepen leise, aber unüberhörbar. Warum haben sie mich nicht geweckt? Wie lange habe ich geschlafen?
Dunkelheit
Ich verstehe.
Da ist er wieder. Valentin sitzt am Bett und hält meine Hand. Ich wache langsam auf. „Du bist fast ertrunken“, erzählt er so leise, als würde er mit einem kleinen Kind sprechen. „Ich habe dich gesucht, aber ich konnte dich nicht finden unter den Wellen. Die Taucher vom Küstenschutz haben dich rausgeholt. Aber du hast nicht mehr geatmet. Sie konnten dich retten, aber seitdem hast du geschlafen.“
„Wie lange?“, frage ich stockend, denn die Worte fallen mir noch nicht sofort ein.
„Drei Jahre und drei Monate.“
Ich kann es nicht fassen. Drei Jahre. Ich bin nicht mehr siebzehn, sondern zwanzig. Ich bin erwachsen geworden, ohne es zu merken. Drei Jahre. Aber er ist immer noch bei mir.
„Ich war die ganze Zeit hier“, sagt er. „Ich habe so gehofft, dass du aufwachst. Und jetzt ist es passiert.“
Ich lächle und hebe die Hand um ihm über das Gesicht zu streicheln. Aber der Nebel, der mich umgibt ist zu schwer.
„Mach die Augen zu.“ Seine leise Stimme kann die Dunkelheit zwar durchdringen, aber nicht verschwinden lassen. Da ist ein Schleier, der mich von der Welt trennt. Ich habe zu lange geschlafen.
Dunkelheit
Dornröschen ist erwacht.
Geschrieben auf der Karte, die Valentin mir geschenkt hat. Nun steht sie auf meinem Nachttisch. Ja, ich bin erwacht. Ich kann atmen, essen, mich bewegen. Ich sehe, höre, fühle, schmecke. Kurz gesagt, ich lebe. Das Leben ist ein kostbares Geschenk und ich fühle es mit jedem Herzschlag. Wenn Valentin hier ist, umso stärker, aber er kann nicht immer bei mir sein. Aber ich fühle mich nie einsam. Die Ärzte haben mein Bett direkt unter das Fenster geschoben. Nun sehe ich die Vögel, die Bäume, die Blumen, die Wolken, den Regen, die Sonne, die Blätter, die sich langsam rötlich färben. Der Herbst kommt, aber ich fühle mich wie Frühling und Sommer zusammen. Eigentlich könnte ich singen und tanzen, aber ich bin noch nicht stark genug. Ich kann mich kaum alleine aufsetzen, geschweige denn laufen. Von Tanzen kann da nicht die Rede sein. Aber auch das findet sich schon. Wenn der Schnee zu fallen beginnt werde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Ich werde in eine Rehaklinik gehen und da wird es sich finden: Gehen, tanzen, rennen, springen. Ich bin voller Zuversicht. Die Dunkelheit ist verschwunden. Ich lebe.