Das Vermächnis von Mawa - Das Geheimnis der Totenköpfe

  • Hi alle ^^


    Bin ganz neu hier und hoffe mal, dass ich hier nicht gleich beim ersten Posting alles falsch mache ;)


    Ich poste hier mal zunächst nur den Prolog zu meinem Fantasy Abenteuer. Weiteres folgt. Wenn ich das Geschriebene jetzt alles auf einmal posten würde, würde es wohl keiner lesen wollen :cry
    Das Ganze ist bzw. wird ein klassischer Fantasyroman, der einfach eine interessante Geschichte erzählen will. Es soll keine große Abhandlung über den Sinn des Lebens sein und er soll auch nicht das Genre neu definieren. Wie gesagt, es soll mehr eine spannende und gut zu lesende Geschichte sein.


    Der Prolog ist halt jetzt "nur" ein Prolog mit entsprechend wenig Handlung. Aber das kommt dann schon noch.


    Kommentare und vor allem Kritik sind auf jeden Fall erwünscht :)




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    Das Vermächnis von Mawa - Das Geheimnis der Totenköpfe



    Prolog


    „In einem Loch im Boden lebt ein …“, Galeo unterbrach seine Erzählung.
    „Was? Was lebt in einem Loch im Boden?“, ertönte von hinten eine Stimme.
    „Ben, jetzt komm endlich raus! Wenn du ständig wartest und irgendwelchen Raupen beim nicht vorhandenen Wachsen zuschauen willst, dann ist jetzt nicht die rechte Zeit dafür!“
    „Ja ja, schon klar. Und du machst natürlich immer genau das, was wir eigentlich tun sollten. Du weißt schon, dass wir Holz sammeln sollen?“, Ben setzte einen dieser fragend- skeptischen Blicke auf, die Galeo hasste.
    „Ja!“, antwortete er und schaute betreten auf den Boden. Eigentlich hatte er seiner Mutter gar nicht mehr zugehört, da war er schon aus dem Haus und Richtung Wald gelaufen.
    „Nun sag schon, was lebt denn nun im Boden in einem Loch?“
    „Na, ein Hob!“
    „Was ist ein Hob und wie geht die Geschichte weiter?“
    „Ein Hob ist ein Hob und was die Geschichte betrifft… ich glaube nicht, dass ich sie dir jetzt erzählen will. Sie scheint mir hervorragend zu sein, aber leider ist sie sehr alt.“
    Ben öffnete zwar den Mund, um etwas zu erwidern, überlegte es sich aber anscheinend doch wieder anders und ging schweigend neben Galeo tiefer in den Wald hinein.


    Es war noch früh am Morgen des 25. März. Im nördlichen Teil des Königreichs Herean, namentlich in Astako und ganz genau genommen im angrenzenden Vergessenen Wald, war der laubbedeckte Boden noch mit einer zarten Schneehaube bedeckt. Nur hier und dort, wo ein wenig Sonne der vergangenen Tage sich den Weg durch das dichte Blättergeflecht gebahnt hatte, war das braun-gelbe Laub vieler vergangener Herbste zu erkennen.
    „Verdammt. Es ist schweinekalt“, schnaufte Galeo.


    Tatsächlich war es für den Norden des Landes nicht ungewöhnlich, dass im März noch eine leichte Schneeschicht den Boden bedeckte. Doch die Kälte dieser Tage hatte selbst für diese hart gesottene Region etwas Fremdes. Der Schnee auf den Ästen drückte die Bäume herunter, was sie noch bedrohlicher aussehen ließ, als dass dies im Wald eh schon der Fall war. Ben jedenfalls machte dieser Wald bei Zeiten Angst. Obwohl er jede Woche viele Stunden in ihm zubrachte, um Holz und Nahrungsmittel zu besorgen, konnte ihn hier von einer Sekunde auf die nächste die blanke Furcht packen. Der Wald war zum größten Teil der Ernährer Astakos und es schien Ben, dass die Bäume sehr wohl um ihre wichtige Rolle für die Menschen wussten und dass sie sie nur zu gern in vollem Maße auskosteten, indem sie die Menschen von Zeit zu Zeit erschreckten. Ja, Ben würde sagen, dass der Wald lebe… und Galeo würde Lachen. Vermutlich hatte er Recht. Galeo pflegte zu sagen: „Bis ich die Bäume nicht wandern sehe, werde ich diesen Unfug nicht glauben“ und bis heute hatten sich die Bäume nicht bewegt. Zumindest nicht in Gegenwart von Ben und Galeo oder irgendwem sonst aus dem Dorf.
    Nicht nur ihre Familien waren abhängig von diesem Wald, sondern förmlich jeder im Dorf. Astako lag fern ab von allen Straßen und Handelswegen des Königreiches. Wollte man es freundlich formulieren, könnte man sagen, die Menschen führten ein beschauliches Leben in sehr naturnaher Umgebung. Was manch einer wohl als wunderschön bezeichnen würde, war allerdings in der Realität ein hartes Leben, oft genug gekennzeichnet durch die Angst ums Überleben. Da eben Jenes vornehmlich durch den großen, im Südwesten an das kleine Dorf angrenzenden Wald gesichert schien, respektierten die Bewohner die Eigenheiten der Bäume. Ging man in den Wald, so tat man dies würdevoll und ruhig und man besorgte sich nie mehr, als es notwendig war. Das war eine Faustregel, deren Verletzung drastische Folgen haben konnte, wie die Vergangenheit des Öfteren gezeigt hatte. Auch wenn Galeo den Bäumen kein Leben zusprechen wollte, so war es nicht zu verleugnen, dass der Wald ein Eigenleben zu führen schien und auch über die Tiere in gewisser Art und Weise herrschte. Denn es war vorgekommen, dass, nachdem einige gierige Menschen des Dorfes zu viel gewildert hatten, wochen- ja monatelang kein Tier zu finden war. Zumindest war es so, wenn man den Geschichten der alten Frauen Glauben schenken wollte.


    „Hey, Ben, sieh mal dort!“, Galeo schien ganz entzückt vor Freude. Vor Aufregung zitternd zeigte er nach rechts ins tiefe Unterholz.
    „Wow… Galeo, das ist der blanke Wahnsinn. Da ist…Schnee!! Und…Bäume!“, Ben schlenderte weiter. Er hatte Galeos Euphorieausbrüche noch nie verstanden. Er wäre wahrscheinlich auch mit einem Wobalt völlig aus dem Häuschen zu bekommen. Dabei hatten sich diese kleinen, wuseligen Tierchen, die den ganzen Tag anscheinend nichts als hektisches Putzen zu tun hatten, schon zu einer kleinen Plage ausgeweitet. Sie kamen aus dem Wald ins Dorf und putzten sich dort. Und wahrlich, Ben hasste es.
    „Galeo? Kommst du? Vergiss den Wobalt! Du kannst ihm im Dorf bei seinen ekelhaften Putzversuchen zuschauen! Wir brauchen das Holz!“
    „Wobalt? Nein, nein. Wobei… Das wäre auch nicht schlecht. Wo du letztens schreiend davon gerannt bist, als der eine seinen….“, Galeo gluckste vergnüglich.
    „GALEO!“
    „Ja, schon gut. Aber das ist es nicht! Schau doch mal näher!“, Ben konnte ein verräterisches Blitzen in Galeos Augen erkennen. Es verriet nichts Gutes.
    Ben war umgekehrt und lugte nun noch einmal genauer in das Unterholz. „Siehst du es?“ Tatsächlich, ein langbeiniger, schlanker Körper war im schwachen Licht der verhüllten Sonne auszumachen. „Du willst doch wohl nicht…?“ Vorwurfsvoll wanderte Bens Blick zu Galeo. Dieser grinste nur weiter verschmitzt. Galeos Hände wanderten an den Rücken.
    Jetzt ist er vollkommen durchgeknallt, dachte Ben. Aufzuhalten war er auch nicht mehr. Aus eigener, leidlicher Erfahrung wusste Ben, dass Galeo, sobald er einen Bogen in Händen hielt, nicht zu bremsen war. Er war das, was Ben als „Freak“ bezeichnen würde. Ben liebte es eigene Worte zu erfinden, für einen Umstand, den die althergebrachte Sprache nur unzureichend zu beschreiben vermochte. Und eben jenes „Freak“, was wohl am besten mit „fanatisch“ zu übersetzen wäre, passte so perfekt auf Galeo, dass Ben sich selbst auf die Schulter hätte klopfen können. Galeos Vorliebe für den Bogen war so groß, wie eben sein Bogen, den er um das Schwert machte. Ben vermutete ja, dass es daran lag, dass Galeo als Kind mit dem Schwert gespielt hatte und es ihm dabei den rechten, kleinen Zeh abgetrennt hatte. Auch wenn sein Freund dem sicherlich nie zugestimmt hätte, so bezeichnete er sich selbst doch immer wieder zu gern als „körperlichen Krüppel“. Jedenfalls war er Jahre danach mal mit einem der wenigen Reisenden ins Gespräch gekommen und der hatte ihm von seinen Bögen erzählt, die er herstelle. Galeo war davon hin und weg gewesen und hatte davon ausgehend seine Liebe zum Bogen gefunden. Heute nahm er seinen ersten selbst geschnitzten Bogen überall mit hin, auch dorthin, wo er ihn natürlich nie brauchte. Im Prinzip brauchte er ihn nämlich eigentlich gar nicht. Aber er war stolz darauf, dass er bereits mit jungen sechzehn Jahren einen tadellosen Eschebogen hatte bauen können. Der jetzt drei Jahre alte Bogen hatte nur wenig von seinem alten Glanz behalten. Es war lediglich ein abgenutztes Stück Holz, gespannt durch eine schmierige Hanfschnur, die nicht einmal richtig spannte. Aber er war stolz darauf. Nur würde er damit niemals ein Tier auch nur ansatzweise treffen. Das war Ben sehr genau bewusst, sodass er die folgende Szene mit völliger Gelassenheit und einem hämischen Grinsen im Gesicht hinnahm. Das Reh war so sicher, wie es nur eben ging in einem Wald.


    Galeo, im Schnee sanfte Fußspuren hinterlassend, verließ den sich windenden Pfad und machte einige langsame Schritte auf das Reh zu. Dieses fraß noch immer völlig unbekümmert an der nassen Rinde eines Baumes, an der der Schnee durch die wenigen Sonnenstrahlen erwärmt worden war. Sein Ohr zuckte nervös. Galeo hielt inne.


    Das sieht derartig dämlich aus, dachte Ben, dass er es wirklich ernst meinen muss. Er überlegte kurz, ob er nicht einfach mal eine dumme, aber vor allem laute, Frage an Galeo stellen sollte, damit das Reh aufmerksam wurde. Er entschied sich dann aber doch dagegen, weil er in Galeos Unvermögen grenzenloses Vertrauen hatte. Dieser tat nun einige weitere Schritte, wobei er mit den tief hängenden, toten Zweigen einer alten Tanne kämpfte. Diese brachten ihn schließlich leicht aus dem Gleichgewicht. Er drohte hinterrücks auf seinem Allerwertesten zu landen, doch in letzter Sekunde krallten sich seine Hände an den Stamm und er konnte einen Sturz und den unweigerlich folgenden Lärm verhindern. Erleichtert seufzte er einmal tief und machte einen Schritt nach vorn, um sich sicheren Halt zu geben. Dabei verfing sich jedoch sein Bogen in den oberen Zweigen, was einen Nadelregen für Galeo bedeutete, der daraufhin unvermittelt aufjohlte. Das Reh hob kurz den Kopf obgleich des Lärms und machte sich postwendend davon. Galeo jaulte auf und setzte kurz entschlossen dem Reh nach.


    Ich hätte es wissen müssen, dachte Ben. „Galeo! Warte verdammt noch mal!“ Und schon war er ins Unterholz gesprungen und hechtete von einem freien Platz zum nächsten. Zweige, Nadeln und Schnee stürzten auf ihn ein, doch er ließ sich nicht beirren. Abseits der Wege war es im Wald durchaus nicht ungefährlich und er wollte, wenn es eben ging, noch mehr Unannehmlichkeiten heute vermeiden. Und Galeo allein irgendwo im Wald war mit Sicherheit eine solche Unannehmlichkeit. „Eins muss man ihm lassen… Rennen kann er“, stöhnte Ben. „Galeo! Wa(aaha)rte!


    Ben blieb stehen. War das nicht gerade ein Schrei gewesen? Er konnte auch Galeos lautes Durch-den-Wald-Poltern nicht mehr hören. Nun ging er vorsichtig weiter voran, bis er ein Wimmern vernehmen konnte. „Galeo?“
    „Ich bin hier. Hilfe!“, die Stimme zersprang fast vor Selbstmitleid.
    „Wo?“, es war niemand zu sehen. Im Wald herrschte nach dem Aufruhr nun absolute Stille. Sogar die Vögel schienen ihr Lied über dem Spektakel vergessen zu haben.
    „Na, hier unten du Trottel! Ich bin in diese Mördergrube gefallen!“
    Noch ein paar Schritte und Ben konnte ihn sehen, wie er da in sich zusammen gesunken mit verkreuzten Beinen dasaß und in seinen Händen einen zerbrochenen Bogen hielt.
    „Was fällst du auch immer in irgendwelche Löcher? Schau, jetzt hast du deinen Bogen zerbrochen. Wäre es wenigstens irgendein wichtiges Körperteil gewesen.“
    „Sehr witzig! Ich lache dann nachher. Immerhin wohne ich nicht darin….Hey, was ist denn das?“, Galeo warf den in zwei Teile zerbrochenen Bogen beiseite und warf sich nach vorn. Auf allen Vieren krabbelte er einige Ellen und schob ein paar braune Blätter beiseite. Plötzlich hielt er ein frühlingsgrünes Blatt in Händen.
    „Wie kann das sein? Grün? Noch kein Baum hat seine ersten Blätter in diesem langen Winter?“, warf Ben skeptisch, aber höchst interessiert ein.
    „Es ist kein Blatt“, flüsterte Galeo. „Schau nur! Es ist rund und flach. Da sind kleine Verzierungen und Zeichen in einer Sprache, die ich nicht verstehe.“
    Ben kletterte in die etwa vier Ellen tiefe „Mördergrube“, wiegte das Ding in seinen Händen und betrachtete das grüne Etwas ebenfalls näher. „Nein, die Zeichen kann ich auch nicht lesen. Sie haben keinerlei Ähnlichkeiten mit einer unserer Sprachen. Ob es wohl wertvoll ist?“
    „Keine Ahnung! Aber ich nehme es mit. Es kann auf jeden Fall nicht schaden!“

  • Grundsätzlich: Schön :-)
    Hab mich nicht durchquälen müssen und würde sogar gerne weiterlesen.


    Der Mittelteil war ein bisschen langatmig und unübersichtlich - der Wald ist beängstigend, aber nur für Ben, nein, eigentlich auch für Galeo.. für alle Dorfbewohner, denn jeder weiß, dass da noch was ist, aber das ist auch nur eine Legende. Hier könnte man eventuell ein bisschen "raffen" und das Ganze besser ordnen?


    Toll finde ich die vielen Dialoge, sie machen die Figuren lebendiger. Hier würde ich aufpassen, dass sie nicht zu konstruiert wirken - z.B. ganz am Anfang, dieses "..und irgendwelchen Raupen beim nicht vorhandenen Wachsen zuschauen.." - weiß nicht, sieht mir einfach nicht nach spontaner Reaktion aus...


    Die Rückblende auf die Kindheit und dem Zwischenfall mit dem Schwert ist durchaus passend und gut, kommt aber irgendwie etwas plötzlich und erscheint mir so verwuselt.. vielleicht gibt es da ja irgendeine Möglichkeit, sie etwas klarer zu gestalten. Aber das ist nur meine Meinung ;-)


    Worte wie "eh" könntest du (außerhalb des Dialoges) mit "sowieso" oder "ohnehin" ersetzen. Gestutzt habe ich auch bei dem "Wow" - wenn du "Freak" schon aus außergewöhnlich hervorhebst, gehört das dann nicht in dieselbe Kategorie?


    Mehr ist mir momentan nicht aufgefallen. Eine Fortsetzung würde mich freuen.


    Alles Liebe
    Lotta :wave

  • Hey, danke erstmal für das grundsätzliche Lob ^^


    Dass der Mittelteil etwas lang(atmig) wirkt, stimmt wohl leider. Allerdings sehe ich erstmal keine andere Möglichkeit die Informationen zu verpacken. Irgendwie muss das, was gesagt wird, gesagt werden. Ich weiß um die Länge, aber ich hoffe es hält sich gerade noch so in erträglichem Maße. Irgendwo wird da denk ich deutlich, dass es "nur" ein Prolog ist.


    Danke für das "Wow". Das ist mir selbst gar nicht so bewusst gewesen, aber du hast Recht. Ebenso mit dem "eh", was ich da einmal benutze. Werde es ändern :)


    Auch mit dem einen Satz (Raupen) hast du denk ich Recht. Werd ich ebenfalls nochmal überdenken. Das wirkt tatsächlich arg konstruiert. Ist mir so noch gar nicht bewusst gewesen.


    Das "verwuselt" seh ich bei der Rückblende jetzt nicht so :gruebel
    Aber mal abwarten, was andere meinen :wave

  • Ok, hier der erste Teil von 1. Kapitel:



    1. Kapitel ---Träume---



    „Aus den Träumen von gestern, werden manchmal die Alpträume von morgen.“
    (Zitat nach ‚Vor den Hagen’, Hob- Autor)


    Die Nebelschwaden verdichteten sich zunächst, bis ihr eigenes Grau sich verformte: krankhaft, schmerzlich. Aus dem Grau schälte sich mit wachsender Kraft das dunkle Grün der Natur. Nur die Ränder blieben grau erhalten. Er erkannte einen Wald; einen schrecklich verformten, dunklen und schwarzen Wald. Jeder Hauch von Grün, der ihm eben noch den Eindruck eines gesunden Waldes vermittelt hatte, war verschwunden. Wenn er genauer hinschaute, waren die Bäume vielmehr schmerzlich verzogene Nebelschwaden: unstetig, unruhig, unheimlich. Ein geheimnisvoller Blitz durchzuckte für den Bruchteil einer Sekunde die Szenerie und öffnete ihm den Blick für eine kleine Stelle irgendwo tief in diesem gigantischen Wald. Von irgendwoher kam ein stetiges, ruhiges und behagliches Licht, doch es war schwach und mühte sich vergeblich gegen das Grau. Er trat näher heran und konnte das kräftige Grün des Grases und der Bäume beinahe schmecken. Ja, es schmeckte grün und es war herrlich. Das Licht erlosch.
    Schwärze umfing ihn. Nicht einmal der graue Nebel war ihm geblieben. Undurchdringliche, unbeschreibliche Finsternis wog ihn schwankend hin und her. Er konnte nicht sagen, ob er stand, schwamm oder flog. Es war Nichts um ihn und er war Nichts inmitten dieses allfassenden Dunkels. Dann donnerte etwas von oben… war es oben? Er konnte es nicht sagen. Genauso hätte es aus der Erde kommen können… Es donnerte etwas an ihm vorüber. Ein schmaler, goldener Lichtstreifen so schien es ihm zunächst. Zu seiner Überraschung und Freude flogen immer mehr dieser wundersamen Streifen durch das Schwarz und eröffneten ihm, je stetiger sie fielen oder flogen, ein Bild. Ein ungenaues Bild, nur verschwommen durch den Regen von Licht und Schatten sichtbar. Er erkannte einen Baum. Nicht die Art von Baum, die er zuvor im Nebelgrau gesehen hatte. Dieser Baum war tot und allein. Die Erde auf dem er einst gewachsen war, war rostig rot und schwarz zugleich. Nichts als schwarze Erde und weit entfernt eine Bergkette. Der Schimmerregen fiel an einer Stelle stärker. Die Wurzeln des Baumes blühten kurz auf. Ein starkes Licht versuchte die Dunkelheit des Ortes zu durchschneiden. Kraft! Das Licht erlosch.


    Strahlende Helle! Als Galeo die Augen aufschlug, wurde er von dem gleißenden Licht draußen geblendet. Der Schnee bedeckte noch immer den Waldboden in Astako und die tief stehende Sonne reflektierte ihr junges Licht in alle Himmelsrichtungen. Galeo schlug die Augen wieder nieder und drehte sich um. In seinem warmen Bett war es alle mal besser auszuhalten als dort draußen. Schnee war ja schön und gut. Aber nicht im März! Wobei er sich tief in seinem Inneren zugestehen musste, dass er froh war, dass der Schnee und das Licht ihn geweckt hatten. Das Tageslicht war ihm dann doch lieber als diese undurchdringliche Finsternis aus seinem Traum. Es war jetzt bereits der vierte Tag nacheinander, dass er unter solchen und ähnlichen Alpträumen litt. Doch es war das erste Mal, dass sich ein Traum wiederholte. Das hatte er noch nie erlebt. Im Grunde war ihm bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal bewusst gewesen, dass er überhaupt träumte. Während alle anderen jeden Morgen aufs Neue mit einem fröhlichen „Du errätst nie, was ich heute Nacht geträumt habe! Hoho!“ begannen, konnte er immer, nicht ohne Stolz obgleich seiner Einzigartigkeit, betonen, er wenigstens habe heute Nacht nicht geträumt. „Du bist krank, mein Sohn. Hoho! Träumen ist das Atmen der Nacht!“, war die stetige Antwort und wie in einem alten einzuhaltenden Ritual antwortete Galeo miesmutig: „So wunder ich mich jedes Mal, warum ich die Nacht überlebt habe.“ Seine Gegenüber glucksten dann immer vergnüglich und begannen schließlich ihre ausufernden Traumgeschichten zu erzählen.
    Alles Mumpitz, dachte Galeo. Und überhaupt, wer hat den Morgen eigentlich erfunden? Ich hasse ihn. Und wie um seine Worte zu unterstreichen drehte er sich im Bett nochmals um, zog die doppelt übereinander gelegten Felle (im März!!!) näher zu sich und hoffte, dass das ganze Dorf ihn an diesem Morgen vergaß. Heute konnte ja mal alles anders sein. Immerhin hatte er geträumt.
    „Galeo!“ Er öffnete die Augen ein Schlitz weit. „Galeo!!!“ Er schloss die Lider wieder. “GALEO!!!”
    Jetzt war es aus. Seine Mutter, ein laufendes Chaos, wie er fand, stand neben seinem Bett. Plötzlich spürte er einen Druck auf seinem kleinen Zeh und er jaulte auf, als ob ihm jemand einen Pfeil in seine tiefsten Eingeweide geschossen hatte. „Maaaa“, es war mehr ein Schrei als eine Bitte. Seine alte Kriegsverletzung war immer wieder das gern gesuchte Ziel seiner Mutter.
    „Mein lieber Sohn! Was haben wir heute für einen Tag?“
    „Ich…ich weiß nicht? Ich denke heute ist ein Tag später als gestern und zwei Tage früher als übermorgen. Ich glaube nicht, dass das schlimm ist?“
    Die Lippen seine Mutter bebten. Ihre dunklen Augen glitzerten vor Zorn. Es war nicht die Zeit um Späße mit ihr zu treiben.
    „Es ist der Dritte des Mondlaufs, irgendwann viel zu früh morgens“, leierte Galeo herunter.
    „Und?“, ihre Hand glitt für Galeos Empfinden wieder viel zu nah an seinen Zeh.
    „Und…heute…ist Marischen- Fest?“, seine Augen strahlten. Wie konnte er das nur vergessen haben? Traditionell fand am ersten Vollmond des dritten Mondlaufs das Marischen- Fest statt. Es war eine heilige und heidnische Tradition (die Drei war eine heilige Zahl, der Vollmond aber ein heidnische Symbol voller Lebenskraft) in Astako, dass man sich am diesem Abend mit einem großen Feuer unter dem angeblichen Spross des Weltenbaumes von den Wintergeistern lossagte. Im Prinzip sollte es lediglich ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten sein, waren doch die Geister seit Goads Erkenntnis auf Erden vertrieben.
    „NEIN!“, fauchte seine Mutter. „Das Marischen- Fest wurde schon vor einer Woche abgesagt. Wie sollen wir die Wintergeister verabschieden, wenn sie sich momentan bei uns häuslich eingerichtet haben? Du solltest wissen, dass man Naturgeister gewähren lässt und selbst nur reagiert. Dränge niemals einen Naturgeist!“ Dieser Ausspruch bestätigte Galeo abermals darin, dass die Mission im Namen Goads, nämlich den Glauben auszutreiben, in Astako nur auf wenig fruchtbaren Boden gefallen war. Obwohl bereits Generationen verstrichen waren, lebte der Glaube an die Geister uneingeschränkt weiter.
    Seine Mutter fing plötzlich an in ihren Taschen zu kramen, fand anscheinend was sie suchte und eilte durch die Tür hinaus.
    Galeo schaute ihr mit leicht schüttelndem Kopf hinterher. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, seine Mutter sei dezent konfus. Doch er wusste es besser und auch wenn sie so manches Mal ein etwas unkoordiniertes Verhalten an den Tag legte und das Eine und das Andere gerne mal vergaß, so schwebten die wichtigen Dinge doch immer wie eine dunkle Wolke über ihren Kopf und zur richtigen Zeit, fuhr ein kleiner Blitz aus dieser Wolke auf sie nieder und schlagartig wusste sie, was zu tun war. Es wäre ein faszinierendes Phänomen gewesen, wenn es Galeo nicht des Öfteren zur Weißglut gebracht hätte und stetig bringen würde. Dinge, die ihn betrafen, verwandelten sich nämlich mit Vorliebe, so schien es ihm, in kleine Blitze.
    „Galeo, was ich vergessen hatte, du Tollpatsch!“, keifte es gut hörbar aus dem anderen Ende des Hauses. „Du stehst jetzt sofort auf und begibst dich zur Mühle. Wir brauchen das Mehl für diesen Monat. Es ist der Dritte, wie du ja schon selbst erkannt hast.“ Sie ließ die Tür nach außen mit einem endgültig wirkenden „Rumms“ in den Rahmen fallen. Der Tag war für Galeo gelaufen.


    Allen Widrigkeiten zum Trotz hatte er nach geraumer Zeit an den Frühstückstisch geschafft, der ihm allerdings wenig Erquickendes zu bieten schien. Außer altem Brot und den letzten Resten eingemachter Marmelade, deren genauer Inhalt ein Geheimnis seiner Mutter war – Galeo schätze, dies beruhe auf der Tatsache, dass sie einfach keine richtige Marmelade machen konnte – bot der Tisch nichts, um den ganz anscheinend katastrophalen Tag in ein positiveres Licht zu tauchen. Galeo verzog gerade obgleich der sich unregelmäßig bewegenden Marmelade das Gesicht, als sein Vater, ein gestrenger Mann, den Raum betrat. Er schien im Gegensatz zu seinem Sohn kein bisschen verschlafen und ebenso wenig schlecht gelaunt. Sein Tischlerberuf hatte ihn zu einem Hünen von Mann gemacht, der aber nicht nur durch seine Statur, sondern auch durch eine gehörige Portion geschickten Denkens beeindruckte. Das war Galeo sehr wohl bewusst und er war nicht wenig stolz auf seinen Vater, der hohes Ansehen im Dorf besaß, doch erging es ihm irgendwie mit seinem Vater ähnlich wie mit seiner Mutter, in Bezug auf ihren Sohn waren beide äußerst streng und setzen ihm immer wieder zu.
    Doch heute Morgen schien sein Vater bester Laune. Galeo schätze, es lag an den wenigen Sonnenstrahlen heute.
    „Du errätst nie, mein Sohn, was ich heute Nacht geträumt habe.“ Sein Vater setze sich, schnitt sich ein viel zu dickes Stück Brot ab und schob es schier in seinen Mund. Dabei schaffte er es noch seinen Sohn schelmisch anzugrinsen.
    „Ach du meine Güte… jetzt geht das wieder los“, seufzte sein Sohn und biss vor lauter Erschütterung bedenkenlos ein großes Stück des Brotes ab.
    „Ich war nämlich ziemlich weit entfernt von hier. Jetzt, wo ich es sage, scheint es mir, als dass ich in Epirus war.“, er schaute schmatzend an die Decke und tat so, als musste er überlegen. „Ja, doch, es war die Allee von Epirus. Und du errätst nicht, was mir dort passiert ist...“
    Galeo verdrehte die Augen. „Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein…“, sagte er und fügte leise hinzu: „Anders als bei mir.“
    „Bitte was? Ich mag ja so langsam alt werden und irgendwann wirst du kräftiger und vielleicht klüger sein als ich, mein Sohn, aber ich bin nicht taub.“, seine plötzlich ernsten Augen durchbohrten seinen Sprössling.
    Dieser verfluchte sein Plappermaul. Er sollte endlich lernen seine Gedanken vom Reden zu trennen, aber es gelang ihm stets nur mangelhaft. Er konnte nun nicht mehr als ein grummliges Brummen von sich zu geben. Es wusste nicht, was er sagen sollte. Die Wahrheit war kategorisch ausgeschlossen.
    „Nun?“, sein Vater schien neckisch und besorgt zugleich zu schauen, aber in jeden Fall bestimmt, eine Antwort zu erhalten.
    „Ach Paps, du hast so Recht. Irgendwann werde ich kräftiger und klüger sein und auch taub bist du sicherlich nicht. Aber ich fürchte, dass du auf dem besten Weg zur Schwerhörigkeit bist. Ich bin gespannt, ob deine anderen Vorraussagen auch so schnell eintreffen werden.“, Galeos blaue Augen blitzten die ur-braunen seines Vaters an.
    „Seit wann murmelst du dir dann etwas in deinen nicht vorhandenen Bart?“, frotzelte ihn sein Vater.
    „Seit dem mein Vater langsam vergesslich wird und mir innerhalb zweier Wochen bereits das dritte Mal versucht den gleichen Traum aufzutischen. Du wirst unglaubwürdig, Paps!“, Galeo stand auf, selbst beeindruckt von seinem geschickten Ausweichmanöver, klopfte seinem Vater tröstlich auf die Schulter, als ob dieser eine Schlacht verloren hätte, und ging hinaus. Eine Schlacht war immerhin gewonnen, doch der Krieg dieses Tages schien dennoch verloren. Nach ein paar Schritten an der frischen Luft war seine gute Laune wieder verzogen.

  • Der 2. Teil vom 1. Kapitel:
    (hier ist am Ende ein größerer Sinnabschnitt, sodass ich hier erstmal aufhöre)



    Zu allem Überdruss begann es an diesem Morgen auch noch wieder zu schneien. Nicht genug damit, dass das Marischen- Fest ausfallen würde – wie hatte Galeo das nur vergessen oder besser: verdrängen können? – nein, die Naturgeister schienen die Menschen von Astako auch noch mit weiterem, entsetzlichen Schnee plagen zu wollen und wenn sie es nicht waren, so war es halt wer anders und wenn es nur die von Goad so genannten „Mulekole“ waren. Dem Jungen war es egal. Was interessierte ihn die Ursache? Die Wirkung und das Ergebnis war es, was für den Menschen zählte. Es war Galeos tiefste Überzeugung, dass ein Mensch allein nie alle Ursachen zu kennen vermochte und trotzdem, so dachte er, muss der Mensch doch glücklich leben können. Der Schluss war also, dass man sich um das große Ganze nicht zu sorgen brauchte, solange man mit den Gegebenheiten im wahrsten Sinne des Wortes zu Recht kam.
    Und als ob Galeo sich dem drohenden Wetter mit seinen tief hängenden, mit unzähligen Schneeflocken voll gestopften, grauen Wolken ergeben wollte, stapfte er mit miesmutigem Gesicht und durch das Gewicht des großen Getreidesackes auf seinem Rücken tief gebeugt, durch das fast verlassene Dorf. Es wäre ja auch zu viel verlangt gewesen, wenn die gemeinsame Mühle des Weilers zumindest in der Nähe seines Heimathauses gestanden hätte. Stattdessen war es ein viertelstündiger Fußmarsch bis ans andere Ende des Ortes, wo der Fluss Leben sich sein Bett gesucht hatte.
    Das Wort „Dorf“ beschrieb Astako dabei im Grunde nur unzulänglich. Vielmehr war es eine Häuserschaft, eine Ansammlung von mehreren, recht einfach gebauten Hütten, die den Menschen im Sommer, wie im Winter den nötigen Schutz vor der Witterung boten. Es waren ihrer im Endeffekt vielleicht fünfzehn solcherlei Gebilde.
    Doch die Menschen hier störte ihre Situation eigentlich wenig. Selbst wenn Galeo manchmal daran dachte, in die weite Welt zu ziehen und einmal richtige „Städte“ zu sehen, oder zumindest das, was er sich darunter vorstellte, so besann er sich später doch immer wieder zurück auf seinen Geburtsort und sagte sich, dass das Leben hier doch im Prinzip alles böte, was der Mensch zum Leben brauche. Das war ihm dann auch wohl ernst und so Unrecht hatte er nicht. Die Dorfgemeinschaft war von alters her so organisiert, dass die Menschen miteinander lebten, anstatt gegeneinander. Für Galeo war dieser Umstand selbstredend, doch hatte er gehört, dass dies vor allem in größeren Städten wie Rhun oder Epirus eben nicht selbstverständlich war. Für die kleine, abgelegene Ortschaft Astako war diese Struktur aber die einzige Überlebensmöglichkeit. Es gab genau eine Bäckerei, eine Gastwirtschaft, eine Molkerei, einen Tischler und bis vor kurzem auch einen Schmied. Durch Tauschhandel fanden die verschiedenen Produkte so auch immer ihren zugedachten Empfänger. Natürlich bedurfte es darüber hinaus der Eigenversorgung. So benutzte natürlich die Bäckerei die Mühle am meisten, jedoch war es nicht unüblich für die Haushalte sich in gewissem Rahmen eigenes Mehl herzustellen. Ebenso war es für jeden Hof selbstverständlich einen eigenen Garten und ein Stück Land zu bewirtschaften, um davon auch in schlechten Zeiten zehren zu können. Dieses Prinzip sorgte zwar nicht für eine Luxusgesellschaft, aber das Leben gestaltete sich friedlich und einfach.
    Astako lag darüber hinaus im Schatten des Vergessenen Waldes, der mit seinen Pflanzen und Tieren das Dorf im Notfall praktisch alleine versorgen konnte. Anderseits lag unweit entfernt der Nebelsee, der gespeist wurde vom Fluss Leben, dessen Name eine doppeldeutige Anspielung einerseits auf den „Lebensspender“ Fluss darstellte und zum anderen die Umkehr des „N-e-b-e-l“s beim See charakterisierte. Der Fluss war ein friedfertiges, vollkommen nebelloses Gewässer. Der See dagegen schien reichlich abstoßend. Es konnte herrliches Wetter im ganzen Königreich Herean sein, doch über dem See hielt sich vehement und mit ungeheurer Kraft ein Nebelgebiet, welches zumeist alle Versuche, auf den See hinaus zu fahren, unterband. So sagte man doch auch dem See unheimliche Kräfte zu. Galeo empfand dies zwar als genauso großen Unsinn wie beim Vergessenen Wald, doch wäre auch er niemals bei dichtem Nebel auf den See hinaus gefahren. Ihm tat es eine Vielzahl von Menschen gleich, sodass es kaum Fische aus dem See gab. Außerdem war Fischen seit einiger Zeit sowieso nicht mehr möglich, denn seitdem der Winter bereits im November mit voller Kraft den Norden des Landes in seine unerbitterlichen Klauen genommen hatten, war der See stets zugefroren gewesen und bis heute noch nicht wirklich aufgetaut.
    So blieb Galeo im Grunde der Gang zur Mühle nicht erspart, da der Getreidemeister die Menschen bereits gebeten hatte, etwas mehr für sich selbst zu sorgen. Die Vorräte in krisenhaften Zeiten neigten sich bedenklich schnell dem Ende. Und Galeo konnte in eben diesen dürftigen Tagen nicht noch einmal erwarten im Vergessenen Wald einem Reh zu begegnen, wie dies letztens der Fall gewesen war. Schicksalsergeben und tief in Gedanken versunken, ging er also voran, während der Schneefall mehr und mehr zunahm.
    Es waren zu dieser morgendlichen Stunde nur wenige Menschen des Dorfes auf den Beinen. Er begegnete lediglich dem Bauern Magoté, der seinen Kühen zum Frühstück das wenige Heu brachte, welches er noch übrig hatte.
    „Es wird Zeit, dass der Frühling sich blicken lässt“, hatte er Galeo zugerufen und dieser war erschrocken hochgefahren. Schneeflocken flatterten in sein Auge.
    „Wem sagst du das, Magoté? Ich habe dieses elende Weiß auch endgültig satt. Meinetwegen kann der Winter nächstes Jahr eine Pause einlegen.“
    Der Bauer hatte freudlos aufgelacht. „Ich glaube nicht, dass er dir diesen Gefallen tun wird. Mein kleiner Zeh sagt mir, dass etwas Böses im Anmarsch ist.“
    „Etwas Böses?“, hatte Galeo misstrauisch gefragt. Wenn er etwas an diesem Dorf hasste, dann seinen unerträglichen Aberglauben.
    „Ach, frag mich nicht. Ich bin nur ein armer Bauer. Ich weiß von nichts und doch sagt mir mein kleiner Zeh…“, er hatte danach abgebrochen, den Kopf geschüttelt und gesagt, er müsse jetzt die Kühe füttern. „Noch mehr tote Kühe kann ich mir nicht leisten.“ Tatsächlich waren ihm diesen Winter einige erfroren und hatten den ansonsten angesehenen und gut ausstaffierten Bauern in arge Bedrängnis gebracht.
    Kurz darauf hatte Galeo noch den Schmied und Neu-Bauern Modon getroffen, wie er eine kümmerlich kleine Menge Hafer zu seinen zwei Pferden transportierte. Ihm hatte bereits das vorletzte Jahr übel mitgespielt, als er seine Frau durch einen Blitzschlag und seine Schmiede in der Folge durch seine Trauer verloren hatte. Er war ein bemitleidenswerter Mensch, den Galeo seitdem kaum mehr Lächeln sah und heute nur noch zwei Pferde besaß, die er ab und zu gegen kleine Entgelte verlieh. Neben seinem kleinen Ackerstück war dies seine einzige Einnahmequelle. Er hatte Galeo nicht bemerkt und dieser war seinerseits nicht darauf erpicht gewesen, ein Gespräch mit ihm anzufangen. So war er zügig vorbeigegangen.
    Einen weiteren Menschen traf Galeo auf seinem Weg und dies war zugleich der seltsamste Typ, den er je gesehen hatte. Er war komplett in einem grau-silbernen Umhang eingehüllt und nur sein kaltes Gesicht lugte unter einer großen Kapuze hervor. Der große, hagere Mann war augenscheinlich nicht von hier, aber Galeo zweifelte sogar daran, dass er überhaupt aus dem Königreich Herean kam. Er vermochte es nicht genau zu beschreiben, aber eine mehr als merkwürdige Unwirklichkeit umgab diesen doch auf irgendeine Weise faszinierenden Mann. Eine fragwürdige Aura ging von diesem silbernen Herrn aus. Galeo überkam das Gefühl, dass er eigentlich kein Gespräch mit diesem Menschen führen wolle. Inbrünstig betete er zu Yddras, dass er ihn nicht ansprechen würde.
    „Entschuldigen sie, mein Herr?“, krächzte die raue, starke und dunkle Stimme des Mannes, die irgendwie widersprüchlich zum eher knochigen Äußeren des Mannes stand.
    Galeo, den Kopf tief gesenkt, entschied sich dazu, diese Anrede überhört zu haben. Er trottete weiter, bemüht ein möglichst abwesendes Gesicht zu machen. Was war so seltsam an diesem Mann? Er schien doch nur ein Wanderer zu sein, der, nebenbei bemerkt, gewisse Manieren besaß.
    „Junger Freund?“, die diesmal laut und kräftig ertönende Stimme erfasste Galeo und ließ ihn stoppen. Obwohl er sich später selbst ohrfeigen konnte für diese törichte Tat, blickte er erwartungsvoll auf zu dem Fremden und sagte: „Ja bitte?“
    „Ich wünsche die heutige Nacht in diesem… beschaulichen… Dorf zu verbringen.“, entgegen der höflichen Sprechweise, behielt er unanständiger Weise seine Kapuze auf. Galeo konnte nur das feine, weiße Gesicht mit den funkelnden Augen erkennen, die scharf auf ihn gerichtet waren. Ein Schauer überkam ihn. „Gibt es hier eine Möglichkeit für Reisende zu einem erschwinglichen Preis unterzukommen?“
    Galeo nahm den schweren Getreidesack von seiner Schulter, richtete sich auf und versuchte annähernd so groß und würdevoll zu wirken, wie der Mann. Es gelang ihm nicht.
    „Sie reisen? Bei diesem Wetter? Was treibt sie in unser Dorf?“, es war wieder einer diese Momente wo Galeo später an seinem eigenen Verstand zweifelte. Ihm schien es fast, als ob dieser Gegenüber ihm die Gedanken noch im Kopfe herumdrehte, sie verzwirbelte und nach seinem Gutdünken veränderte. Es gefiel ihm nicht.
    „Es tut mir Leid, aber ich fürchte meine Angelegenheiten sind meine Sache und gehen sie nichts an. Ich würde sie bitten, meine Frage zu beantworten!“, die Stimme klang diesmal weder stark, krächzend noch höflich. Sie war lediglich so eisern und kalt, wie der Blick dieses Mannes auf Galeo ruhte.
    „Entschuldigen sie. Es ist nur… Wir haben so selten Besuch.“, wand sich Galeo heraus. „Aber sie haben Glück, wir haben eine kleine Taverne in dieser Richtung, die auch zwei Zimmer vermietet. Dort werden sie Unterschlupf finden.“ Er zeigte unsicher in die Richtung, in der die kleine Taverne stand.
    „Ich danke ihnen vielmals für die Auskunft!“
    Da traf es Galeo wie ein Blitz während eines schweren Gewitters. Er hatte damit gerechnet, aber es nicht erwartet. Denn kaum hatte sich der verwirrende Blick des Mannes vom ihm gelöst, schienen seine Gedanken wieder atmen zu können und dieses wirre Etwas in seinem Kopf schien sich aufgelöst zu haben. Da überkam ihn ein Gedanke an den Bauern Magoté, wie er von „dem Bösen“ gesprochen hatte. Die böse Aura dieses Mannes strich ihn, wie ein eiseskalter Windzug im Winter. Er fröstelte kurz, dann war das Gefühl verschwunden.
    Der Mann schritt mit knirschenden Schritten, obgleich des Schnees unter seinen Füßen, in die gezeigte Richtung davon und ließ sich nicht anmerken, ob er Galeos Gedanken noch gelesen hatte oder nicht.
    Für den Jungen stand fest, dass er heute Abend im Tanzenden Pony mit Sicherheit kein Bier trinken würde.

  • Es folgen die weiteren Teile des 1. Kapitel. Danach ist es vorbei ^^



    Als Galeo wenig später schließlich die Mühle erreichte und die leicht morsche Treppe ins Obergeschoss erklommen hatte, traf ihn endlich der erste Lichtblick – nicht Blitz - des Tages. Auf der anderen Seite der mit unzähligen Spinnenweben durchgezogenen Wassermühle stand Ben, der gerade seinerseits einen wuchtigen Sack Getreide in die kleine Vorrichtung kippte, die das Korn über eine für Galeo unverständliche Konstruktion zwischen die zwei großen Mühlsteine transportierte.
    „Guten Morgen, Galeo“, ertönte laut Bens Stimme, um das Krächzen der Mühle und des Wasserrades zu übertönen.
    „Morgen. Woher wusstest du, dass ich es bin?“, sagte Galeo skeptisch und stellte seinen Sack in die Ecke.
    „Nur einer kann so laut stöhnend und stampfend hier herauf kommen“, spottete Ben und lachte vergnügt auf.
    Galeo entschied, nicht weiter auf die Sticheleien seines Freundes einzugehen. Dass es so das Beste war, hatte er schon vor einiger Zeit erkannt. Denn ließ er sich darauf ein, so kam stets nur eines dabei heraus: Eine herbe Niederlage für Galeo. Irgendwie war Ben wohl etwas wortgewandter, sodass er Galeos Worte nicht nur einmal mitten in einem Streit so verdrehen und austauschen konnte, dass Galeo am Ende selbst gar nicht mehr wusste, was er gesagt, geschweige denn, welche Meinung er eigentlich vertrat.
    Vielleicht hing es damit zusammen, dass Bens Mutter die Gelehrte des Dorfes war. Das bedeutete, dass sie zusammen mit dem Ältesten und einem gewählten Mitglied des Dorfes den Rat des Dorfes bildeten, der alle wichtigen Entscheidungen, die das Dorf anbelangte, zu treffen hatte. Galeo hatte höchsten Respekt vor Bens Mutter und vor allem vor deren Wissen. Erst Recht, seitdem sie auch die wöchentlich stattfindenden „Horas“ leitete. Dies waren Weiterbildungsstunden für den Nachwuchs des Dorfes, in denen Traditionen wie das Marischen- Fest oder Phänomene wie die Naturgeister erläutert und weitergegeben wurden.
    Im Gegensatz zu Bens eher „geistiger“ Familie, war Galeo dagegen praktisch orientiert. Sein Vater war ein exzellenter Handwerker und fertigte im Alleingang alle wichtigen Möbel und Häuser im Dorf. Er war ein strenger Mann und immer darauf bedacht, seinem Sohn Ordnung und Arbeit beizubringen. Galeo empfand dabei schon ein wenig Stolz, denn er hatte bereits eine Vielzahl von Techniken des Vaters gelernt und, wie er fand, teilweise sogar schon verfeinert.
    Nur diese Mühle, die sein Vater vor vielen Jahren der Dorfgemeinschaft gebaut hatte, die hatte Galeo noch nie recht verstanden. Es war ihm ein Wunder, wie der kleine Fluss das Wasserrad in Bewegung setzen konnte, welches seinerseits dann wieder diese zwei riesigen Mühlsteine zu drehen vermochte, die das Getreide so fein zerkleinerten, dass man am Ende das begehrte Mehl erhielt.
    Galeo wurde durch Bens Stimme aus seinen Gedanken gerissen.
    „Sag mal, hast du heute morgen auch von diesen Neuankömmlingen gehört?“, er setzte den inzwischen zweiten Sack an.
    „Mehrere? Nein, gehört habe ich davon noch nichts, doch habe ich einen auf dem Weg hierher getroffen.“, gab Galeo möglichst gleichgültig zurück. Es war nicht ungewöhnlich, dass Fremde Astako passierten. Es war an der Nordgrenze Hereans neben Epirus das letzte Dorf vor der Grenze und letzteres lag beträchtlich weiter im Osten. Wanderer zwischen den Königreichen machten daher häufiger hier halt. Zumindest war das die offizielle Variante, für die sich Galeo nun entschieden hatte. Alles andere, so sagte er sich, war doch nur Weibergewäsch.
    „Und?“
    „Was ‚und’? Er war ein ziemlich unsympathischer, komischer Kauz, wenn du mich fragst. Aber du weißt so gut wie ich, dass viele dieser Königswanderer komische Käuze sind. Beeil dich mal lieber mit deinem Reinschütten da.“
    „Es läuft so schnell es geht, aber bei Trichtern dauert das nun mal.“, erwiderte Ben und wurde dann nachdenklich. „Ich rede nicht von Königswanderern. Es sind zwei Soldaten des Königs von Herean hier gestern Nacht aufgetaucht.“
    „Dann haben wir gleich drei Neuankömmlinge. Denn der Kerl, den ich gesehen habe, war mit Sicherheit kein königlicher Soldat oder ich bin ein Wombat.“
    „Dann wollen wir hoffen, dass du Recht hast, sonst fang schon mal gleich an deinen…dich zu putzen“, kicherte Ben.
    Bleib ruhig, Galeo, sagte er sich. Zwei Sticheleien am Morgen waren zu ertragen. Einfach nicht darauf reagieren.
    „Ich fand ihn nicht besonders witzig.“
    „Den Witz? Ich schon!“
    „Dummkopf! Diese seltsame Gestalt. Auch wenn es natürlich nichts Ungewöhnliches ist, irgendwie war der Typ nicht ganz astrein. Ich meine, wer rennt schon in einem silbernen Anzug durch die Gegend?“
    „Du hast ja Recht, das klingt mehr nach einem großen Spinner, als nach einem Soldaten. Von Leuten, die in silbernen Umhängen durch die Gegend laufen, hab ich jedenfalls noch nie was gehört.“
    „Und was war jetzt mit den Soldaten?“, fragte Galeo.
    „Was soll schon mit ihnen sein? Zwei von ihnen sind heute Morgen angekommen und haben sich das eine Zimmer im Gasthaus genommen. Keiner weiß so genau, was sie hier eigentlich wollen. Es muss schon einige Zeit her sein, dass Leute des Königs bei uns hier im Dorf waren. Aber ich finde es absolut aufregend. Ich würde diese Kerle gerne mal genauer kennen lernen.“ Ben war nicht mehr zu halten. Er schwelgte von den tapferen Taten der königlichen Wache in den vergangenen Kriegen gegen Mawa, den stolzen Rüstungen der Rittern und der umwerfenden Fähigkeiten der Leute mit ihren Pferden, ihrem superben Schwertkampf gar nicht erst zu sprechen.
    Schlimm genug, fand Galeo, dass Ben von einer sprachlichen Ohnmacht in die nächste fiel, obgleich dieser angeblich so wahnsinnig tollen Soldaten, nein er ließ auch noch absichtlich, da war er sich ganz sicher, die beeindruckenden Bogenkünste der berittenen Kämpfer weg. So war der Vortrag für ihn kaum mehr zu ertragen und er war froh, als Ben endlich den Getreidesack absetzte und sich anschickte nach unten zu gehen, um dort das fertige Mehl in Empfang zu nehmen. Falls er vorhatte ihn von unten noch weiter voll zu quatschen, so war er zumindest in der Lage die Falltür zu schließen, sodass er nicht mehr als entferntes Grummeln hören würde.
    Doch er brauchte keine weiteren Maßnahmen ergreifen. Ben beendete seinen Vortrag mit einem sehnsüchtigen Seufzen und machte sich gedankenverloren auf den Weg nach unten, während Galeo langsam mit seiner Arbeit begann.


    Es war ein Traum. Er wusste, dass es ein Traum war, doch konnte er ihm nicht entfliehen. Und im ersten Augenblick wollte er ihm auch gar nicht entfliehen. Wenngleich die Tatsache, dass er schon wieder am Träumen war, zunächst Furcht einflößend war, so beruhigte ihn doch die Szenerie, die sich vor seinen Augen abspielte. Die schrecklich konturlosen, nichts sagenden, unmenschlichen Visionen der letzten Träume waren fortgewischt und er tauchte in eine wirkliche, menschliche Welt ein. Er befand sich in einer großen Kirche, die prächtig geschmückt und voller Menschen war. Sein Blick schwebte über sie alle hinweg und richtete sich vorne am Altar auf ein glänzendes Paar. Der Mann trug eine Krone, die Frau war in strahlendes Weiß gekleidet. Die Gesichter der Menschen hellten sich auf, sie klatschten. Von irgendwoher erklang Musik, welche von einem Instrument gespielt wurde, das er noch nie zuvor vernommen hatte. Es war schöne, fröhliche Musik. Dann erstarb sie. Und mit der Musik erstarb das Licht vor seinen Augen und die Geräusche der Menschen erstarben. Alles starb. Nur ein Schrei durchbrach schließlich das unendlich unmenschliche Dunkel. Ihm folgten unzählige weitere. Die Musik blieb aus, doch das Licht leuchtete leicht wieder auf. Er sah einen Menschen neben einer Frau knien. Der Mann hatte eine Krone auf.
    Daneben stand die Frau in Weiß. Finsternis!

  • Der folgende Tag dagegen schickte sich für Galeo an, ausnahmsweise mal erfolgreich zu werden. Am Morgen erfuhr er, dass er heute praktisch von all seinen täglichen Pflichten befreit war. Sein Vater, dem er eigentlich heute bei der Herstellung einiger einfacher Tische für Magotè hatte helfen sollen, hatte kurzerhand beschlossen, heute, wo es mal einmal nicht schneite, in den Wald jagen zu gehen. Das war eine Tätigkeit, die er, und wirklich nur er, im Stillen genießen und ausführen wollte.
    Das gab Galeo die willkommene Gelegenheit sich endlich einen neuen Bogen anzufertigen. Er war untröstlich gewesen, als er nach der Freude über den gefundenen Stein, den neuen Zustand seines Bogens realisiert hatte. Immerhin hatte der Bogen ihn durch drei Jahre voller Erinnerungen begleitet. Nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade deswegen musste ein Neuer her. In der Werkstatt seines Vaters graste er die Ecken nach möglichem Holz ab, welches er für seinen Bogen benutzen konnte. Doch er fand unter den zahlreichen Abfällen wenig brauchbares, langes Holz. Das Bild des Bogens hatte er bereits detailliert im Kopf und er ließ keine weiteren Änderungen daran mehr zu. Er wäre im Notfall in den Wald gegangen, um eine Esche eigenhändig zu erschlagen. Er war allerdings heilfroh, dass ihm dies erspart blieb, denn Bens höhnende Worte hatte er sich schon vorstellen können: „Wie kannst du für vier dünne Ellen Eschenholz, eine ganze 100-jährige Esche fällen?“.
    Irgendwo in einer dunkeln Ecke unter einer beträchtlichen Sägespanschicht fand Galeo dann allerdings das gesuchte Eschenholz, welches mit einer genügenden Dicke und Länge gesegnet zu sein schien. Seit dem letzten, lieben Bogen vertraute er nur noch auf dieses Holz. Es war fest und biegsam zugleich, aber vor allem war es zumeist sehr gerade.
    Nach diesem Erfolg hetzte Galeo in eine weitere Ecke des Raumes, wo fein aufgestapelt eine Reihe von Kieferholzplatten lag, die sein Vater häufig für massive Möbel benutzte. Die Kiefer war für ihre Härte bekannt und genau diese Eigenschaft wollte sich auch Galeo zu Nutze machen. Er schnappte sich einige davon und setzte sich vor der Tür auf die von seinem Vater und ihm kunstvoll gestaltete Bank. Es war, vor allem im Sommer, eine Art Lieblingsplatz von ihm, wo er unter anderem auch schon seinen ersten Bogen selber fertig gestellt hatte. Man wurde auf der Bank sitzend so wundervoll von den Sonnenstrahlen umspielt und hatte einen fantastischen Blick auf fast das ganze Dorf und all die Aktivitäten, die darin vorgingen, sodass es für Galeo einfach eine Freude war hier zu sitzen und für sich zu arbeiten. Nicht zum letzten Mal wünschte sich Galeo den Sommer herbei.
    „Ich hasse Schnee“, sagte er zu sich selber und fegte mit der Hand die beträchtliche Schneedecke herunter und ließ sich nieder.
    Er war mit seinem Messer dem Eschenstab noch nicht lange zu Leibe gerückt, da gesellte sich Ben zu ihm. Seine Mutter brauche ihn heute Morgen nicht weiter, sodass er etwas Zeit habe, erklärte er.
    „Soso, du bist also fest entschlossen, einen neuen Bogen zu bauen? Ich hatte ja gehofft, dass du dir diesen Irrsinn nach dem Reinfall vor ein paar Tagen endlich aus dem Kopf geschlagen hast.“, meinte Ben und ließ sich auf die Bank neben Ben fallen.
    „Da kannst du noch lange darauf hoffen. Irgendwann werde ich berühmt sein für meine Bogenkunst. Warte es nur ab!“, erwiderte Galeo ohne den Kopf von seiner Arbeit zu nehmen. Er schnitzte weiter fleißig und sorgfältig eine Kerbe in das obere Ende des Eschenstabes. „Mit diesem Bogen werde ich Ziele weit über 30 Ellen entfernt treffen können. Ich habe vor, ihn noch besser zu machen, als den Alten!“
    „Das bezweifele ich doch sehr. So ein Bogen, wie du ihn dir da gerade baust, ist doch was für Kinder. Der kommt niemals weiter als zehn bis fünfzehn Ellen.“
    Der Stoß hatte sein Ziel nicht verfehlt. Galeo war nicht dumm und er musste sich eingestehen, dass Ben nicht so falsch lag. Doch das veranlasste ihn nur noch hitziger auf das Holz einzuritzen. Er hatte inzwischen eine Kerbe fertig und begann etwas übermütig die Rinde abzuschälen.
    Eine Zeitlang saßen beide still auf der Bank. Die Sonne, ein seltener Gast dieser Tage, schien ihnen wärmend auf den Pelz und beide genossen es sichtlich. Um sie herum versprühte alles seltsam viel Leben, als ob Tier und Mensch gleichermaßen die wenigen Sonnenstrahlen so gut als möglich zu nutzen gedachten. Das Zwitschern der Vögel war so laut, wie seit langem nicht mehr und mehrere Hasen kreuzten ihren Weg. Aus dem Dorf war lebhaftes Brüllen, Muhen und Hämmern zu hören, sowie geschäftige Aktivitäten zu sehen.
    Galeos Groll verflog und er hatte bereits eine neue Idee, seinen Bogen noch besser zu machen. Die Rinde war inzwischen komplett entfernt und er begann damit kunstvolle Runen in das glatte Holz einzugravieren.
    „Was schreibst du?“, fragte Ben nach einiger Zeit interessiert. „Ich wusste gar nicht, dass du dich mit alten Runen auskennst.“
    „Da kannst du mal sehen. Ich habe noch ganz andere versteckte Fähigkeiten.“, grinste Galeo. „Ich kriege diesen Bogen schon auf 30 Ellen!“ Er machte eine Pause. „Nun, eigentlich habe ich keine Ahnung, was ich da schreibe. Ich denke mir die Runen gerade selber aus.“
    „Warum nur war mir das so klar?“
    „Lästere du nur, aber meine ausgedachten Runen haben den Vorteil, dass ich Alles und Jeden mit ihnen ausdrücken kann. Ich verstehe sie immer und es ist immerhin mein Bogen.“
    Ben dachte eine kurze Weile über diese Sichtweise nach und kam schließlich zu dem Schluss: „Aber was bringen dir deine Runen, wenn nur du sie verstehen kannst und niemand sonst? Sprache und Schrift ist doch dazu da, sich gegenseitig auszutauschen.“
    Darauf konnte Galeo schließlich gar nichts mehr erwidern. Er war erschüttert über diese nüchterne Analyse und er war geschlagen. Trotzdem fühlte er sich mehr denn je mit seinem Bogen verbunden und versah die ganze Oberfläche mit solcherlei Zeichen, deren Bedeutung sich nur ihm offenbarte. Nach einer Weile war er sogar wieder stolz auf sein Werk.
    Die Welt schien wieder in Ordnung. Wieder saßen sie schweigend eine gehörige Weile dort und schienen es sich gut gehen zu lassen. Bis Ben nach ungezählten Augenblicken etwas gedankenverloren fragte: „Hast du in letzter Zeit Alpträume?“ Ein dunkler Schatten schien sich Galeos zu bemächtigen. Tatsächlich hatte er auch heute Nacht wieder geträumt. Er konnte nicht sagen, ob es direkt ein Alptraum war, aber allein die Tatsache war beunruhigend genug. Er erwiderte erst nichts und schnitzte zunächst die zweite Kerbe am unteren Rand fertig, der er sich kurz zuvor gewidmet hatte.
    „Hilf mir mal bitte!“, bat er, statt eine Antwort zu geben. Er stand auf, drückte den Bogen langsam durch bis er nicht mehr weiter wollte, um ihn dann wieder ein Stück weit zu entspannen. „Nimm die Hanfschnur da drüben und wickele sie einfach hier herum.“, er nickte auf die obere Kerbe. Ben tat wie ihm geheißen und befestigte so gut er konnte die stabile Schnur. „Und jetzt hier unten! Aber so stramm es geht! Es muss ganz genau sitzen!“
    Ben bückte sich und tat auch dies zu Galeos Zufriedenheit. „Ich bin gleich wieder da!“, rief dieser und verschwand in der Tür.
    Wenig später kam er mit einem Bottich Leinöl und einem Pinsel wieder heraus. „Damit er auch gut vor Feuchtigkeit geschützt ist“. Ben nickte.
    Momente verstrichen, in denen Galeo eifrig begann den Bogen mit dem Öl achtsam zu bestreichen. „Ja, ich hatte einige Alpträume die letzte Zeit!“, begann er schließlich zaghaft. Woher weißt du das?“
    „Ach weißt du… ich dachte es mir einfach. Nein, wirklich, ich weiß es nicht. Mir ist es vorhin nur so herausgerutscht, weil ich selber in letzter Zeit ungewöhnlich viele habe. Wenn es zumindest welche in der Art wären, weißt du, wo man von bösen Drachen durch eine endlos dunkle Höhle gejagt würde und gerade dann, wenn der Drache einen bei lebendigem Leibe auffressen will, aufwacht. Solche hatte ich bereits häufiger und ich kann zumindest sagen, dass das alles Unsinn ist, was ich mir da nachts zusammen träume. Aber in letzter Zeit sind es merkwürdig konturlose Träume. Weißt du, als ob ich in der Luft hinge und ich keinen Halt mehr hätte und gleichermaßen durch fremde Mächte gezwungen bin, einem Schauspiel beizuwohnen, dem ich eigentlich nicht zuschauen möchte. Ich sehe tote Wälder, Seen, Berge und einiges mehr.“
    „Und es will sich ein Licht durch das Dunkel schälen zu dir hin und doch kann es dich nicht erreichen und du selbst kannst dich in der Leere ja nicht einmal bewegen.“, Galeo hatte aufgehört den Bogen zu bearbeiten. Das Zwitschern der Vögel erschien ihm dumpf gegen die Töne, die sein Ohr erreichten. Ben hatte in Worte geformt, was sein Herz ihm sagte.
    „Aber wie kann das sein, dass wir beide zur gleichen Zeit von denselben Alpträumen… Hey!“, Galeos Stimme erhob sich. „Was gibt es da zu glotzen? Unser Haus ist nicht zu verkaufen und wenn es der König persönlich haben wollte!“
    Vor ihnen auf dem Weg standen zwei groß gewachsene und ziemlich breite Männer in voller Rüstung. „Hereans Sol- Soldaten“, flüsterte Ben.
    Vom stolzen Soldatentum dieser zwei war allerdings nicht viel zu sehen, dachte Galeo. Eher schienen beide peinlich berührt. „Netter Bogen, den du da baust, Junge! Willst du damit Riesen erschießen? Alles andere wirst du damit wohl kaum treffen!“, höhnte einer von ihnen.
    „Dann können sie sich ja gerne mal als Zielscheibe für den ersten Übungsschuss bereitstellen, wenn sie sich da so sicher sind!“
    Die Stimme kam von Ben. Galeo schaute seinen Freund unglaubwürdig an. Er hatte gerade für ihn und gegen seine Vorbilder Partei ergriffen.
    „Komm lass uns weiter, wir sollten Bericht erstatten!“, drängte sogleich der andere und die beiden Soldaten verschwanden hinter der Biegung der Straße.
    Galeo starrte inzwischen ungläubig seinen Freund an und brachte kein Ton hervor.
    „Was?“, zischte dieser scharf, als er den Blick schließlich von den verschwundenen Soldaten auf Galeo richtete.
    „Du…du hast...du hast mir gerade geholfen.“
    „Ach wirklich? Habe ich gar nicht gemerkt!“, spottete Ben. „Natürlich habe ich das. Du bist mein Freund.“
    „Aber Soldaten…du…“
    „Hör doch auf! Hast du nicht gesehen, wie zwielichtig die beiden aussahen? Das ist ja eine Schande für den König, dass solche Hornochsen königliche Rüstungen tragen“, ereiferte er sich. „Kommen hier her, führen sich auf wie wer weiß wer. Das ist wirklich eine Schande.“
    Galeo hielt es jetzt irgendwie für angebracht, Ben wieder zu beruhigen. „Und weißt du inzwischen, was die beiden hier wollten?“
    „Nein, weiß ich nicht genau. Aber man munkelt, dass der König die Zahlungsfähigkeit der Dörfer auskundschaften will, da der raue Winter und das angenehme Leben in Rhun wohl ordentlich an den Vorräten genagt haben.“, antwortete Ben. „Und dann schickt der solche Halunken hier zu uns…eine Schande ist das!“
    „Das ist so typisch. Da wollen die in ihrer Notlage dann auch noch die kleinen Dörfer schröpfen.“, erwiderte Galeo. Er hatte seinen Bogen beiseite gestellt und widmete sich nun mit seinem Messer den Kiefernplatten, aus denen er beabsichtigte, stabile Pfeile zu erstellen. „Und den Träumen hilft das auch nicht weiter. Wollen wir es einfach als Zufall abtun? Weißt du, ich glaube ja nicht an diesen Übersinnlichen-Hokuspokus…weißt du?“
    „Vielleicht hast du Recht“, sagte Ben, plötzlich wieder nachdenklich. „Vielleicht sehen wir Gespenster. Aber ich höre eine Stimme tief in mir drin, die mich etwas anderes lehrt. Leider verstehe ich sie nicht.“

  • Der Abend war zwar schon angebrochen, doch so dunkel wie es inzwischen war, hätte es nicht sein müssen. Nachdem die Sonne fast den ganzen Tag über einen kleinen Achtungserfolg gegen die Wolken errungen hatte, war der Himmel wieder an der festen Hand der grauen Eminenz und diese war nicht gewillt, die Menschen zu schonen. Kaum war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, schneite es wieder so heftig, als ob es etwas nachzuholen gäbe, weil es ja schließlich den ganzen Tag über nicht geschneit hatte.
    Galeo, der trotzdem draußen im inzwischen wieder zugeschneiten Garten stand, fand sogar, dass es noch viel dichter schneite, als sonst, so als ob die graue Eminenz auch noch den tagsüber verlorenen Schnee wieder ersetzen wollte. Warum er nun bei diesem Sauwetter draußen herumwandelte und sich so langsam in einen Schneemann verwandelte, wusste er auch nicht so genau. Vor einiger Zeit wäre er vielleicht einfach ins Bett gestiegen, hätte geschlafen und am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Doch inzwischen überkam ihn fast regelmäßig eine seltsame Angst, wenn er ins Bett stieg. Obwohl er wusste, dass er nur träumte. Es war kaum mehr auszuhalten, fand Galeo.
    Und darum stapfte er nun im schwachen Licht der Lampe in eisiger Kälte draußen planlos herum. Er wusste nicht, was er zu finden glaubte oder wen oder was er überhaupt suchte. Seinen Vater hatte er zumindest als letztes auf seiner Rechnung. Doch eben jener legte ihm plötzlich seine riesige Pranke auf die Schultern und gesellte sich zu ihm. Galeo ahnte bereits Böses und erwartete innerhalb der nächsten Augenblicke die schwierige Frage, was er denn hier draußen treibe. Er entschied sich deshalb schnell ein ungefährlicheres Thema aufzugreifen.
    „Es ist eine Schande, dass wir dieses Jahr das Marischen- Fest nicht feiern wollten.“, sagte er ohne seinen Vater anzublicken.
    „Schande? Wie kommst du darauf, dass es Schande ist? Es ist eine Schande, wenn jemand nicht das Gute tut, was man von ihm erwartet. Wenn man sich wissentlich für das Böse ausspricht oder auch nur sich nicht für das Gute ausspricht. Das ist eine Schande.“
    „Du glaubst also nicht, dass es eine Schande ist?“
    „Es kommt drauf an, für wen es eine Schande sein soll. Ich denke nicht, dass es für uns eine ist. Schau doch, wir konnten es einfach nicht feiern. Es war ja nicht so, dass wir es nicht feiern wollten. Insofern ist deine Aussage bereits falsch gewesen.“, er schaute Galeo scharf an und trotz der Dunkelheit konnte Galeo den bohrenden Blick spüren. „Wichtig ist einfach nur, dass wir es trotz guter Absicht nicht konnten. Es sind höhere Mächte am Werk, die uns von unseren Gewohnheiten abhalten und wir sollten uns mit diesen nicht anlegen. Yddras weiß, was gut und was schlecht ist.“
    „Yddras, der Weltenbaum?“, fragte Galeo skeptisch. „Paps, das sind doch alles heidnische Gedanken. Laut Goad gibt es keinen Weltenbaum.“
    „Ich weiß, was die modernen Kleriker sagen und ich weiß, was ich glaube. Manchmal muss man das Falsche sagen, um das Richtige denken zu dürfen, Galeo. Yddras existiert, glaube mir. Schau dir doch nur einmal den riesigen Baum hinter unserem Haus an. Hast du ihn jemals bewusst angeschaut? Bäume sind großartige Wesen. Sie sind in sich perfekt und es ist eine göttliche Perfektion in ihnen. Gerade mein Beruf lässt mich das immer wieder spüren.
    Darum sage nicht, dass es eine Schande ist, dass wir das Marischen Fest nicht gefeiert haben. Wir konnten es nicht, weil Yddras etwas anderes vor hat. Der Weltenbaum ist größer als wir, auch wenn sich Goads Wissenschaft nur schwerlich damit abfinden kann. Auch die Naturgeister werden uns nicht böse gesinnt sein, denn auch sie stehen unter dem Willen des Weltenbaumes. Vielleicht wissen sie bereits mehr, als wir Menschen.“ Er machte eine kurze Pause, um die Worte sacken zu lassen, um dann fortzufahren: „Und eben weil Yddras sich um jeden guten Menschen kümmert, solltest du dir keine Sorgen machen, Galeo. Ich weiß nicht genau, was dich hier nach draußen treibt bei Schnee und Kälte, aber es wird nichts Gutes sein. Ich sollte dich eigentlich nur im Auftrag deiner Mutter ins Haus holen. Sie befürchtet, dass du dir hier draußen den Tod holst.“
    „Es ist schon in Ordnung. Mir geht es gut.“
    „Das tut es nicht. Aber dir soll gesagt sein, dass du niemals alleine bist. Niemals!“, sein Vater umarmte ihn einmal sanft und ging zurück ins Haus. „Komm gleich nach! Bitte!“
    Er ließ Galeo etwas ratlos zurück. Er wusste nicht, was er von dieser Belehrung halten sollte. Irgendwie erschien ihm beinahe alles, was sein Vater gesagt hatte mehrdeutig und es schien ihm, als ob er fast genau wüsste, was seinen Sohn betrübt und dass er selbst dort nicht weiterhelfen konnte. Aber die größte Frage, die Galeo quälte war: War er das, was sein Vater „gut“ nannte?


    Galeo wand sich von einer Seite, auf die nächste. Die Wärme der Sonne war längst der Kälte der Nacht gewichen, über dessen Existenz nicht einmal die zwei warmen Fälle in seinem Bett hinwegtäuschen konnten. Doch war es nicht die Kälte von außen, die ihn lange nicht einschlafen ließ. Dann wurde alles schwarz und die Zeit erstarrte.
    Es war ein ewiger Augenblick und wieder umfing ihn Schwärze. Graue Fäden mischten sich unter die Eintönigkeit der Dunkelheit und durchsiebten sie. Schwarze, graue, dunkelblaue Wellen entstanden und es entstand der Eindruck eines großen, gefährlichen Meeres. Die Wellen schlugen höher und es wirkte wie ein unheimlich stilles und damit abstraktes Unwetter auf hoher See. Eine See voller Schwärze. Fast hatte er es erahnt, da brach sich von unterhalb der Wasseroberfläche ein kümmerliches Licht seine Bahn. Wie eine feste Säule inmitten des Sturms stand das Licht im Dunkel und erhellte es. Die im Licht gespeicherten Farben zerliefen in der Umgebung. Das dunkle Einerlei verfärbte sich zu einem natürlichen Blau und er konnte die Schönheit des Gewässers erahnen. Doch die Hässlichkeit der Schwärze war nachhaltiger und blieb. Das Licht erstarb. Die Farben erstarben.
    Zurück blieb allerdings ein merkwürdig klares Bild. Doch hatten sich die wellenförmigen Linien in einen Bergrücken verwandelt, der mit seiner Prächtigkeit den Horizont zum Erblassen brachte. Er fühlte sich schwere- und haltloser denn je. Es schien ihm, dass er über ein schier unendliches Gebirge flog, doch er konnte kein Hochgefühl empfinden, wie es die freien Vögel taten. Wenngleich das Bild vor seinen Augen prächtig war, so war es doch auch farblos, unheimlich, tot. Es war eine leblose Welt, die sich ihm dort zeigte. Und doch wusste er, dass es Hoffnung gab. Er wartete dieses Mal geduldig. Sicher, ob dem, was da kommen mochte. Da war es endlich! Ein königliches Gefühl. Vom farblosen Himmel fiel ein purer Lichtstrahl herab, der das farblose Gestein färbte, der den farblosen Himmel erleuchtete, der die farblose Welt lebenswert machte. Dann fiel ihm auf, dass der Strahl einen Teil des Berges besonders ausleuchtete. Aus einer Höhle, so schien es ihm, kam ebenfalls ein mysteriöses Licht. Zwei Quellen? Es verwirrte ihn, doch konnte er nicht lange darüber nachdenken. Die Lichter erloschen. Das Traumtor wurde verschlossen. Er öffnete seine Augen und blickte in ein besorgtes Gesicht. „Du hast geschrieen, Galeo.“ Er schaute seine Mutter an. „Ich habe nur geträumt…nur geträumt.“


    Einige Stunden waren vergangen und einige Schrecken waren überwunden, als sich Galeo zusammen mit Ben erneut auf den Weg in den Wald machten. Zum ersten Mal schien es ihm, dass sich die Tage in Astako genauso wiederholten, wie die Träume in der Nacht.
    Am Morgen war seine Mutter noch von Fürsorge erfüllt gewesen. Sie hatte sich ungewöhnlich viel um Galeo gekümmert: ihm ein umfangreiches Frühstück bereitet, ihm kaum Hausarbeit aufgehalst und viel allein gelassen. Mütter schienen so eine Art sechsten Sinn zu haben, wenn es darum ging, ihren Sohn richtig zu behandeln. Galeo war ihr unendlich dankbar, dass er am Morgen einige Zeit frei hatte, „um über Alles“, wie seine Mutter gesagt hatte, „nach zu denken!“. Tatsächlich fühlte sich Galeo innerlich so schwach und klein, wie noch nie. Er wusste, dass diese Träume ihm hatten etwas sagen wollen, dass sie etwas bedeuteten. Auch die Worte seines Vaters verdichteten den Nebel mehr, als dass sie ihn aufgelöst hatten. Ben schien es nicht anders zu gehen. Er hatte heute Morgen kaum ein Wort gesagt. Selbst ihre übliche, nickliche Bemerkung zur Begrüßung war einem nachdenklich „Hallo“ gewichen.
    Der freie Morgen war jedenfalls nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Dies hatte seine Mutter anscheinend auch bemerkt und war zu einer anderen Taktik übergegangen: Beschäftigung, zwecks Ablenkung. So wurde er dazu verdonnert, Holz aus dem Wald zu holen.


    Und ohne es zu wissen, schloss sich damit für Galeo der Kreis. Er verließ das Dorf. Die Träume verließen ihn. Schicksal?


    „Und? Hast du heute wieder vor auf lebende Tiere zu schießen?“ Ben war anscheinend aus seiner Trance aufgewacht und hielt es für nötig, zumindest ansatzweise an sein normales Verhalten anzuknüpfen. Er deutete viel sagend auf den neuen Bogen, den Galeo erneut auf dem Rücken hatte.


    Sie hatten den Wald noch nicht ganz erreicht. Die Träume hatten ihn noch nicht ganz verlassen. Zeit?


    „Wenigstens habe ich nicht vor, ihn noch mal zu zerstören.“, bemerkte Galeo. „Ich fühle mich einfach nur sicherer, wenn ich ihn dabei habe, das ist alles.“
    „Sicherer? Seit wann fühlst du dich unsicher?“ Bens Augen funkelten zu ihm herüber. Galeo spürte, dass er die Antwort wusste.
    „Seit diesen Träumen. Ich weiß nicht, wie andere Menschen so gut mit Alpträumen leben können. Nein, ich kann es wirklich nicht verstehen.“
    Ben nickte nur und erwiderte nichts.


    Sie erreichten den Waldrand. Es ist der Traumrand. Ende?


    Der Schnee der letzten Tage war noch immer nicht vollständig geschmolzen. Zwar reckten hier und da bereits die ersten jungen Blumen ihre Körper durch die Schneedecke zur Sonne hin, doch insgesamt ähnelte der Wald eher einem Wunder-Winter-Wald, als einem Frühlings-frohen- Forst, wie es hätte sein müssen. Sie folgten den frischen Fußspuren in den Wald hinein.


    Der Wald umschloss sie. Sie waren gefangen. Die Träume sind fort. Sie sind frei.


    „Ben? Denkst du, dass ich verrückt bin, dass ich mich so vor diesen Alpträumen fürchte? Ich meine, Träume sind doch nicht gefährlich. Ein Bogen und ganz besonders ein Schwert ist gefährlich, aber doch keine Träume. Wieso erfasst mich diese unendliche Angst dann?“
    „Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Weißt du, als ich gestern die Stimme in mir drin erwähnte, die mir etwas zu sagen versucht? Es ist keine normale Stimme mehr.“
    „Was heißt das?“
    „Es ist ein Schrei! Ein Schrei, der mich nicht nur erfasst, wenn ich schlafe, er ist auch am Tag in meinen Kopf.“


    Der Kreis schließt sich. Der Schrei erstirbt!


    „Und bald wird genau dieser Schrei uns zu unermesslichen Ruhm führen!“
    Schwärze! Stille! Ein Augenblick des Bewusstseins. Ein Blick. Soldaten? Schmerz. Unendlicher Schmerz. Schwärze und Stille.