Wie beschreibt man Ulysses? Schreibt man, wie berühmt das Buch ist? Wie schwierig-schwer? Erzählt man bunte Geschichten darüber, eine, zwei von den vielen, die erzählt werden? Nennt man oder zitiert sogar die KollegInnen und KritikerInnen, die über dieses Buch seit seinem Erscheinen 1922 diskutiert haben? Die ProfessorInnen, Fachgelehrten, Laien, verrückt und weniger verrückt, englisch, französisch, deutsch, italienisch, japanisch, koreanisch, die den Text bis heute durchpflügen, hundertfach, tausendfach und deren Ernte, gleich ob Krümel oder Kartoffel, in Druckform sicher mehr als eine Bibliothek füllen könnten? Die Fans, die jedes Jahr am 16. Juni durch Dublin spazieren, die ‚Welt’ der Geschichte, auf den Spuren von Leopold Bloom, diesem kleinen Mann-von-der-Straße, den ein Autor dazu ausersehen hat, ein moderner Odysseus zu werden? Oder führt man gar die Pfarrer auf, die es verdammt haben, die Journalisten, die es unter genüßlicher Aufzählung der Obszönitäten, die sie verurteilen, zitieren – Latrinenliteratur, Bolschewismus! - ,der Zollbeamten von Folkstone, die es verbrannten?
Wo fängt man an, bei einem Buch, das - und das ist vom Autor gewollt -, tatsächlich keinen wirklichen Anfang hat und dessen Ende sich in der Nacht verliert?
Vielleicht beim Autor, der in diesem Fall mehr als viele, viele andere ein ‚Verursacher’ ist. Joyce (James Augustine Aloysius, 1882 – 1941), in Dublin geboren, wohnte in Zürich, als er um 1915 mit der Arbeit an Ulysses begann. Veröffentlich hatte er bis dahin schon einen Gedichtband (Chamber Music 1907), einen Band mit Erzählungen (Dubliners 1914), ein kleiner Roman war am Erscheinen (A Portrait of The Artist as a Young Man 1916). Joyce lebte bereits seit zehn Jahren auf dem Kontinent, in Paris, Italien und in der Schweiz, arm, als Englischlehrer und Kinobesitzer und als Autor, kein leichtes Leben mit Frau und Kindern. Ein Leben lang konnte er nur mit der finanziellen Hilfe seines Bruders und verschiedener Mäzene existieren. Schreiben aber mußte sein, etwas mit Worten, mit Sprache machen. ‚Machen’ wohlgemerkt, nicht ‚sagen’ und Joyce machte denn auch.
Die Grundidee von Ulysees war es, den Ablauf eines einzigen Tages im Leben von Menschen darzustellen, eine kleine, einfache Geschichte also, jedenfalls behauptete das der Autor gelassen gegenüber jedem, der ihn fragte.
Den Tag wählte Joyce aufgrund persönlicher Erwägungen – der 16. Juni war angeblich der Tag seines ersten Rendevouz’ mit seiner Frau Nora. Und dann sammelte er alles, was es zu diesem 16. Juni nur zu erfahren gab. Was die Leute taten, was sie aßen, was sie dachten, was sie anhatten, was in der Zeitung stand, welches Pferderennen stattfand, welche Straßenbahn fuhr, ob hinter einer bestimmten Kirche Bäume standen oder nicht. Joyce sammelte und sammelte und er webte es zusammen zu einer Beschreibung.
Damit das Ganze nicht im Endlosen versank, gab er ihm einen bestimmten Rahmen. Beispielhaft durchlebt werden sollten der 16. Juni von 3 Personen, zwei Männern, prominent im Vordergrund und einer Frau, ein wenig abgerückt, nicht ganz Hauptfigur, aber alles andere als eine Nebenfigur. Den Zusammenhalt sollte dem Unternehmen eine sehr alte Geschichte geben, die Joyce schon lange faszinierte, die Geschichte von den Irrfahrten des antiken Helden Odysseus.
Und wie Odysseus 18 Abenteuer erlebt, so erfahren die Helden in Joyces Roman in 18 Episoden ihren Tag.
Er beginnt um 8 Uhr morgens mit dem jungen Stephen Dedalus. Er ist Anfang 20, gerade aus Paris zurückgekehrt, nachdem er sein Medizinstudium angebrochen hat. Er will Schriftsteller werden, er ist freundlich, recht naiv, ein bißchen versponnen, ein Intellektueller. Im Moment unterrichtet er Literatur und Geschichte an einer Jungenschule, ungern, er ist kein Lehrer, sondern ein ‚Lerner’, erklärt er einem älteren Kollegen kurz darauf. Stephen hat den Kopf voller Ideen, zu Philosophie, Kunst, Shakespeare. Sie begegnen einem den ganze Tag über immer wieder. Dazu hat er Familienprobleme. Seinen Vater Simon (auch ihn treffen wir) verachtet er, gegenüber seiner Mutter hat er starke Schuldgefühle, weil er ihr am Sterbebett das letzte Gebet verweigert hat. Am Ende des 16. Juni wird er gelernt haben, mit dieser Schuld besser zurecht zukommen und verstehen, daß er tatsächlich einen Vater sucht.
Im vierten Kapitel, zu Beginn des zweiten Hauptteils, treffen wir Leopold Bloom, Jude und Ire, Anzeigenaquisiteur, freundlich, verbindlich, ein Mann, der sich ebensoviele Gedanken über die Menschen und das Leben macht wie Stephen, aber eben ‚kleine’ Gedanken. Sie strömen beim Lesen auf einen ein, wir hören Leopold denken, wir sind immer bei ihm. Wir begleiten ihn die Redaktion und zu einer Beerdigung, an den Strand und zum Mittagessen, wir leiden mit ihm wegen der Untreue seiner Frau, wenn er in einem Pub in Streit mit einem antisemitischen Säufer gerät und schließlich, als er den Tod seines Sohnes als Säugling betrauert. In der Nacht noch wird er kurzzeitig einen Sohn finden, Stephen nämlich. Die beiden Männer umkreisen sich tatsächlich den ganzen Tag, ohne sich zu treffen. Erst eine betrunkene Orgie in einem Bordell, - oder ist es eher eine Vision-Halluzination? – bringt die Begegnung und Telemach kurzzeitig an das heimische Feuer des Odysseus. Gefeiert wird die Begegnung mit einer Tasse Kakao.
Molly – Marion, Leopolds Frau, Sängerin, der Ehebrecherin, die Leopold verachtet, weil er so nett ist und so defensiv, friedfertig, liebevoll, so unmännlich, so jüdisch, wenn er irisch sein soll und umgekehrt, ist die Rolle der Penelope zugedacht. Und tatsächlich, sie liegt zuhause im Bett, Ehebruch hin oder her, schon im Halbschlaf, als Leopold gegen drei Uhr nachts zu Bett geht. Ihr schenkt der Autor auch die letzten Worte, einen 40seitigen ‚inneren Monolog’, der zum Schönsten gehört, was die englische Sprache je an Prosa hervorgebracht hat.
Wie beschreibt man Ulysses ? Ist es ein Roman? Fragen wir den Autor. Zuerst nannte Joyce es Roman, dann Epos, später Enzyklopädie, einmal sogar ‚verdammter Schinken’ (sicherheitshalber auf italienisch!) und schließlich nur noch: Buch.
Er hat recht. Ulysses ist mehr als ein Roman. Er ist Roman, im Sinn von Geschichte-erzählen, auch wenn sie übrigens keine Moral hat. Denn wie kann ein Tag im Leben dreier Menschen Moral haben, wenn es realistisch sein soll? Es passiert auch nichts Besonderes, alles ganz banal und doch – ein Roman.
Darüberhinaus ist es ein Bauwerk aus Sprache, aus Anspielungen, aus Symbolen, aus Sprachebenen. Wortspiele, Formspiele, tausendfach. Verwirrung. Ein Irrgarten. Bewußt zusammengebaut und zwar so, daß man die Konstruktion nicht nur erkennen kann, sondern erkennen soll. Seht her, so macht man das, sagt uns der Autor. Das ist ein innerer Monolog, so klingen Maschinen, so steil sind die Felsen von Ithaka. So bringt man Sprache an ihre Grenzen, geht über die Grenzen hinaus, sprengt alles Dagewesene und schafft Neues. So macht man. So und nicht anders.
Eben das ist die Schwierigkeit mit diesem Buch. Ulysses bekommt man nur zu einem hohen Preis, dem der vorübergehenden Selbstaufgabe nämlich. Keine Gewohnheit, keine Erwartung, keine Erfahrung, die man bis zu diesem Buch mit gleich welchem anderen Buch gemacht hat, zählt wirklich. Es sind Krücken auf dem Weg durch die Welt, die uns Joyce vorführt. Wir brauchen die Stütze, denn wir sind nicht Joyce. Wir hinken durch dieses Buch und hören, wie die Krücke auf dem Pflaster aufkommt, immer einen Schritt hinter Bloom, hinter Stephen, atemlos, verärgert, verzaubert. Tack-tack-tack, tack-tack-tack.
Und wir hören Joyce lachen.