Der Abschied

  • Diese Geschichte fand ich heute beim Aufräumen. Wir mussten sie letztes Jahr in der 8. Klasse in Deutsch schreiben. Wir hatten eine Bildvorlage auf dem ein Junge und ein Mädchen waren. Sie standen eng umschlungen auf einem Bahnhof:


    Ich war mit meiner Familie am Anfang der Sommerferien in einem langweiligen Dinosauriermuseum, da sich das meine kleinen Brüder als Ausflugsziel gewünscht hatten. Wir gingen gerade um ein Skelett herum, das etwa 20 Meter hoch war. Ich sah staunend zur Decke hoch, als ich jemanden in die Arme lief.
    "Entschuldigung", murmelte ich verlegen und ging weiter. Ich sah mich noch einmal kurz um und bemerkte, dass es ein Junge in meinem Alter war. Er war sehr braungebrannt, ein Tourist wahrscheinlich. Ich dachte nicht weiter an ihn, als er etwas später ziellos an mir vorbeilief.
    Als er mich erkannte, blieb er stehen, lächelte und nickte mir zu. Ich erstarrte. Vorhin war mir gar nicht aufgefallen, wie hübsch er aussah und bei meinem Pech war natürlich klar, dass ich an diesem Tag müde, zersaust und ungeschminkt war.
    Ich hatte mir heute Morgen nicht viel Zeit für mein Äußeres genommen, lächelte trotzdem und ging schnell weiter.
    Da hörte ich Schritte hinter mir und sah mich um. Er stand hinter mir und sah mir direkt in die Augen. Er hatte große, braune Augen, die mich anstrahlten. Mir wurde ganz warm und ich musste meinen Blick senken.
    " Hallo!" sagte er nur.
    " Hi." erwiederte ich, meine Stimme bebte und ich merkte wie mir die Röte ins Gesicht schoss.
    " Warum läufst du vor mir davon?" fragte er grinsend.
    Ich zuckte mit den Schultern. War das etwa eine Anmache gewesen? Hier gab es bestimmt hübschere Mädchen als mich.
    Nein - wir waren hier in einem Museum und ich war das einzige weibliche Wesen in seinem Alter. Nach ein paar Sekunden endlosem Schweigen ergriff er endlich die Initiative und lud mich in das Museumscafe ein. Dort kamen wir endlich ins Gespräch. Er war sehr nett, hielt mir die Tür auf und brachte mir eine Cola. Ich erfuhr, dass er Luca hieß und aus Österreich kam. Heute Abend würde er wieder nach Hause fahren. Ich fand ihn mit jeder Stunde süßer und als er plötzlich meine Hand hielt und mit mir spazieren gehen wollte, stockte es mir das Herz.
    Ich suchte meine Eltern und sagte ihnen, das ich jemanden kennengelernt hatte und spazieren gehen würde. Abends würde ich wieder zu Hause sein.
    Sie waren einverstanden.
    Wir gingen in einen Park, unterhielten uns gut und aufeinmal zog er mich an sich heran. Mir wurde heiß, ich spürte seinen Atem und als er mir einen Kuss auf die Wange gab, roch ich sein Parfum und seine dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht. Ich dachte, dass das wohl Liebe sein musste, denn wenn er nur kurz meine Hand berührte, wurde mir ganz schwindlig.
    Nachdem er auf seine Armbanduhr gesehen hatte, schrie er auf. Ich fragte: " Was ist denn?"
    Hastig antwortete er:" Ich verpasse meinen Zug. Ich muss schnell zum Bahnhof. Bitte komm mit und zeig mir den Weg." Wir liefen Hand in Hand los und seine Umhängetasche hopste auf seinem Rücken hin und her.
    Als wir am Bahnhof ankamen, fingen meine Augen an zu brennen. Erst kennengelernt und schon musste er wieder aus meinem Leben verschwinden.
    Warum nur?
    Der Zug nach Österreich kam schon in 5 Minuten.
    Die letzten 5 Minuten mit ihm.
    Ich zog ihn an mich und wir umarmten uns fest.
    Meine langen blonden Haare fielen uns ins Gesicht. Bei jedem Zug, der einfuhr, wehten sie umher.
    Ich roch das Öl der Pommesbude und hörte weinende Kleinkinder.
    All das nahm ich aber nicht richtig auf. Meine Augen tränten und unter Schluchzern hörte ich Luca´s Stimme. " Paula, ich werde dich nie vergessen!"
    Das waren seine letzten Worte ... und dann kam der Abschied ...

  • Juli,


    ja und nein.


    Das Gefühl ist spürbar, die Umsetzung nicht gelungen.


    Die Beschreibungen sind widersprüchlich.
    Das Museum ist langweilig, aber die Hauptfigur staunt. Also langweilt sie sich nicht. ?


    Braungebrannt: das ist zu kurz. Wenn sie darüber spekuliert, ob er Tourist ist, heißt das, ihr Interesse ist erwacht. Dafür nur einen untergeordneten Nebensatz zu verwenden, ist falsch.
    Denn: so wird ihr Interesse heruntergespielt. Es ist aber wichtig.
    Ergo: ganz nah bei der Hauptfigur bleiben.


    Sich verlieben ist ein heikles Thema ;-)
    Aber Schreiben ist entschieden n i c h t der Zeitpunkt schüchtern zu sein. ;-)


    Wenn Du in der Vergangenheitsform erzählst, geht 'heute morgen' nicht.
    'Gerade an dem Morgen', oder so.


    Ziellos vorbeilief: zu unbestimmt.
    Woher w e i ß die Erzählerin überhaupt, daß es ziellos war?
    Ja, ich weiß, Du mußt den süßen Kerl in ihre Nähe bringen. Aber einen Grund muß es haben!


    Vage auch die Einaldung. Hat sie kein Herzklopfen? Weiß sie sofort, was sie antworten soll? Das klingt wie ein Protokoll, dabei ist das wahnsinnig wichtig!!
    Hier beginnt die Liebe.


    Die Eltern sind höchst verständnisvoll.
    Na, ja, es ist ja eine Romanze, da muß man es mit der Realität nicht so genau nehmen.
    Oder doch?
    JA. Muß man.


    Leider. Also, es fehlt, wie sie die Widerstände überwindet.
    Und die kleinen Brüder sind aus dem Text verschwunden. Geht nicht. Du kannst Gift drauf nehmen, daß die lästern! Kleine Brüder sind das Letzte (ich hab einen :grin )


    Hier mußt Du auch mit dem Aufbau des eigentlichen dramatischen Bogens anfangen. Er muß bald abreisen, o, Schreck, o, Erbarmen! Sooo wenig Zeit und frisch verliebt.
    Das muß deutlich werden.
    Hier mußt Du schon daran arbeiten, also anlegen und unterfüttern, damit die Tränen am Bahnsteig überzeugend sind.


    Liebesszene im Park zu vage. Fragt er nie was? Zieht er sie einfach mit?
    Und der Park. Das Wetter? Bäume? Blumen? Es geht um LIEBE.
    Also, ehrlich! Her damit.


    Die Sache mit den Haaren am Bahnsteig ist gut gemeint, aber nicht gut beschrieben. Ist das nun zum Lachen oder zum Heulen?


    Die Augen tränen nicht, bitte. Oder ist der Pommes-Gestank da rein geraten??


    'tränen' heißt, daß man weint - also Tränen vergießt,- weil ein Fremdkörper das Auge reizt.
    Bei dem Mädchen (Paula) ist es aber kein Fremdkörper, das Auge ist nicht durch äußere Einwirkung gereizt, sondern echtes Gefühl steht dahinter. Sie leidet.
    Laß uns mitleiden. Mitweinen.


    Der Pommes-Fettgestank und das Kindergeschrei sind eine gute Idee für den realistischen Hintergrund, aber nicht gut formuliert. Daran mußt Du noch feilen.


    Die Schlußsätze sind kitschig.
    Ja, ich weiß, für Dich noch nicht, aber für alle anderen. So oft gelesen, daß sie einfach nicht mehr möglich sind.
    Das mußt Du ein wenig zurücknehmen.
    Laß sie stammeln, es nicht Wort für Wort aussprechen, laß es sie nur fühlen, probiere etwas Neues aus. Aber schreiben kann man das auf diese Weise und an einer solchen Stelle nicht mehr.




    Fazit:
    mehr Gefühl, aber an der richtigen Stelle. Überlege Dir genau, was eigentlich wichtig ist und trau Dich, Szenen auszuarbeiten.
    Nicht schüchtern sein. Drauf!


    :wave

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 Mal editiert, zuletzt von magali ()

  • @ Magali: Dankeschön für deine lange Antwort. Ich werde den Text in den nächsten Tagen nochmal überarbeiten.
    Meine Lehrerin fand ihn damals "süß" aber ich sollte noch mehr Gefühle reinschreiben. Dieser Text ist schon der bearbeitete. Der erste ist noch kürzer und so...
    Mhm ich lerne :-]

  • Juli


    na, ich habe mich gefreut, Dich mal wieder zu lesen.
    :wave


    Überarbeiten, ja, okay, Du kannst aber auch was Neues schreiben, es sind ja eher Leitlinien.


    Deine Lehrerin in Ehren, aber mal so zwischen Dir und mir:
    hüte Dich vor Leuten die das, was Du schreibst: süß finden ;-)

    Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: sie hört nicht, was ich sage und ich sage nicht, was sie hören will.
    K. Kraus