Hiho,
ZitatOriginal von magali
Heike
Christliche Religion als geistiger Luxus? Auch mal eine Idee.
Warum nicht, pickt sich ja eh jede und jeder raus, was ihnen selber so paßt.
Ich sehe das weniger von der theologischen oder philosophischen Seite, sondern von der historischen. Letztendlich ist die Aufklärung nichts anderes als eine Reaktion auf die politischen und gesellschaftlichen Umstände: absolutistische Herrschaft, als gottgegeben legitimiert, dazu eine Gesellschaft, die man ebenfalls auf Gottes Fügung zurückführte, und einen einflussreichen Klerus, der eng mit der Herrschaft verknüpft war (z.B. Frankreich ab ca. 1780 nur Adlige als Bischöfe etc.).
Der alte Fritz hat reagiert, indem er die Ideen der Aufklärung zu den seinen gemacht hat und den aufgeklärten Absolutismus in Preußen eingeführt hat. Religion bedeutet ihm nichts, er hat sie toleriert, aber Kirche und Königtum standen unabhängig voneinander.
In Frankreich hingegen kommt es zur Revolution, die den Absolutismus mit seiner göttlichen Legitimation stürzt und zur Säkularisierung der Kirchengüter führt. Das war ein Teil des Umsturzes, der wichtig war, weil man nur eine konstitutionelle Monarchie (Vorhaben in der ersten Phase der Revolution) einrichten konnte, wenn die Verbindung Königtum-Kirche gebrochen wurde. Dazu war eine rigorose Abkehr vom "Glauben" notwendig, da die Kirche sonst nicht ins politische Abseits gedrängt werden konnte (Aufstände in ländlichen Gebieten in den folgenden Jahren gegen die Revolution zeigen, dass das nicht einfach war durchzusetzen).
Radikalen Kräften geht das nicht weit genug, sie fordern einen Staat nach Rousseaus Ideal und setzen eine wirre Vernunfts-Religion an die Stelle der Kirche, um das alte System mit seiner Wurzel Kirche endgültig auszulöschen - alles Gedanken der Aufklärung, die unter Robespierre ad absurdum (oder zur endgültigen Entfaltung??) geführt werden. Wer sich der Revolution verweigert, landet auf dem Schafott.
Die "Herrschaft der Vernuft" dauert bekanntermaßen nicht lange an, aber das System des durch Gott legimitierten absolutistischen Königtums hat sich erledigt. Zwar werden die Ideen von Leuten wie Hegel weitergetrieben, aber die Grundgedanken der Aufklärung, bzw. ihre Folgen - Menschenrechte, Forderungen nach Parlamenten und Verfassungen, Empirie als Ideal der Wissenschaft etc. - haben sich längst etabliert und führen zu einer Welle von (nationalen und liberalen) Revolutionen in der ersten Hälfte des 19. Jhs.
Eine so radikale Abwendung von der Religion wie zur Französischen Revolution ist nicht mehr notwendig - man kann Glauben und Gedanken der Aufklärung miteinander verbinden, schließlich fordern die Grundgedanken der Aufklärung in erster Linie, die Vernuft als Maß alles Dinge anzusetzen, und das kann man mit einem Glauben an Gott, der distanzierter ist als der des Bürgers/ Bauers des 16. Jhs., problemlos verbinden.
Viele Grüße
Heike