Schreibwettbewerb Januar 2006 - Thema: "Stimmen"

  • Thema Januar 2006:


    "Stimmen"


    Vom 01. bis 20. Januar 2006 könnt Ihr uns Eure Beiträge für den Schreibwettbewerb Januar 2006 zu o.g. Thema per Email an webmistress@buechereule.de oder über das Kontakt-Formular (s.o. im Forum) zukommen lassen. Euer Beitrag wird von uns dann anonym eingestellt.


    Den Ablauf und die Regeln könnt Ihr hier noch einmal nachlesen.


    Bitte achtet darauf, nicht mehr als 500 Wörter zu verwenden. Jeder Beitrag mit mehr als 500 Wörtern wird nicht zum Wettbewerb zugelassen!


    Nur für registrierte Mitglieder mit mindestens 50 Beiträgen!


    TIPP: Schreibt Eure Beiträge in Word und nutzt die Rechtschreibhilfe. Im Programm Word findet Ihr unter „Extras“ die Möglichkeit „Wörter zählen“.


    Wir wünschen Euch viel Spaß und viel Erfolg!

  • von Babyjane



    Jon saß in seiner Zelle. Seine Hände lagen auf seinen Ohren. Seine Wangen waren gerötet, seine Lippen zu dünnen Strichen verzogen und seine Kiefermuskeln zuckten unter der dünnen Haut der Wangen.
    All das verhinderte nicht, dass die Stimmen in seinem Kopf unaufhörlich redeten, schrieen und bettelten. Nie hätte er gedacht, einmal so zu enden, so erbärmlich. Anfangs hatte er versucht die Kinderstimmchen zu verdrängen, hatte sich abgelenkt, hatte die köstlichen Bilder seiner Taten in seinem Kopf herauf beschworen und damit die Stimmchen zum Schweigen gebracht. Aber dann waren sie wieder gekommen. Melly, Judy, Stefanie, Rose... Sie kreischten und schrieen in seinem Hirn. Normalerweise wenn das passierte, war er los gezogen, um sich neue Mädchen für seine Sammlung zu besorgen. Er war losgefahren auf den Gutshof weit draußen, wo ihre Schreie niemand hörte.


    Doch man hatte ihn festgesetzt. Nicht wegen der Kinder, die wurden immer noch vermisst. Lediglich Judy hatte man gefunden, da war er zu hastig gewesen und hatte nicht genug Vorsicht walten lassen. Doch die dummen Bullen ahnten nicht mal, wen sie hier wegen einer Lappalie schon seit 3 Wochen festhielten. Wegen Drogenbesitzes, lachhaft. Die paar Pillchen waren für seine Opfer gewesen, damit sie länger bei Bewusstsein blieben und nicht ohnmächtig wurden. Leblose Opfer machten Jon keinen Spaß. Aber der Grund änderte nichts daran, dass er nicht weg konnte, seine Befriedigung finden. Die Stimmen in seinem Kopf wurden immer lauter, jeden Tag. Lange würde er es nicht mehr ertragen.


    Die Wärterin brachte ein Tablett. Plastikgeschirr stand darauf, sogar die Messer aus Plastik. Er dankte ihr und überlegte kurz, ob es die Stimmen besänftigen würde, wenn er ihr den Plastiklöffel in die hübschen Augen bohren würde. Doch sie hatte die Zelle schon wieder verlassen. Er griff sich in die Hose in der Hoffnung wenigstens kurzzeitig zur Ruhe kommen zu können. Doch es rührte sich nichts. Er erreichte nur, dass die Kinderstimmen lauter schrieen.


    Stöhnend griff er nach dem Plastikmesser, als er es ansah herrschte auf einmal Einigkeit unter den Stimmen in seinem Hirn. Ein Sprechchor der Mädchenstimmen bildete sich. In seinen Schädelwänden hallten die Worte wieder. „TU ES! TU ES!“ Er schrie auf, so laut waren die Worte in seinem Kopf. Er fiel auf die Knie, das Messer fest umklammert. Langsam setzte er das Plastikmesser an, es bog sich unter seinem Druck. Er konnte die Stimmen nicht länger ertragen. Er musste etwas tun. Er musste etwas töten. Mit langsamen, immer schneller werdenden Bewegungen schob er das Messer hin und her, schneller und schneller. Das Messer glänzte bereits blutig. Immer wieder schob er es über seine Handgelenke. Die Stimmen in seinem Kopf feuerten ihn an, wie sie es sonst taten, wenn er mit einem der Kinder beschäftigt gewesen war. Auch jetzt verfiel er in Raserei. Das Messer flog über seine Adern.


    Plötzlich herrschte Ruhe in seinem Kopf. Die Stimmen waren verstummt. Er lachte, warf den Kopf in den Nacken und sank stumm gegen die Zellenwand. Der Fußboden färbte sich rot. Ein Kinderlachen tönte durch die Zelle, dann war es still.

  • von Ravannah



    Ich denke oft an jenen Tag zurück. Es war Markt, die Leute waren fröhlich und ausgelassen, die Gaukler putschten sie noch weiter auf.
    Als sie dann kamen bemerkte erst keiner die Gefahr. Wie ein Gewitter brachen sie über uns herein, Schossen mit brennenden Pfeilen auf des Hauptgebäude. Keiner von uns hatte Waffen, natürlich nicht. Es war Markttag, da erwartete man keinen Angriff.
    Und doch taten sie es. Sie griffen an, mordeten unter dem einfachen Volk, während unser König sich mit seinen Rittern in den Burgfried zurückzog.
    Diejenigen von uns, die nicht erschlagen oder von Pferden und dem flüchtenden Mob niedergetrampelt wurden flohen in die Gebäude, die Schenke, den Stall. Die Angreifer folgten ihnen nicht, blieben auf dem Hof.
    Ich wurde von einem herumwirbelnden Pferdehuf getroffen, blieb wie tot, aber mit vollem Bewusstsein in der Mitte des Hofes liegen, inmitten der Angreifer. Sie bemerkten mich wahrscheinlich nicht einmal, und wenn sie es taten, so scherten sie sich nicht um mich. Ich hörte, wie sich die Leute in den Gebäuden verbarrikadierten, um den Angreifern zu entkommen.
    Eine tiefe Stimme gab einen Befehl. Schließt sie ein, sagte der Mann, und dann übergebt sie dem Feuer.
    Ich wollte aufstehen, die Menschen befreien, die Angreifer töten. Ich konnte nicht. Ich war unfähig, mich zu bewegen, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dafür erfuhr ich mit erschütternder Klarheit, war um mich herum geschah. Bänke und Tische, Podeste und Stühle wurden vor die Türen geschoben und unter die Türklinken gestemmt. Als die Leute bemerkten, was die Angreifer vorhatten, war es schon zu spät: Der Besitzer der tiefen Stimme nahm von einem seiner Männer eine brennende Fackel entgegen und warf sie durch eines der Fenster des Hauptgebäudes.
    Ich hoffte, der Luftzug möge die Flamme gelöscht haben. Mein Hoffen wurde nicht erhört. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Flammen am Dachstuhl des Gebäudes leckten.
    Der Mann rief einen weiteren Befehl, auf den hin seine Männer weitere Fackeln entzündeten und sie in die anderen Gebäude warfen. Dann ritten sie fort, ehe das Feuer ihnen den Weg durch das Burgtor abschneiden konnte.
    Es wurde heiß. Ich meinte, meine Haut würde verbrennen. Aber das Feuer erreichte mich nicht. Es stank, nach verbrennendem Holz und Fleisch. Ich hörte sie schreien. Meine Eltern, Geschwister, meine Freunde und Feinde, Verwandte und Bekannte. Sie schrieen. Voller Pein und Qual war das, was an meine Ohren drang, ehe ich das Bewusstsein verlor.


    Die Stille weckte mich. Ich lag immer noch auf dem Hof, die Gebäude um mich herum waren nur noch Ruinen, von dem Burgfried war nur noch die Grundmauer übrig.
    Der Gestank hing noch in der Luft. Verbranntes Holz. Verbranntes Fleisch.
    Ich stemmte mich hoch. Warum es mir nun gelang, ich weiß es bis heute nicht. Tränen rannen über mein Gesicht, verschmierten die Asche darauf. Dann ging ich fort, fort, nur fort.
    Auf der Suche nach Rache, verfolgt von dem Geschrei meiner sterbenden Leute, von den Stimmen der Vergangenheit.

  • von Branka



    Aufzeichnung, 1. Teil, der Lastwagen


    Normalerweise begegnen mir Ereignisse im Traum in Form von vertrauten Stimmen. Doch diesmal habe ich nur geträumt und beobachtet.


    Ich sah eine Frau mit ihren beiden Kindern aus dem gegenüberliegenden Haus kommen. Irgendwo hörte ich Motorengeräusche. Kurze Zeit darauf stand sie mit den Kindern auf dem Bürgersteig. Die Kinder rannten vor ihr her. Die Motorengeräusche wurden lauter. Ich sah zur Straßenecke und konnte sehen, wie ein Lastwagen gerade um die Ecke bog. Mein Blick wanderte wieder zu der Mutter mit den Kindern. Sie hatten den Lastwagen bisher nicht bemerkt. Er kam immer näher, während die Kinder auf dem Bürgersteig entlang rannten und sich immer weiter von ihr entfernten. Als sie an die nächste Ecke kamen, liefen die Kinder plötzlich auf die Straße. Der Lastwagen war mittlerweile fast an der Ecke angelangt. Ich konnte nichts tun, ich war wie gelähmt. Die Mutter schrie erschrocken auf, als sie die Kinder auf die Straße laufen sah, doch es war zu spät. Als sie losrannte um die Kinder aufzuhalten, hatte der Lastwagen sie bereits erfasst. Ich hörte nur noch die Schreie der Mutter, dann wachte ich auf.


    Am nächsten Morgen war ich im Garten. Erst als ich das Kindergeschrei hörte, blickte ich von meiner Arbeit auf. Es war wie ein Déjà-vu, als ich die Frau mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig stehen sah. Als sie bereits ein gutes Stück gelaufen war, ließ ich mein Werkzeug fallen und rannte auf den Gehsteig. Ich musste ihre Aufmerksamkeit erwecken. Ich hörte die Motorengeräusche. Als sie bemerkte wie aufgeregt ich war, blieb sie stehen. Ich rannte auf sie zu. Ich musste sie erreichen, bevor etwas schlimmes geschieht. Schnell war ich bei ihr und versuchte ihr zu erklären was gleich geschehen würde. Sie glaubte mir natürlich nicht. Sie hielt mich für verrückt und ging weiter. Die Motorengeräusche wurden lauter. Da war der Lastwagen. Sie drehte sich um. Die Kinder waren schon ein ganzes Stück vor ihr und rannten auf die Straßenecke zu. Gleich würden sie den Bürgersteig verlassen. Sofort rannte sie los und versuchte ihre Kinder aufzuhalten. Sie schrie verzweifelt, bis ihre Kinder endlich stehen blieben und sie anschauten. Schon im nächsten Augenblick fuhr der Lastwagen an mir vorbei. Kurz darauf hatte er die Straßenecke auch schon passiert an der die Kinder standen. Ich atmete auf. Der Lastwagen war an den Kindern vorbeigefahren.


    Durch Träume und Stimmen rette ich Menschenleben oder sehe Ereignisse voraus. Das ist mein Schicksal.


    Letzte Nacht verriet mir die vertraute Stimme in meinem Kopf, dass in einer halben Stunde im Haus meines Nachbars eingebrochen wird. Ich muss es verhindern. Vielleicht zeigt er mir dann nicht mehr den Vogel, wenn ich ihm von meinen Erlebnissen erzähle.


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    Aufzeichnung, 2. Teil, der Einbruch


    Ich konnte den Einbruch verhindern. Er war überrascht, wie genau ich wusste was passieren würde.


    Einzelheiten folgen später. Mein Nachbar wird gleich anrufen und mich als Dankeschön auf ein Bier einladen.

  • von Seestern



    „Ich liebe Dich immer noch.“
    „Ich weiß.“


    „Kannst Du mir mal erklären, weshalb Du so zitterst?“
    „Weil es eine eigenartige Erfahrung ist, neben jemandem zu liegen, den man geliebt hat.“


    „Und die Betonung liegt auf hat?“
    „Keine Betonung.“


    „Bist Du wenigstens eifersüchtig?“
    „Ich weiß, dass Dich das verletzt, aber ich bin es nicht mehr.“


    „Dann habe ich keine Chance?“
    „Es ist besser für Dich, jetzt eine zeitlang alleine zu bleiben.“


    „Woher willst Du wissen, was das Beste für mich ist?“
    „Weil Du jemanden finden wirst, der besser für Dich ist, als ich es je sein könnte.“


    „Ich bin nicht auf der Suche, ich habe niemals etwas anderes gewollt als Dich.“
    „Du weißt, dass es nicht geht.“


    „Aber ich bin so allein.“
    „Das bist Du nicht.“


    „Aber ich fühle mich so allein.“
    „Ich bin jederzeit da… Als guter Freund.“


    „Glaubst Du, ich werde jemals wieder glücklich sein?“
    „Ich weiß es.“

  • von Grizzly



    Katja war mal wieder hin- und hergerissen. Treue Hundeaugen schauten sie aus einem Strauss Rosen heraus an, die Halbglatze ließ sich unter dieser Wucht aus Gestrüpp nur erahnen. Eigentlich war an dem Typen nichts besonderes, dachte sie und kaute auf der Unterlippe. Doch, ein bisschen vielleicht, räumte sie ein. Kann man diesen Augen einen Wunsch abschlagen?
    »Ich wollte mich deinetwegen umbringen«, sagte Folland. Er hatte die Stimme eines Italieners, dachte Katja, die Stimme eines Italieners und das Gesicht, das Gesicht und die Augen eines Hundes. Der Schädel eines Hundes erscheint uns in den wenigsten Fällen intellektuell, gleichermaßen erscheint uns der Schädel eines Intellektuellen in noch geringerer Zahl an Fällen hündisch - in der Regel. Folland, ein Intellektueller, oder einer, der dies von sich behauptete, konnte wie ein Hund ausschauen - er konnte sich natürlich nicht in einen Hund verzaubern, dafür allerdings sein Gesicht so entstellen, daß man sich beim Gedanken ertappte, man redete nicht mit einem klugen Menschen, sondern mit einem gemeinen Setter. Der Hauch eines Genies schien sich in jenen Augenblicken in den fauligen Atem eines Rüden zu verwandeln.
    »Ich muss verrückt sein«, sagte sie.
    »Die Liebe fordert ihre Opfer«
    Katja seufzte. »Nein, das meine ich nicht.«
    Folland legte die Rosen beiseite und nippte am Kaffee. Er hatte die Angewohnheit, beim Heben der Tasse den kleinen Finger abstehen zu lassen. Das war gewissermaßen sein Wahrzeichen. Katja schaute ihm angewidert zu.
    »Im übrigen«, sagte er, »ich habe einen alten Bekannten wiedergetroffen. Robert, du kennst ihn vielleicht. Wir haben früher zusammen gedichtet, er schreibt jetzt für den Kurier.«
    Zusammen gedichtet, wiederholte Katja in Gedanken, nicht zum Aushalten, ich sollte einfach gehen. Die Rosen kann er sich sonstwohin stecken.
    »Du scheinst mir nicht gerade interessiert, meine Liebe«, sagte Folland. »Ich erzähle dir gerade von einem -- egal, wo war ich stehen geblieben? Robert, ich habe Robert getroffen. Hier in Wien.«
    »Was du nicht sagst.«
    Folland schwieg und musterte sie. Das Hündische war nun vollständig aus seinen Augen verschwunden und kühlem Blau gewichen. Katja erwartete ihrerseits das Aufbegehren der empörten Eitelkeit in einem Vortrag über Anstand und gute Sitte, wurde aber mit dem folland’schen Finger abserviert, der senkrecht von der Kaffeetasse abstehend, beim Führen der selbigen eine nahezu perfekte Kurve beschrieb.
    »Schau, meine Liebe«, sagte Folland, »in München mag es ja etwas anders sein als in Wien --«
    »Regensburg, ich komme aus Regensburg«
    »-- meinetwegen Regensburg, ist es nicht dasselbe?«, Folland gähnte und schaute auf die Uhr. »Verflixt, ich komme noch zu spät zur Aufführung.«
    Es klang wie eine Anschuldigung. Ich sollte ihn abschießen, dachte Katja, abschießen, das sagen doch alle, dieses arrogante Arschloch.
    »Na, geh’, Veronique wird warten können, aber morgen früh will man meine Kritik lesen, das verstehst du doch sicherlich, nicht wahr?«
    Katja nickte. Die Stimme versagte ihr.
    »Was hältst du davon, wenn wir uns morgen nach deiner Probe im Schauspielhaus treffen?«, fragte Folland im Gehen. Katja nickte abermals, dann zeigte er auf die Rosen. »Da, die sind übrigens für dich.«
    Sie blickte ihm schweigend hinterher.

  • von Heidi Hof



    Eines Tages hatte ich in meinem Kopf eine seltsame Begegnung. Da saß doch tatsächlich auf einer kleinen Bank ein grünes Männlein und neckte mich fatal. Ich wusste nicht wie mir geschah, doch der kleine Wicht sprach mich aufdringlich an: „He, du dummer Mensch. Sieh dir mal diese Unordnung an, hier in deinem Kopf!“
    „Unordnung? ... Wer bist du zum Teufel, und was machst du in meinem Kopf?“, wollte ich wissen.
    „Tja, das würdest du wohl gerne erfahren, doch das ist nicht wissenswert! Vielmehr sitze ich hier zwischen tausend Strippen, die überall herumliegen. Gelbe, grüne, rote und blaue. Angefangen sind sie alle, doch wo ist ihr Ende? Und der Übergang? Es gibt hier viele Anfänge, ja gewiss, doch zuende geführt worden sind sie alle nicht. Dass du mit deinem Kopf nicht mehr zu recht kommst, bei so einem Chaos, ist mir klar.“
    „Aber ...“, stammelte ich, „ die Anfänge konnte ich nicht zuende bringen, da waren immer neue Anfänge, die wiederum neue Anfänge forderten. Wie sollte ich sie zuende führen, wenn auf einen Anfang drei weitere folgten?“
    „Papperlapapp, ist es dir schon mal in den Sinn gekommen, dass das was man anfängt, auch gerne zuende geführt werden will?“
    „Ja, aber ...“, versuchte ich mich zu verteidigen. Aber der Wicht fiel mir ins Wort: „Hör auf! Sieh zu, dass du mal auf einer Ebene stehen bleibst. Jeder Anfang kann zuende geführt werden. Es ist wichtig im Leben eine Sache ohne Umwege zu verfolgen und zu beenden.“
    „Aber das Leben ist so kurz und in dieser Zeit muss man soviel wie möglich mitnehmen.“
    „Und die vielen Anfänge? - Was soll aus denen werden? Glaubst du wirklich, mit so einem Strippenchaos kämst du weiter?“
    Ich überlegte einige Augenblicke und wollte dann wissen: „Und jetzt?“
    „Hier. Sieh dir deine Anfänge an und überlege, welcher davon vielleicht noch brauchbar ist, und gib ihm ein Ende. Die anderen sind eine Tragödie. Sie werden hier wohl liegen bleiben. Aber bedenke demnächst, was, wo und wann du anfangen willst, bleibe stehen und bringe es zuende, erst dann gehe weiter!“


    Plötzlich war das kleine grüne Männlein verschwunden. Aus dem Nichts war es gekommen und war wohl dorthin zurück. Es hinterließ mich mit meinem Wirrwarr im Kopf, so dass ich mir vorkam wie ein kleines Kind, dem die Mutter sagte: Räum endlich auf!! Gehorsam tat ich es auch und so sitze ich immer noch hier und sortiere.

  • von Doc Hollywood



    „Hallo?“
    Wieder jemand, der sich nicht mit Namen meldet. Ich sage nichts.
    „Haaallo?“, wiederholt die Stimme am anderen Ende der Leitung gedehnt.
    Ich antworte nicht.
    Klick. Aufgelegt. Ich lasse den Hörer sinken und drücke die rote Taste. Die Zeiger der Wanduhr mir gegenüber rücken unaufhaltsam gen Mitternacht. Mein Blick streift durch das Zimmer. Kleidung liegt herum, eine aufgeklappte leere Pizzaschachtel gähnt mich an. Der dunkelgraue Bildschirm des Fernsehapparates spiegelt meine Gestalt. Irgendwann im Lauf der letzten Woche ging er kaputt. Jetzt glotzt er mich an wie ein erloschenes Zyklopenauge. Ich weiche meinem Spiegelbild aus, schließe die Augen, will dieses Zimmer nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Alles hier hört sich dumpf an. Marie hörte sich nie dumpf an.


    Sie kann nicht mehr, sagte sie und ich habe falsch darauf reagiert. Marie packte ihre Sachen zusammen und stand dann mit dem Rucksack in der Hand in der Tür. Ich starrte sie an, ohne sie wirklich zu sehen, schaute irgendwie durch diese zierliche Gestalt hindurch. Sie schien zu verblassen, als ob sie bereits jetzt schon kein Teil meines Lebens mehr wäre. Eigentlich wollte sie noch etwas sagen, zwischen ihren geöffneten Lippen waren die Worte schon absprungbereit, schloß dann aber schweigend den Mund und zuckte nur resignierend mit den Schultern. Das Geräusch der zufallenden Tür klang nach Ende.


    Der Hörer in meiner Hand fühlt sich kalt an. Alles an mir fühlt sich kalt an. Ich tippe wieder eine zufällige Nummer und halte mir den Hörer ans Ohr. Das elektronisch erzeugte Tuten erscheint mir wie ein Nebelhorn, das eine Warnung ins Dunkel hinausbläst, obwohl das Schiff längst Schlagseite hat. Noch halte ich durch.
    „Ja?“, sagt eine verschlafene weibliche Stimme am anderen Ende.
    Ich schweige.
    „Wenn Du das bist, Eric... lass mich in Ruhe!“, schnaubt die Frau.
    Ich runzle die Stirn, höre, wie sie durchatmet.
    „Arschloch!“
    Klick. Aufgelegt. Wieder drücke ich die rote Taste, unzufrieden. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhoffe. Vielleicht, daß diese dumpfe Gefühl verschwindet, das mich seit geraumer Zeit umhüllt, mich ins Abseits stellt, mir Marie weggenommen hat. Meine andere Hand greift sich das Tablettenröhrchen vom Tisch, die Finger drehen es hin und her. Ich stelle es wieder zurück und nehme stattdessen noch einen Schluck aus der Whiskeyflasche, die offen neben mir steht. Nicht mehr viel drin. Auch in mir ist nicht mehr viel drin. Noch eine Nummer, ein letzter Versuch. Ich drücke wahllos sechs Ziffern und lausche, höre, wie ein Herzschlag nach dem anderen in der Leitung versickert.
    „Hallo, hier ist Karin. Ich bin im Moment leider nicht zuhause. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Rufnummer nach dem Signal. Danke.“
    Ich lege auf und greife wieder nach der Flasche, lege den Hörer neben mich auf das Bett. Alles ist grau, wenn ich die Augen schließe. Ich mache die Augen wieder auf, keine Veränderung. Sie hatte eine freundliche Stimme gehabt, nicht dumpf, die erste klare Stimme heute Nacht. Meine Finger spielen schon wieder mit dem Tablettenröhrchen. Ich drücke die Wahlwiederholung.

  • von Tom



    Sie war ab der siebten Klasse unsere Deutschlehrerin, in der zehnten bekamen wir sie noch in Geschichte. Frau Schaufelgrau war eine kleine, dürre Frau mit faserigen, friedhofsblonden Haaren, zu einem Knoten gebunden, aus dem einzelne Haare wie das zerfranste Ende eines zu lange benutzten Besens hervorstanden.
    Nach drei Jahren kannten wir sie gut, mit all ihren Schrullen, zum Beispiel die, zum Schlag gegen einen Schüler auszuholen und sich erst im letzten Moment zu besinnen. Oder Özlem nur „die Türkin“ zu nennen: „Türkin, weißt du das etwa?“
    In der zehnten Klasse lernten wir, daß ihre Schrullen keine waren. Nach der Begrüßung zur ersten Geschichtsstunde sagte sie: „Wir befassen uns heute mit diesem Neger, Martin Luther King. Er hat die Neger gegen die Weißen aufgehetzt.“ Zwei Wochen später waren die Nürnberger Prozesse Thema: „Besatzerjustiz“. Es ging so weiter - Willy Brandt war ein kommunistischer Spion, der DGB ein Haufen Faulenzer. Einige Schüler wandten sich an den Rektor, aber der sagte: „Übt Nachsicht. Sie ist neunundfünfzig. Nächstes Jahr geht sie in Pension.“ Wir protestierten, aber der Rektor murmelte: „Sie ist alt. Übt Nachsicht.“ Dann nahm er den Telefonhörer und tat so, als müsse er jemanden anrufen.
    Unsere Eltern lachten. „Sie hat doch recht“, sagte mein Vater, der einem CDU-Ortsverband vorstand. Achims Vater, der evangelische Gemeindepfarrer, nannte sie eine „rechtschaffende Frau“. Meine Mutter erklärte, die Schaufelgraus hätten viel verloren nach dem Krieg. „Was denn?“ fragte ich. Meine Mutter zog die Augenbrauen hoch und antwortete nicht mehr.
    Unser Vertrauenslehrer, Herr Walter, nickte langsam, während wir ihm die Vorfälle schilderten. Er sagte: „Sie ist eine gute Kollegin. Alle mögen Frau Schaufelgrau.“ Und winkte uns zur Tür.


    Ich sollte ein Referat halten, am sechzehnten Juni, das Thema war der sich jährende Volksaufstand; der siebzehnte Juni war damals noch Feiertag. Frau Schaufelgrau nannte die DDR „sowjetisch besetzte Zone“, aber für die Arbeiter, die den Aufstand begonnen hatten, fehlte ihr trotzdem jegliche Sympathie: „Sogar zu faul, um das bißchen Arbeit zu machen, das die Kommunisten übriggelassen haben.“


    Meine Schwester Rike, die in die zwölfte Klasse ging, half mir.
    Ich baute mich vor der Klasse auf und sagte:
    „Obwohl die protestierenden Arbeit zunächst ganz praktische Ziele hatten, ging es ihnen und denen, die sich dem Aufstand anschlossen, rasch um viel mehr. Nämlich um Freiheit, Meinungsfreiheit. Sie ist das höchste Gut, aber sie läßt sich leicht unterdrücken. Dazu braucht es keine Tyrannen, es genügen Menschen, die ihre Macht mißbrauchen. Zum Beispiel Lehrer, die ihren Schülern Vorurteile aufdrängen, andersfarbige ‚Neger’ nennen oder eine Mitschülerin ‚Türkin’, statt ihren Namen zu benutzen.“
    Es wurde unruhig in der Klasse, Özlem klatschte, Frau Schaufelgrau war aufgestanden, schien aber unschlüssig, ob sie auf mich zukommen sollte.
    „Schlimmer noch als die Tyrannen sind die, die es dulden. Wer den Mund hält, macht sich mitschuldig, und er sorgt dafür, daß der Unsinn weiter verbreitet wird.“


    Achim stand auf und skandierte „Freiheit! Freiheit!“, kurz darauf tat es die gesamte Klasse.
    Der Tag ging in die Geschichte der Schule ein. Eine Woche später trat Frau Schaufelgrau den Vorruhestand an.

  • von Jass



    „Ein Tonic für mich und ein Pina Colada für die Dame.“
    Nickend schrieb der Kellner mit. Bei der letzten Bestellung schaute er auf, doch die junge Frau scheint mit der Wahl zufrieden zu sein. „Wäre das dann alles?“ Einer der jungen Männer nickte, der Kellner ging.
    Draco wandte sich an Joey und Djum. „Habt ihr einen besonderen Songwunsch?“
    „Broken Wings und When love is not enough“, antwortete Djum.
    „Sakie und Dance with scary masks .“ Joey grinste.
    Draco schrieb mit. „Ich habe noch: Devil und Sexy Biest.“
    Währenddessen starrte die junge Frau auf ein Blatt Papier, das vor ihr lag, ihre Augenbrauen waren konzentriert zusammen gezogen. Der Stift in ihrer Hand schwang hin und her, während ihr Mund lautlos Silben formte. Ab und an schrieb sie ein paar Worte nieder.
    „Hier ist die Liste“, Draco schob ihr ein Blatt zu.
    Sie überflog die Liste und machte ein paar Kreuze darauf, bevor sie sich wieder ihrem Blatt zuwandte.


    „Und Sie, junge Dame, haben Sie noch einen Wunsch?“ Diesmal hatte sich der Kellner direkt an sie gewandt. Erstaunt sah sie auf. Sie wechselte einen Blick mit Draco.
    „Nein, das wäre alles“, antwortete er. Sie hing bereits wieder über ihren Aufzeichnungen.
    Der Kellner vergaß für einige Sekunden seine gute Erziehung. „Vielleicht hat die junge Dame mir selbst noch etwas zu sagen.“
    Sie stand auf, nahm Mantel und Tasche, lächelte dem Kellner zu und ging.
    „Scheint so, als hätte sie Ihnen bereits alles gesagt, was sie Ihnen zu sagen hat“, entgegnete Draco trocken.


    Ein erwartungsvolles Gröhlen ging durch die Menge. Doch nach und nach verebbte es. Sakie stand da und schwieg. Draco, Djum und Joey hatten ihre Blicke ebenso auf ihre Sängerin geheftet, wie der Rest des Publikums. Schließlich hob sie den Kopf und stimmte ein paar Saiten an.


    So schwer und traurig, hart und brutal,
    Voll Pein und Schmerz und Aggression,
    -So sind unserer Songs.


    Von Kummer und Enttäuschung,
    von Verrat und von Kritik,
    -davon handeln sie
    –zumeist.

    Und ihr glaubt, ich bin wie sie,
    schwermütig, traurig, depressiv,
    Und ihr glaubt, ich wäre schwarz,
    mein Leben und mein Glauben
    dunkel wie die Poesie,
    -Und nur, weil ich nicht reden will.


    Ich bin es nicht,
    und will’s nicht sein,
    nicht mal für euch,
    nicht mal zu Schein.

    Ich liebe und ich lache,
    Ich träume und ich hoffe,
    -und ich tu es gern.


    Ich wusel hin und wusel her,
    Ich mache quatsch und oft viel Lärm
    -und ich tu es gern.


    Mein Blick ist auf der hellen Seite,
    mein Herz ist voller Glück.


    Das ist alles, was ich sagen kann,
    Und alles, was ich will.


    „Fräulein Sakie, Fräulein Sakie, gibt es nicht noch etwas, dass Sie ihren Fans mitteilen möchten?“ Atemlos kam der Journalist bei ihr an.
    Sie musterte ihn mit schief gelegtem Kopf, drückte ihm eine CD in die Hand und ging.
    Der Journalist sah auf das Cover. Es war das neue Album. Sakie – All I have to say oder was glaubt ihr eigentlich, wozu ich singe?

  • von Nudelsuppe



    Vom Schlafzimmerfenster aus sieht man auf den Strand. Dunkle Flecken, vom Schaum des Meeres umspielt. Hinter unserem Haus, das nach Holz riecht, liegen vereiste Flächen, die manchmal, leise, wie Zähne knirschen.
    Du schläfst schon seit Tagen.
    Auf dem Nachttisch liegt dein Diktiergerät, eine schwarze Muschel. Ich nehme es auf, schalte es wieder an, in der Hoffnung, ein „Warum“ zu finden. Und höre wie zuvor nur Stimmen, die im Rauschen untergehen.


    *


    „Nun küss mich endlich, du Idiot.“ Glitzerbar, bunte Flüssigkeiten, schimmernde Augenaufschläge, Mandelform. Ich heftete meinen Mund auf deinen, schmeckte Kokosnuss und Rum. Wir liebten uns noch in dieser ersten Nacht, am nächsten Morgen und die Wochen danach.


    „Du bist irgendwie anders“, sagte sie eines Morgens. Die Fenster standen offen, und eine einzelne Amsel sang gegen den Straßenlärm an.


    „Ich glaube nicht. Ich bin doch auch nur ein Idiot.“
    „Schon, aber ein lieber Idiot. Auf der Insel der Vögel ist ein Haus frei, ich will es kaufen. Kommst du mit?“
    „Du hast so viel Geld?“
    „Geht dich nichts an. Kommst du nun mit?“
    „Gern.“
    „Ich hab aber eine Bedingung. Du darfst mir keine Fragen stellen. Keine nach Dingen, die mal waren. Kannst du das?“
    Ich nickte.


    *


    Es war ein Samstag, als die Möwen starben. Wir gingen am Strand spazieren, und du sprachst von deinen Kunden. Ich verstand jetzt die Spuren an deinem Körper, die kleinen Narben, aber vor allem, warum du mir bisher nichts davon erzählen wolltest. Vielleicht brachten dich die toten Vögel dazu. In jener Nacht lag ich wach neben dir und sah zu, wie sich dein Körper im Schlaf zusammenrollte. Ich legte mich zu dir, wagte nicht, dich zu berühren. Manchmal öffnete sich dein Mund. Es kam mir vor, als würdest du schreien wollen, aber keine Stimme mehr haben. Als würdest du nur noch in der Welt deines Traumes sprechen können.


    Ich spule das Band zurück, halte das Diktiergerät noch dichter an mein Ohr. Wenn ich nur oft genug zuhöre, dann werde ich verstehen, was die Stimmen sagen. Sie werden mir verraten, wie ich dich aus dem Schlaf befreien kann.

  • von Sprequell



    Ein letztes Mal schaut Nora zum Haus. Hinter ihr sitzen die Kinder mit ihren paar Habseligkeiten im Auto und warten, dass sie losfahren. Sie weiß noch, als Eric und sie damals in Paddington eine neue Bleibe für ihre Familie suchten, hatte sie sich sofort in dieses Haus verliebt. Sie spürte sofort: Dieses Haus hat eine Seele. Noras Gesicht wird zu einem sarkastischen Grinsen. Sie denkt: Ja, eine Seele hat das Haus und was für eine!

    Es fing kurz nach der Geburt ihrer jüngsten Tochter an. Sie begann nachts schweißgebadet aufzuwachen, weil lauter Stimmen in ihrem Kopf waren. Ein Jahr später konnte Nora die Stimmen auseinander halten und sie hörte zu. Es waren alles Menschen, die irgendwann in diesem Haus gewohnt hatten.
    Nora erzählte Eric davon, wie z.B. in dem Haus eine Frau vergewaltigt wurde. Sie erzählte ihm auch, wie schrecklich eine Frau dort verblutete, weil sie sich von einem Stümper ein Baby wegmachen ließ. Das schien alles vor langer Zeit passiert zu sein. Angst machte ihr die letzte Familie. Die musste ausziehen, weil der Mann im Affekt seine Frau erschlagen hatte, als sie ihn wieder misshandelte. Eric tat das einfach mit einer Handbewegung ab.
    Als Nora jedoch keine Ruhe gab und immer wieder zum Auszug drängte, hatte er für sie einen Termin beim Arzt gemacht. Von da an erzählte sie ihm nicht mehr, wie sie nachts gepeinigt wurde.


    Nora schluckt. Ihr Hals ist trocken und kratzig. Sie wischt sich die Tränen ihres Schmerzes weg. Gestern vor einer Woche hatte sie Eric auf dem Nikolai-Friedhof begraben müssen. Ob er an ihr Flehen gedacht hat, als ihn die Einbrecher niederschossen?

  • von Wilma Wattwurm



    Am vierten Tag kamen die Stimmen.
    Insgheim hatte er gehofft, diesmal von ihnen verschont zu bleiben und die Erinnerung an ihre Auswirkung beim vorigen Versuch durchzuckte ihn mit Entsetzen.


    Da waren sie wieder: flüsternd zunächst, einschmeichelnd, verführerisch, zischende Schlangen, die ihm das Paradies versprachen. Schon bald wurden sie fordernder, schalten ihn einen Dummkopf, redeten blindwütig auf ihn ein, fauchten, kreischten, brüllten schließlich alle wild durcheinander.


    Er zog sich die Bettdecke über den Kopf und stopfte sich die Finger in die Ohren. Doch die Stimmen ließen sich nicht verscheuchen. Es war, als würden sie von innen her Besitz von ihm ergreifen.


    Und da waren auch wieder die Ameisen, erst in Händen und Füßen. Emsig krabbelten sie sich durch das Blut ihren Weg in Bauch und Brust. Er versuchte das kitzelnde Gefühl wegzuschlucken, was lediglich einen Hustenanfall auslöste, der wiederum ihn zu ersticken drohte, so daß er schnell die Decke vom Gesicht zerrte und mit gierigen Zügen die Luft einsog.


    Zu allem Übel fing er auch noch an zu zittern, erst nur ganz leicht, doch schon schnell fing alles an zu beben, selbst die Zähne schlugen ihm aufeinander. Es durchschüttelte ihn mit einer Macht, gegen die er wehrlos war, seine Glieder wurden taub, bis er schließlich nichts mehr fühlte. Es war, als ob er alle Kontrolle über seinen Körper verloren hatte, als ob sein Geist über dem Bett schwebte und seinen bebenden Leib beobachtete.


    Er mußte eingeschlafen sein, oder vielleicht war er auch ohnmächtig geworden. Jedenfalls dämmerte es bereits, als er wieder zu sich kam. Es dauerte eine Weile, ehe ihm bewußt wurde, daß es ein lautes Schluchzen war, was ihn geweckt hatte und noch ein paar Minuten, ehe es zu ihm durchdrang, daß er es war, der da so schluchzte.
    Und es brach aus ihm heraus, als ob es nur darauf gewartet hätte, endlich befreit zu werden, und die Tränen überströmten seine Wangen warm und erfrischend und er schämte sich ihrer nicht und ließ sie gewähren.


    Danach ging es ihm besser.


    Er pellte sich aus dem Bett, torkelte zum Waschbecken, knipste das Licht an, erschrak von dem Totenkopf im Spiegel, hing wie ein Verdurstender am Wasserhahn. Die kalte Flüssigkeit belebte ihn vollends.


    Sein Blick fiel auf das Foto von Sarah, das er mit Leukoplast an der Wand neben dem Spiegel befestigt hatte. Vorsichtig löste er es ab und drückte seine Lippen auf ihr Gesicht und er dachte an ihren immer runder werdenden Bauch und ihm war bewußt, daß es eine Zukunft gab, etwas wofür er kämpfen, wofür er leben mußte. Diesmal würde er es schaffen. Das Kind sollte sich seines Vaters nicht schämen müssen.


    Behutsam klebte er Sarah zurück an die Wand.


    „Ich schaff das!“ erklärte er überzeugt und fest entschlossen und zeigte der Pseudoleiche im Spiegel den Stinkefinger.

  • von Polli



    Ich muß sieben Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinen Eltern einen entfernten Großonkel besuchte. Dieser lebte in einem wunderlichen Haus mit einer Riesenschraube im Vorgarten. Auf dem Kaminsims hatte er Flaschen mit Miniaturschiffen aufgestellt. „Im Kapitänshaus darfst du nichts anfassen“, schärften mir die Eltern ein, und so vertrieb ich mir die Zeit nach dem Nachmittagskaffee damit, daß ich die Hände auf dem Rücken verschränkte und mich umsah. Meine Neugier führte mich aus der Wohnstube in den schmalen Flur.
    „Hals- und Beinbruch!“ krächzte eine Stimme. Ich zuckte zusammen. Die Eltern hatten nichts von einem weiteren Bewohner des Kapitänshauses erzählt. Vorsichtig warf ich einen Blick in das Zimmer, aus dem die Stimme gekommen war. „Ahoi, Kameraden!“ tönte es. „Mast- und Schotbruch! Ahoi!“ fiel eine zweite Stimme der ersten ins Wort. „Ahoi!“ antwortete ich tapfer und trat näher. Zwei Papageien hockten auf der Stange eines großen, runden Käfigs und legten ihre Köpfe schief.
    „Könnt ihr wirklich sprechen?“ fragte ich. Die Papageien schwiegen. „Sagt doch was!“ forderte ich sie auf. „Ahoi! Ahoi, Kameraden!“ rief endlich der eine. „Ich bin kein Kamerad, ich bin ein Kind. Verstehst du?“ Der Papagei kratzte sich am Kopf. „Wie heißt ihr beiden?“ fragte ich. „Mast- und Schotbruch!“ krächzte der kleinere. „Nein, wie ihr heißt, will ich wissen!“
    Ich mußte wohl etwas zu laut und ärgerlich gesprochen haben, denn als ich mich umblickte, stand der Großonkel in der Tür. Er schimpfte nicht. Stattdessen lachte er. „Du Dummerchen. Sie können deine Frage nicht beantworten. Sie sprechen nur nach, was man ihnen immer wieder vorsagt.“
    Das glaubte ich nicht. Wer sprechen kann, wird wohl auch vernünftig antworten können. „Sie sollen ihren Namen sagen! Los, ihr beiden! Wie heißt ihr?“ fragte ich und sah die Papageien so durchdringend an, wie ich nur konnte.
    Hinter dem Großonkel tauchten meine Eltern auf und ermahnten mich, schön lieb zu sein. Das taten sie immer, wenn ich auf meinem Willen beharrte. „Wie heißt ihr? Ich habe euch etwas gefragt!“ schrie ich in den Käfig. Die Papageien blieben stumm.
    „Komm jetzt!“ sagte Mama streng. Papa zog mich aus dem Zimmer. Den Rest des Nachmittags mußte ich bei den Erwachsenen bleiben. Ich saß auf dem Sofa und horchte angestrengt auf Geräusche aus dem Nachbarzimmer. Was die Papageien einander erzählten, verstand ich nicht, denn der Kapitän berichtete meinen Eltern mit dröhnender Stimme von kenternden Schiffen, von Polynesien und von den Eingeborenen, die halbe Menschenfresser gewesen waren. Mein Vater konnte nicht genug bekommen, er lachte immer wieder, lehnte sich vor und fragte: „Und dann?“


    Später, im Zugabteil, redeten meine Eltern über den Großonkel. „Ein Schwätzer, das ist er!“ sagte Papa unwirsch. „Spinnt sich Seemannsgarn zurecht und glaubt selbst daran.“
    Das bedeutete, er hatte gelogen. Darüber war ich sehr, sehr froh. Denn dann hatte er auch mich angelogen. Und seine Papageien konnten sehr wohl auf alles antworten, was man sie fragte. Aber zur Vorsicht beschloß ich, die Papageien beim nächsten Besuch heimlich danach zu fragen, ob der Kapitän wirklich die Unwahrheit gesagt hatte.

  • von Blaustrumpf



    Eine Alte Dame Ging Hasch Einkaufen. Ja. Sehr witzig. Richtig genial. Der Brüller, aber so was von. Garantiert. Für die Rotzlöffel aus der Unterstufe, die hinter der Sporthalle mit weltmännischer Geste ihre geklauten Zigaretten nicht vertragen.


    Er wird sich auf jeden Fall lächerlich machen. Volle Kanne. Vor den Rotzlöffeln, vor seinen Coolegen und wohl auch vor Julia. War auch eine Schnapsidee, ausgerechnet beim dämlichen Schulfest auf die Bühne zu steigen und den Popelstar zu mimen, mit geliehenem Soundequipment und seiner alten Schraddelgitarre. Cool war was anderes. Rap, HipHop, TripHop - alles käme besser als diese Nummer, die er geübt hat, bis die Fingerkuppen schmerzten und noch darüber hinaus.


    Eigene Texte? Vergiss es. Vor dem verstammelten Lehrerkohl, hunderten Rotzlöffeln und den Coolegen aus der Jahrgangsstufe zu stehen ist übel genug. Da muss er nicht auch noch übermütig werden. Schlimm genug das, auch ohne eigene Texte.


    Talentshow für alle. Muss ja keiner mitmachen. Ist ja alles freiwillig. Auf die Noten hat es eben garantiert doch Einfluss, auch wenn der Herr Traktor, sorrysorry, der Herr Direktor das aber so was von weit von sich weisen würde. Die große Geste mal wieder. Die hat den Alten auch vom Festbesuch befreit. Beim letzten Weitvonsichweisen hat das direktorale Schlüsselbein nachgegeben. Okay, eine vereiste Stufe am Fahrradkeller war offizieller Grund. Ergebnis, jedenfalls: Krankgeschrieben.


    Kommissarischer Leiter des Orga-Kommittees ist Herrick der Derrick. Englisch und Musik. Kack. Der hat ihn sowieso auf der Liste. Dabei war das doch wirklich ein Superspaß gewesen, das Sonett 20 als zugegebenermaßen gut formulierten Schwuchtelschmalz abzutun.


    Gut, vielleicht war es ja doch nicht unbedingt der Bringer damals, zu behaupten, Shakespeares Werke seien gar nicht von dem, sondern von einem Unbekannten verfasst, der zufällig den gleichen Namen hatte. Macht man ja nicht ungestraft. Aber seine Street Credibility, die ging seitdem gegen enorm. Auch wenn Herrick definitely not amused gewesen war. Okay. Alles cool. Die Schnepfen von der Jazztanz-AG räumen die Bühne. Noch ein Act, dann seine Viertelstunde der Wahrheit.


    Nochmal schnell den Text durch. Whenas in silk my Julia goes then then methinks how softly flows. Ob sie es wohl schnallen wird, dass er diese Nummer nicht bloß für Herrick und dessen verfickten Lehrerkalender abzieht?


    Bei Austauschsüßen ist das zu oft so eine Frage, ob sie rechtzeitig mitbekommen, was angesagt ist. Oder überhaupt was kapieren. Okayokay, Oxford-Julia wird es wohl raffen. Aber was dann? Und wenn sie nachher nur blöd kuckt oder ihn abtropfen lässt? Oder wirde sie wollen? Kann ganz leicht sein, dass er auf der Schnauze endet. Die Coolegen würden sich doch einen Ast lachen über ihren fliegenden Robert, der mal wieder nicht landen kann.


    Nein. Julia wird nicht lachen. Oh Julia. Ich vertraue dir. Du wirst es kapieren. Spätestens bei der Zugabe. To the Virgins, to make much of Time. Nochmal nachstimmen. Alles klar: Eine Alte Dame Ging Hasch Einkaufen.

  • von Sinela



    Von vielen Augen beobachtet verließ die junge Frau das Hexenhäuschen. Ohne nach rechts und links zu schauen durchquerte sie mit schwungvollen Schritten den verzauberten Garten, um in das naheliegende Dorf zu gehen. „Wow, hat das Weib sich wieder aufgedonnert“, flüsterte die Eiche ihrer Nachbarin zu. „Mit dem knallroten Kleid, der giftgrünen Strumpfhose und den viel zu großen Stiefeln fällt sie garantiert überall auf. Extravagant wie immer.“ „Ach, sie erinnert mich an die junge Penelope. Wie lange ist das jetzt her? 50 oder gar schon 100 Jahre? Ich glaube, ich werde langsam wirklich alt.“ „Erzähl keinen Mist“, fuhr die Eiche die Buche neben ihr an. Im Gegensatz zu mir bist du doch ein junger Hüpfer.“ „Na hör mal, ich habe meine ersten Wurzeln schon lange vor dem Bürgerkrieg geschlagen. War das eine aufregende Zeit. Gott sei Dank hat mich keine der Kanonenkugeln getroffen, die sie vom Hügel drüben abgefeuert haben.“ „Da wäre uns aber viel erspart geblieben“, mischte sich nun die Birke ein. „Immer dieses Gejammere, es ist nicht mehr auszuhalten.“ „Sei du doch ganz still mit deinen gerade mal 20 Jahren, die du auf dem Buckel hast. Halte dich einfach raus, wenn Erwachsene sich unterhalten.“ „Pfft, du kannst mich doch mal.“ „Nun ist aber gut und das gilt für alle beide“, sprach die Eiche ein Machtwort. Meine Mutter erzählte mir vor vielen vielen Jahren, dass ich im 1. Jahr nach dem Unabhängigkeitskrieg gepflanzt wurde und zwar von einem kleinen Indianermädchen, dessen Volk unten am Fluss sein Dorf hatte. Also bin ich der Älteste von uns Dreien und habe damit das Sagen.“ „Du spinnst wohl!“, kam es unisono von zwei Seiten. Die Eiche schmunzelte. Nichts ließ einen vorangegangenen Streit so schnell vergessen und vereinigte die vorherigen Kontrahenten wie ein vermeintlich zugefügtes Unrecht. „Und wehe, du fängst jetzt mit einen von deinen Geschichten von anno dazumal an, dann bekomme ich zuviel, das kann ich dir sagen.“ „Ha, was willst du dann machen: Weglaufen?“ Die Eiche schüttelte sich vor lachen, dass sich die Äste bogen. „Da es dein ausdrücklicher Wunsch ist, werde ich euch erzählen, wie die ersten weißen Siedler damals die Indianer vertrieben haben.“ „Erbarmen! Ich kriege Schüttelfrost, wenn....“ „Psst, seid still, da kommt jemand.“


    Mit angehaltenem Atem beobachteten die Bäume das junge Mädchen, das am Gartenzaun stehen geblieben war und zu ihnen hinaufschaute. Hatte es ihre Stimmen gehört? Ihre Blätter raschelten aufgeregt im stürmischer werdenden Wind. Die Kleine lachte nervös auf und ging dann weiter. Denn Bäume können nicht reden. Oder vielleicht doch?