Rebecca Frank - Stromlinien

  • Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)

    Wie schwer wiegt ein Geheimnis? Ein großer, sensibel erzählter Familienroman über Lebensentscheidungen, die uns auseinandertreiben können – oder für immer miteinander verbinden.

    Enna und Jale sind in den Elbmarschen zu Hause. Sie leben im Rhythmus von Ebbe und Flut, beobachten Kormorane und Austernfischer – und zählen die Tage, bis ihre Mutter Alea aus der Haft entlassen wird. Doch als es endlich so weit ist, verschwindet nicht nur Alea spurlos, sondern auch Jale. Entschlossen durchkämmt Enna auf der Suche nach ihnen das Alte Land, ohne zu ahnen, dass dieser Weg sie für immer verändern wird.


    Autorin (Quelle: Verlagsseite)

    Rebekka Frank wurde 1988 in Kassel geboren und wuchs auf dem Land auf, zwischen weiten Wiesen und Wäldern. Obwohl sie für ihr Studium in die Großstadt ging und dort nicht nur Theaterwissenschaft und Germanistik, sondern auch Menschen studierte, ließ die Natur sie niemals los. Bis heute ist sie ihr Inspiration und Rückzugsort, wenn sie mit ihrem Hund durch Küsten-, Marsch- oder Flusslandschaften streift. In ihren Romanen sucht sie stets nach der Verbindung zwischen der Kraft der Natur und unserem Leben. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen die kleinen und vor allem die großen Geheimnisse, die wir alle in uns tragen, die uns voneinander fernhalten oder uns auch zusammenbringen können. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Nordhessen.


    Allgemeines

    Erschienen im Fischer Verlag am 1. März 2025 als E-Book und am 25. März 2025 als HC mit 512 Seiten

    Gliederung: Landkarte der Elblandschaft – Roman in 67 Kapiteln – Nachwort

    Teilweise Ich-Erzählung der Enna Eggers, teilweise Erzählung in der dritten Person aus der Perspektive der anderen Protagonisten

    Handlungsort und -zeit: Elblandschaft im Alten Land, verschiedene Zeitebenen zwischen 1923 und 2023


    Inhalt

    Die siebzehnjährigen Zwillinge Enna und Jale Eggers leben bei ihrer Großmutter Ehmi im Alten Land. Ihren Vater kennen sie nicht, ihre Mutter Alea ist seit Jahrzehnten inhaftiert – die Mädchen wissen nicht einmal genau, welches Verbrechen sie begangen hat. Ehmi spricht nicht darüber. Im Sommer 2023 soll Alea endlich entlassen werden und ihre Töchter zählen schon die Stunden, bis sie ihre Mutter abholen können. Doch in der Nacht vor der Entlassung verschwindet Jale plötzlich spurlos und auch Alea ist abgetaucht, nachdem sie offenbar schon zwei Wochen früher entlassen wurde. Enna und ihre Oma sind sehr verstört, Enna macht sich in den nächsten Wochen beharrlich auf die Suche nach Jale.

    Dabei stößt sie auf immer mehr Dinge, von denen sie nichts geahnt hat. Ihre Schwester, die schüchterne Jale, hat Enna offenbar nicht so gut gekannt wie sie dachte. Es zeigt sich, dass Jale sich von der dominanten Enna lösen wollte. Auch das Verschwinden von Alea lässt sich nur aufklären, wenn man Einblick in die Vergangenheit der Familie nimmt…


    Beurteilung

    „Stromlinien“ präsentiert die Romanhandlung auf verschiedenen, einander abwechselnden Zeitebenen, die die Geschichte von drei Generationen der Familie Eggers sowie einer weiteren, mit ihren Geschicken verflochtenen Familie abdeckt. Die Lebensgeschichte von Ennas und Jales Urgroßvater Gustav Blohm, ihres Großvaters Mickel Eggers und deren Lebensentscheidungen haben verhängnisvolle Auswirkungen auf ihre (Enkel)tochter Alea und deren Zwillingstöchter.

    Mit dem Wechsel der zeitlichen Ebenen ist auch ein Perspektivwechsel zwischen den Romanfiguren verbunden. Ennas Nachforschungen im Sommer 2023 werden immer wieder durch Rückblenden in die Jahre 1923 und die 80erjahre des 20. Jahrhunderts unterbrochen, wodurch der Leser einen Wissensvorsprung gegenüber Enna erhält. Die Autorin verwebt die verschiedenen Handlungsstränge souverän zu einem Ganzen, das erst spät durchschaubar wird. Sind die ersten Seiten ein wenig zäh, so nimmt die Spannung schnell kontinuierlich zu, sodass es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen.

    Die Lektüre erfordert aufgrund des komplexen Plots allerdings Ruhe und Konzentration, damit der Überblick nicht verloren geht.

    Die Charaktere der Protagonisten sind gut ausgearbeitet und legen einen Fokus auf starke Frauenfiguren.

    Der Roman enthält nicht nur schöne Beschreibungen der Elblandschaft, sondern nimmt auch Bezug auf reale historische Gegebenheiten. So wird die „Reformpädagogik“ im Jugendgefängnis auf der Elbinsel Hahnöfersand geschildert und auch zwei Schiffsunglücke, die mit fiktiven Elementen in die Handlung eingearbeitet sind, werden thematisiert: der Verlust des Containerschiffs München im Dezember 1978 und das Unglück der Barkasse Martina im Hamburger Hafen 1984.

    Im Nachwort informiert die Autorin über Fakten und Fiktion.


    Fazit

    Eine komplex konstruierte und fesselnde Familiengeschichte über mehrere Generationen, eingebettet in die schöne Elblandschaft und mit Bezug auf reale Ereignisse der Zeit!

    9 Punkte


    ASIN/ISBN: B0DK47TTB5

  • Die eigentlichen Antworten liegen weit in der Vergangenheit ...

    Es kann keine einfache Kindheit gewesen sein, die die Zwillingsschwestern Enna und Jale bei ihrer Oma erlebt haben. Ihrer Oma, die kaum mehr als ein paar Worte am Stück redet und durch die Haft ihrer geliebten Tochter Alea für immer negativ geprägt sein wird. Doch die beiden Mädchen sind Kämpferinnen und erobern sich ihren eigenen Alltag geprägt vor allem durch ihre nicht enden wollenden Fahrten mit der „Sturmhöhe“, dem kleinen Boot, das schon ihrer Mutter erst Heimat und später ihr Untergang sein sollte. Enna und Jale sind ihre eigenen besten Freundinnen, kleben aneinander wie Pech und Schwefel, bis der Wunsch nach ein bisschen Eigenständigkeit ihre traute Zweisamkeit zu bedrohen scheint. Doch nun soll ja alles anders und besser werden. Ihre Mutter, von der sie bis heute nicht wissen, warum sie im Gefängnis sitzt, soll entlassen und alles soll gut werden. Doch dann verschwindet die Mutter und schließlich auch noch Jale, und Emma hat nur noch eine Mission: sie muss die Beiden finden.

    In vielen stetig wechselnden Perspektiven nimmt uns die Autorin Rebekka Frank mit auf eine Reise in die Vergangenheit und Gegenwart und versucht mit uns als Lesern gemeinsam Licht ins Dunkel früherer Zeiten zu bringen. Die Geschichte beginnt schließlich mit einer Verhaftung vor hundert Jahren und einer anschließenden tragischen Ozeanfahrt, die die Weichen für die Zukunft stellt. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, um allen zukünftigen Lesern die Spannung nicht zu nehmen aber so viel sei gesagt, lasst euch ein auf den Roman „Stromlinien“, ihr werdet es nicht bereuen. „Little by little“ finden die einzelnen Puzzlestückchen einen Platz im großen Ganzen und das weite Ausholen macht auf einmal den perfekten Sinn. An manchen Stellen hätte ich die Geschichte vielleicht ein wenig gerafft, aber das schmälerte für mich den Lesefluss nur geringfügig. Alles in allem ist „Stromlinien“ ein perfekt durchdachter Roman, der mit seinen bildhaften Beschreibungen den Leser das Plätschern der Elbe beim Lesen fast hören und den Wellengang fast spüren lässt. Ich vergebe von 4,5 auf 5 aufgerundete Sterne verbunden mit einer von Herzen kommenden Leseempfehlung. Wer hier noch Zweifel hat sollte seine Finger einfach mal über das wunderbare Cover gleiten lassen und sich einfangen lassen von der Leselust, die hierbei unweigerlich entstehen wird!

  • Die Zwillinge Enna und Jale sind in den Elbmarschen zu Hause, in denen sie sich sehr gut auskennen. Sie leben sie bei ihrer Großmutter Ehmi. Sehnsüchtig warten sie auf den Tag, an dem ihre Mutter Alea aus dem Gefängnis kommt. Doch als Enna an dem Tag aufwacht, ist Jale verschwunden. Dann wartet Enna auf ihre Mutter, doch die taucht nicht auf. Als Ehmi Jale als vermisst meldet, erfahren sie, dass Alea viel früher als gedacht aus der Haft entlassen wurde. Enna macht sich auf, um die beiden zu suchen.


    Der Schreibstil ist einfach toll und packend, die Geschichte interessant und spannend. Immer wieder wechseln die Handlungszeiten. Die Elbe und das Wasser ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, daher finde ich das Cover sehr passend. Die Atmosphäre der Gegend, in der die Zwillinge aufwachsen, ist bildhaft und dicht beschrieben.


    Auch die Charaktere sind interessant und gut dargestellt. Enna und Jale lieben die Natur und die Einsamkeit, die sie ihnen bietet, denn sie sind sich selbst genug und haben kaum Kontakt zu anderen. Ehmi ist eine wortkarge Person, die den Mädchen ihre Freiheiten lässt, sie versorgt, aber sich sonst wenig um sie kümmert. Als Alea und Jale verschwunden sind, macht sich Enna auf die Suche und deckt Geheimnisse auf, die schon lange das Leben der beteiligen Personen beeinträchtigen. Auch wenn ich mit den Protagonisten fühlen konnte, so konnte ich einige Handlungen und Entscheidungen doch nicht nachvollziehen.


    Es gibt so vieles, was unausgesprochen bleibt. Was hat Alea überhaupt ins Gefängnis gebracht? Und warum ist Ehmi so sprachlos? Warum sind Alea und Jale verschwunden? Dies alles baut Spannung auf, die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen. Die verschiedenen Erzählstränge verbinden sich erst so nach und nach.


    Mich hat dieser atmosphärische und tiefgründige Roman mit all seine Dramatik von Anfang an gepackt. Meine Leseempfehlung!


    10/10

  • Familienschuld

    Stromlinien, Roman von Rebekka Frank, Fischer Verlag, 512 Seiten.
    Ein Familiendrama die sich über drei Generationen zieht, sehr sensibel erzählt.
    Enna und Jale sind Zwillinge, sie sind sich selbst genug. Sie leben in den Elbmarschen, wo sie die Tiere und die Natur beobachten, mit ihrem Boot Sturmhöhe sind sie gemeinsam unterwegs. Die Zwillinge leben bei ihrer Oma, denn ihre Mutter Alea ist im Gefängnis, sehr lange, doch bald soll sie entlassen werden. Voller Vorfreude zählen sie die tage bis dahin, doch als endlich der große Tag gekommen ist, ist Jale verschwunden, dabei wollten die beiden ihre Mutter gemeinsam abholen. Als Enna alleine vor dem Gefängnis wartet, erfährt sie, dass auch die Mutter schon früher freikam und seither verschwunden ist.
    Das Buch teilt sich in 57 Kapitel, die jeweils mit Datum versehen sind. Das ist hilfreich, denn dass Buch spielt in verschiedenen Zeitebenen, in unterschiedlichen Perspektiven. Einzig die Kapitel, aus der Sicht der Protagonistin Enna, erscheinen in der Ich-Form. Am meisten beindruckt hat mich der bildhafte Erzählstil. Ich hatte als Leser das Gefühl, zusammen mit den Figuren auf dem Boot unterwegs zu sein. Die Landschaft und die Tierwelt sind überaus stark beschrieben. Der Roman entwickelte einen Sog, der mich immer tiefer in die Geschichte gezogen hat.
    Durch die diversen Zeitebenen und die verschiedenen Ansichten hatte ich anfangs, etwas Probleme ins Buch und in Lesefluss zu kommen. Doch das hat sich schnell gelegt, als die Geschichte fortschreitet. Die Spannung ist hoch und zieht sich durchs gesamte Buch. Die vollständige Aufklärung, der Zusammenhänge geschieht erst am Ende. Die Ereignisse, die das Erleben von drei Generation umfassen, sind so gewaltig, ich war beeindruckt. Dabei haben sich tiefgreifende Verwicklungen ergeben, die mich bestens unterhalten haben. Des Öfteren habe ich die Luft angehalten und weitergelesen, ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Autorin hat einige wahre Begebenheiten sehr geschickt in die Geschichte integriert.
    Die Figuren waren überwiegend gut charakterisiert. Vor allem Enna. Meine Lieblingsfiguren waren jedoch Lucas, der Enna unterstützt und Greetje, selbstlos und aufopfernd.
    Wer Familiengeschichten mag, die mit vielen Wendungen immer spannender werden, die sich über mehrere Generationen, mit etlichen Schicksalsschlägen präsentieren, der ist hier genau richtig. Mir hat das Buch gut gefallen, eine Empfehlung.

  • Familiengeschichte aus den Marschlanden


    Stromlinien ist ein besonders fesselndes Werk der Schriftstellerin Rebekka Frank.

    Die Autorin lässt Schiffsunglücke , die tatsächlich stattfanden einspielen. Das Unglück des Frachters München von 1978 im Nordatlantik hat sie so spannend beschrieben, das man es mitempfindet. Die Personen die das erleben sind allerdings fiktiv.


    Genauso findet der Unfall der Barkasse Martina in der Elbe einen gro0en Eindruck.

    In diese Katastrophen lässt die Autorin eine Familie leben.

    Erschreckend wie sie die Geschehnisse auf diese Unglücke zurückführen lässt.

    Die siebzehnjährigen Zwillinge Ema und Jale leben bei ihrer Großmutter. Ihre Mutter sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Den Vater kennen sie nicht. Jetzt warten sie auf die Entlassung ihrer Mutter. Ungewöhnlich finde ich das sie nicht wissen, warum die Mutterim Gefängnis sitzt.

    Man bemerkt die verschiedenen Charaktere der Beiden. Jale versucht doch etwas herauszufinden, aber heimlich.

    Nett ist die Freundschaft von Ema und Lukas, das macht die Geschichte etwas leichter.

    Besonders gut ist das Nachwort der Autorin.


    Es ist ein packender Roman., der wirklich gut gemacht ist.