'Fernwehland' - Seiten 240 – 313

  • Alles bekannt, Batcat und trotzdem ist es ein heftiger Schritt, die Familie zurückzulassen.


    Bei der Ausreise war sie doch gerade mal 20 Jahre alt und an einen Mauerfall zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht zu denken. Die Eltern hätten dann mit Glück vielleicht im Rentenalter mal in den Westen gedurft, aber vorher hätte es kein Wiedersehen und lediglich postalischen Kontakt geben können.

    Ja, für mich wäre das auch eine schwere Vorstellung, die Familie nie wieder sehen zu können.

    Und das war ja der Stand der Dinge als sie ihren Antrag gestellt hat.


    Verstehen kann ich das alles schon - aber es ist für beide Seiten ein schwerer Schritt.

  • Es wurde ja auf jede nur erdenkliche Art versucht, Republikflucht oder auch nur den Gedanken daran zu verhindern. Das erschreckt mich in jedem Roman aufs Neue. Das es möglich war ein ganzes Volk so lange einzusperren und die Menschenrechte zu beschneiden. <X

    Hier muss man bedenken, dass das nicht auf einen Schlag so war, sondern die Grenzsicherung und die ganzen Einschränkungen in homöopathischen Dosen kamen, jedes Jahr ein bisschen mehr, bis sich die Menschen plötzlich in diesem System wiederfanden und keine Möglichkeit hatten, etwas daran zu ändern. Der Aufstand dagegen wurde 1953 blutig niedergeschlagen und danach wagte erst einmal keiner mehr, dagegen aufzubegehren.

    An anderer Stelle wurde die heutige Entwicklung in den neuen Bundesländern angesprochen. Dieses Faß möchte ich hier nicht aufmachen, nur dies zu bedenken geben: Hier hat man das Scheitern von Planwirtschaft und Subventionen bereits am eigenen Leib erlebt, ebenso wie eine ideologisierte Presse, Denunziantentum, das strafbewehrte Verbot von Witzen über Regierungspolitiker und das Entscheiden von staatlichen Stellen über den eigenen Körper. Deshalb wird hier extrem sensibel reagiert, wenn sich davon wieder auch nur die kleinsten Anzeichen zeigen. Diesen Gedanken möchte ich euch gern mitgeben, ohne den hier auszudiskutieren.

  • Hier hat man das Scheitern von Planwirtschaft und Subventionen bereits am eigenen Leib erlebt, ebenso wie eine ideologisierte Presse, Denunziantentum, das strafbewehrte Verbot von Witzen über Regierungspolitiker und das Entscheiden von staatlichen Stellen über den eigenen Körper. Deshalb wird hier extrem sensibel reagiert, wenn sich davon wieder auch nur die kleinsten Anzeichen zeigen. Diesen Gedanken möchte ich euch gern mitgeben, ohne den hier auszudiskutieren.

    auch ohne es ausdiskutieren zu wollen:;) man sollte auch empfindlich regieren auf rechtsradikales Gedankengut, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Lügen und Halbwahrheiten.

    Hollundergrüße :wave



    :lesend


    Die Hexenholzkrone 2 - Tad Williams



    (Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,

    daß er tun kann, was er will,

    sondern daß er nicht tun muß,

    was er nicht will - Jean Rousseau)

  • Puh, also der Sprung Simones in das leere Schwimmbad hätte auch anders enden können! Wie gut, dass sie so glimpflich davongekommen ist und auch, dass es sie nicht ihre Arbeit auf der Völkerfreundschaft gekostet hat. Ich mag die Schilderungen dieser jungen, vergnügten Besatzung auch sehr gerne - obwohl die Arbeit sicher auch anstrengend und nervig war.


    Wir erfahren von Frida, dass sie wirklich ein Leben auf dem Abstellgleis geführt hat, immer wieder auf die "Völkerfreundschaft" zurückkehrte, sobald es ihr möglich war und das Andenken an Per über allem gehalten hat. Wie süß, dass die anderen sie dazu überreden können, ihr nackten Füse in die Ostsee zu halten mit dem Argument, dass sie doch ganz viele neue Sachen auf der Reise mit Per gemacht hat.

    Das fand ich auch sehr schön! :love: Überhaupt insgesamt, wie sich Frida öffnen kann und zum Beispiel über die Adressen freut. Schade, dass sie so lange braucht, um auch ihrer Trauer herauszufinden und sich neu öffnen zu können.

    Kann natürlich auch gut sein, dass die Völkerfreundschaft keine Rolle bei Karins Flucht gespielt hat. Ihr Bruder weckt ihr Fernweh durch Karten und Souvenirs, lauter schöne Dinge, dazu seine Berichte und Bilder, das wird bei ihr "Warum kann ich das nicht erleben?" hervorrufen.

    Genau das habe ich mir auch überlegt. Die Mitbringsel aus der Ferne fördern das Fernweh ja noch viel mehr. Sicher nicht bei den Leuten, die gar nicht wegwollen, aber wenn man selber den Drang nach Veränderung spürt, ist das wohl eher kontraproduktiv. Die Eltern und auch Henri erkennen das bei Karin bloß leider gar nicht. Einen Vorwurf kann man ihnen daraus natürlich nicht machen.


    Ich denke nicht, dass es so einfach war. Karin wird es sicher nicht nur um ein paar Palmen gegangen sein.


    Sie hat ja mitbekommen, wie es war: dass man den Mund nicht aufmachen durfte. Dass man nicht frei über den Beruf entscheiden durfte, mit dem man sein Leben lang sein Brot verdienen musste. Und natürlich auch, dass man nicht alles bekam und sich schon gleich gar nicht frei bewegen konnte. Und auch nicht frei seine Gedanken äußern durfte. Sie hatte ja in der eigenen Familie überzeugte Systemanhänger

    Ich finde es wirklich sehr gelungen, dass auch diese Seite im Buch thematisiert wird. Nicht vordergründig, sondern eher so nebenbei "im Hintergrund". Ich habe auch das Gefühl, dass diese Erfahrungen viel zu schnell vergessen sind und unsere jetzigen Freiheiten als selbstverständlich und unumkehrbar wahrgenommen werden. Sind sie nur nicht. Wie schön, dass es Bücher gibt, die einen auf angenehme Weise an solche Zeiten erinnern - dann kann man das Gute jetzt wesentlich besser sehen!

    "Alles vergeht. Wer klug ist, weiß das von Anfang an, und er bereut nichts." Olga Tokarczuk (übersetzt von Doreen Daume), Gesang der Fledermäuse, Kampa 2021

  • Überhaupt insgesamt, wie sich Frida öffnen kann und zum Beispiel über die Adressen freut. Schade, dass sie so lange braucht, um auch ihrer Trauer herauszufinden und sich neu öffnen zu können.
    ...


    Wie schön, dass es Bücher gibt, die einen auf angenehme Weise an solche Zeiten erinnern - dann kann man das Gute jetzt wesentlich besser sehen!

    Frida hat einfach jemand gebraucht, der sie sanft an die Hand nimmt und sie ein wenig ins Leben zurückzieht. So jemand hatte sie bisher anscheinend leider nicht.

    Was das 2. angeht denke ich mir: es gibt aktuell - in meinen Augen - leider zuviele, die das Gute, das wir haben und die Freiheiten, die wir haben, anscheinend nicht sehen oder zumindest nicht zu schätzen wissen. Seufz.

    Lieben Gruß,


    Batcat


    Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt (aus Arabien)