Arno Frank - Ginsterburg

  • Eine kleine Stadt in den Klauen der Reichspolitik


    Arno Franks Buch spielt in den Jahren 1935, 1940 und 1945 ab. Jedes dieser Jahre ist so bezeichnend, so wichtig, so unvergesslich und gleichzeitig nur Momentaufnahmen der agierenden Hauptpersonen, der Kleinstadt Ginsterburg und des Dritten Reichs.


    1935, da scheint die Welt noch in Ordnung, obwohl, auch da schon erste Schatten sichtbar werden. Wenn eine Pfarrers Gattin mit Disziplin und Pünktlichkeit einen Krieg gewinnen will, der noch 4 Jahre bis zum Ausbruch braucht, was sagt das über die Mentalität der Bewohner von Ginsterburg aus? Die HJ macht sich breit, manche Jungen nutzen das aus, um andere zu terrorisieren oder Krieg zu spielen. Der BDM mischt sich, genau wie die HJ, in die Erziehung der Kinder. "Selbstverständlich wies die Partei den jungen Menschen eine Richtung und ein Ziel. Selbstverständlich ging es darum, eine deutsche Jugend heranzuziehen. Und selbstverständlich war daran nichts falsch. An Gesine war zu beobachten, wie reich die Ernte völkischer Unterweisung einmal sein würde.” (S. 143)

    Der kleine Wanderzirkus, der in Ginsterburg kampieren will, darf nicht lange bleiben. Der biederen, grunddeutschen Bevölkerung sind die Fremden suspekt. Was wird mit Familie Zilversteyn geschehen? Noch führt sie den Laden in der Altstadt, aber wie lange noch? Weil zu wenige Juden in Ginsterburg leben, beschmiert der deutsche Volkszorn eben auch andere Läden, wo die arische Abstammung eigentlich nicht hinterfragt wird, so z.B. Merles Buchladen. Der Zeitungsverleger Landauer begeht Selbstmord, kommt dadurch den qualvollen Tod in Dachau oder Ausschwitz zuvor, seine Familei verlässt heimlich Ginsterburg. Wieviel Blut und Leid wird die nächsten zehn Jahre über dieses Städtchen hereinbrechen? Die schwere graue Wolke, die sich über die sonnige und liebliche Landschaft auf dem Titelbild ausbreitet, ist wie eine Vorankündigung auf nahendes Unheil.Genauso wie auch der Abdruck des Gesetzes “Zum Schutze des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre” unterschrieben vom Stellvertreter des Führers und Reichsminister. Rudolf Heß persölich (S.125-127). Beim Lesen dieses Gesetzes lief es mir kalt den Rücken runter. Die Gesetze, die im BGB stehen, sind dermaßen fachlich verklausuliert, dass man entweder ein Rechtsstudium oder einen Übersetzer braucht. Dieses Gesetz aber ist klar verständlich, konzis und tödlich.


    1940, noch ist Ginsterburg verschont, in ganz Deutschland werden die famosen Siege an allen Fronten gefeiert, fast täglich klingen Wagners Fanfaren aus dem Radio, um wieder einen grandiosen Sieg zu vermelden. Die Niederlande und Belgien wurden überrollt, Frankreich ist gefallen. Tschechien und Österreich wurden schon vorher heim ins Reich geholt, Polen ist auch von der Landkarte der unabhängigen Staaten gelöscht. Noch hält der Barbarossa Pakt und die USA warten auf ihr Pearl Harbor. Natürlich glauben die Deutschen, dass der Führer der sakrosankte Erlöser ist. Trotzdem werden in den Großstädten vorsorglich die Museen geleert und die Kulturschätze an sicheren Orten aufbewahrt. Genau wie in Paris übrigens, aber da, um die Exponate vor dem Zugriff der Deutschen zu schützen. Carinhall hat noch nicht genug gehortet.

    Ginsterburg hat aber nun auch einige Probleme: Trotz der Siegesmeldungen haben einige das eigenständige Denken nicht aufgegeben. Ginsterburg steht im “Dienst der nationalen Erhebung" (S.324), sprich, ist judenfrei, behinderte Menschen sterben an “Lungenentzündung” oder werden weggesperrt. Im Osten gibt es “ein Modelldorf für deutsche Wehrbauern, mit deutschen Linden und deutschen Eichen und deutschen Brunnen, an denen deutsche Lieder gesungen wurden, aus deutschen Kehlen unter deutschen Himmeln”. (S. 324 - 325). Und zwischen all diesen Großmachtfantasien und -hysterien, geht das Leben weiter. Söhne fallen im Krieg, auch schon 1940, Menschen leben sich auseinander, Menschen lieben sich, es kommen Kinder zur Welt, Geburtstage werden gefeiert, einfach das volle Leben. Na ja, ein paar Jahre später wird es wohl vorbei sein, mit üppigen Geburtstagsfeiern, Meister Schmalhans wird auch in Ginsterburg Einzug halten.


    1945. Der Krieg ist ein großer Gleichmacher. Er überrollt alle, Alt und Jung, Unschuldige und solche, die Schuld auf sich geladen haben, Kriegsgewinnler Kriegshelden auf sinnloser verlorener Mission, auf einem wahren Himmelfahrtskommando. Ganz Ginsterburg geht unter in einem Meer von Bomben: “... Ins Elementare, Monströse, Vulkanische, Feuersturm. Ginsterburg wellt sich und knistert. Faltet sich zusammen wie Papier im Ofen.” (S. 419).

    Der große Gleichmacher holt sich alle. Und das Buch wirkt wie ein Mene Tekel für uns. Wenn ich so um mich sehe, was in Deutschland und in der Welt passiert, kommt das Gefühl auf, am Krater eines Vulkans zu tanzen.


    ASIN/ISBN:
    978-3-608-96648-0

  • Meine Rezension:


    Krieg


    1935: Langsam, aber spürbar ändert sich im kleinen Städtchen Ginsterburg die Stimmung. Die Jugend marschiert zur HJ bzw. zum BDM, Lothar lässt sich zum Piloten ausbilden, Blumenhändler Gürckel wird Kreisleiter. Über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachtet Arno Frank, wie der Krieg die Menschen beeinflusst.


    Drei große Abschnitte, drei Jahre, 1935, 1940 und 1945, führen durch die Handlung, welche eher eine Ansammlung an Puzzlestücken ist als ein dahinfließendes Geschehen. Mehrere Personen aus Ginsterburg stehen im Mittelpunkt, und obwohl sie vieles am gemeinsamen Wohnort verbindet, gibt es große Verschiedenheiten, ganz besonders im Umgang mit dem Krieg. Obwohl Arno Frank mit seinen Figuren beste Beispiele erschafft, wie Menschen auf Judenhass, Paragraf 175 oder Gier nach Macht reagieren, wie auch Familienzusammenhalt und Liebe weitergehen können, so verspürt man beim Lesen kaum Gefühlsregungen. Einzelne, häufig wechselnde Szenen, nüchterne Beschreibungen, teilweise ohne Dialoge, lassen die Handlung manchmal eher zäh erscheinen, in die Figuren hineinversetzen, das funktioniert nur selten. Es braucht keine brutalen Episoden in solch einem historischen Roman, aber ein wenig mehr an Emotionen hätten schon sein dürfen. So fügen sich leider nur viele kleine Puzzlesteine aneinander, die zwar wichtige Themenbereiche ansprechen, aber das Gefühl einer real ablaufenden Geschichte vermissen lassen.


    Ein nüchtern und kühl gehaltener Roman über die Zeit von 1935 bis 1945 mit einer Fülle an Botschaften, die jedoch die emotionale Ebene beim Leser kaum erreichen. 3 von 5 Sternen.



    Titel Ginsterburg

    Autor Arno Frank

    ASIN B0DMPGR2RJ

    Sprache Deutsch

    Ausgabe ebook, ebenfalls erhältlich als Geb. Buch (432 Seiten) und Hörbuch

    Erscheinungsdatum 15. Februar 2025

    Verlag Klett-Cotta


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    ASIN/ISBN: B0DMPGR2RJ
  • Krieg ist auch and der Heimatfront die Hölle ...

    Mit seinem Roman „Ginsterburg“ entführt der Autor Arno Frank mich in eben dieses fiktive Städtchen und macht mich mit seinen Bewohnern bekannt. Aufgeteilt in drei Zeitabschnitte, die in den Jahren 1935, 1940 und 1945 spielen, versucht Frank seine Leser auf den Zweiten Weltkrieg einzustimmen, der mit seinem Grauen auch vor Ginsterburg nicht halt macht. Im Jahr 1935 versuchen die Menschen noch zu begreifen, was da auf sie zurollt. Und während die einen versuchen zu ignorieren, kontemplieren die anderen schon, wie sie sich diese Situation zu Nutze machen können. Erstaunlich war in diesem Abschnitt mal wieder, wie leicht manche Menschen und besonders auch Jugendliche zu beeinflussen sind. Schon marschieren heranwachsende Jungen in der Hitlerjugend für die nationalsozialistische Ideologie, um sie auf den bevorstehenden Krieg vorzubereiten, Blockleiter bespitzeln und Kreisleiter geben Vergehen an die Gauleitung weiter. Doch noch gibt es auch Stimmen der Opposition, von Menschen, die nicht an ein 1000jähriges Reich glauben wollen und sich weigern zu marschieren. Mit dem nächsten Sprung finde ich mich im Jahr 1940 wieder. Der Krieg ist in vollem Gange und noch läuft es so gut für Deutschland, dass man sich für übermächtig und unsterblich hält. „Getreu sein ist alles“ ist das Motto, dann wird es schon funktionieren. Umso ernüchternder dann der letzte Zeitsprung, der mich ins Jahr 1945 und seine letzten Kriegstage führt. An den Endsieg glauben inzwischen nur noch die wenigsten doch dies laut auszusprechen, gilt immer noch als Wehrkraftzersetzung und wird bitter geahndet. Jetzt heißt es durchhalten und auch noch den letzten Mann in den Kampf zu schicken, doch dann folgt auch in Ginsterburg die Strafe auf dem Fuß und die könnte grausamer kaum sein …

    Schon wieder ein Kriegsroman, werden viele von euch denken und das nicht zu Unrecht, wird doch der Markt im Moment geradezu geflutet damit. Auch Arno Frank widmet sich diesem gerade heute wieder allzu präsenten Thema, doch er hat eine ganz besondere Herangehensweise. Fein ausgearbeitet sind seine Figuren und deren Handlungen, und reale Schicksale und Fiktion verschmelzen hier auf ganz wunderbare Weise. Während der Schreibstil gewiss nicht immer einfach ist, hatte ich mich schnell in diesen eingelesen und bewundere den Autor für seine Fähigkeit hier ganz ohne reißerische Akte auszukommen, sondern alle Themen subtil anzusprechen, den Leser so zum Nachdenken anzuregen, um direkt in die Gedanken der Charaktere reinzuschlüpfen. Während nicht jeder Leser meine Meinung teilt, möchte ich hier für diesen gelungenen Roman unbedingt die volle Punktzahl vergeben. Fünf Sterne verbunden mit einer vorbehaltlosen Leseempfehlung sind absolut verdient. Ich wünsche dem Autor mit diesem Roman noch viele Leser und spätere Fans. Mich konnte Arno Frank absolut abholen!

  • Der Wandel in den Köpfen


    Buchmeinung zu Arno Frank – »Ginsterburg«


    »Ginsterburg« ist ein Roman von Arno Frank, der 2025 bei Klett-Cotta erschienen ist.


    Zum Autor:

    Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden.


    Zum Inhalt:

    Nach der Machtergreifung ist in Ginsterburg ein neuer Alltag eingekehrt. Manche Einwohner der kleinen Stadt leiden, andere profitieren – und die meisten versuchen, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren. Allmählich aber öffnet sich unter dem Alltag der Abgrund.


    Meine Meinung:

    Die Geschichte der Einwohner des fiktiven Städtchens Ginsterburg kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme (1935), während seiner Blütezeit (1940) und während des Untergangs (1945) wird in ruhigen bildhaften Tönen erzählt. Es gibt viele kleine Episoden, die für sich eher unscheinbar wirken. Lothar Sieber wird vom jungen Außenseiter zum hochdekorierten Jagdflieger, der seine eigenen Ansichten beibehält. Seine Freundin Gesine kommt über den BDM zum dortigen Gedankengut. Beeindruckend die Szene, als sie als Schaffnerin jüdische Mitfahrer der Straßenbahn verweist und stolz darauf ist. Der Journalist Eugen und die Bibliothekarin Merle finden eine Nische zum Überleben. Komplex ist die Figur des Blumenhändlers, der als Bürgermeister und Gauleiter mehr und mehr an seine Grenzen gerät, aber gleichzeitig versucht, es allen recht zu machen. Es gibt zahlreiche Verbindungen zwischen diesen Figuren und irgendwie schafft man eine weitgehend friedliche Form des Zusammenlebens.

    Die Geschichte ist nicht immer linear erzählt, und Alfie, der britische Bomberschütze, fällt von Beginn des Buches bis zum Ende von Himmel und lässt seinen Gedanken freien Raum. Die großen Verbrechen spielen kaum eine Rolle in dieser Geschichte. Der Leser spürt aber, wie sich die Ideologie einen Weg in die Köpfe der Menschen bahnt.

    Eingebunden in das Buch sind einige Originaldokumente, die den Wandel sehr gut widerspiegeln.


    Fazit:

    Mich hat diese Geschichte nur teilweise überzeugt, weil zu viele Figuren nur nebenher laufen. So erhält man zwar viele Facetten und Informationen, aber es entsteht kaum Bindung zum Personal. Deshalb bewerte ich den Titel mit vier von fünf Sternen (80 von 100 Punkten). Trotzdem spreche ich eine Leseempfehlung aus.


    ASIN/ISBN: 360896648X

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