Ich sehe eher die Bigotterie der Gesellschaft als Thema.

'Ansichten eines Clowns' - Kapitel 01 - 07
-
-
So sehe ich es auch. Böll hält konkret seiner Zeit den Spiegel vor.
Das tut er definitiv, ich finde es auch interessant, literarisch Zeiten vor meiner Geburt zu erleben, aber das für mich spannende daran ist, je näher sie meiner Zeit ist, der Vergleich zwischen damals und heute - welche Aspekte habe ich in meiner Jugend noch kennengelernt, welche sehe ich sogar heute noch.
Kurzer Abschweifer zur Verlorenen Ehre der Katharina Blum - definitiv zeitlos in einigen Aspekten, tatsächlich finde ich sogar, dass es heute dank Social Media eher schlimmer als besser geworden ist.
-
Auch beim Clown sind einige Aspekte zeitlos bzw. in etwas abgewandelter Form auf unsere Zeit übertragbar. Das religiöse Thema ist aktuell nicht so beherrschend, zumindest bei den klassischen Religionen in Deutschland.
Was aber auch heute wieder vorherrscht ist der politische Streit von rechts und links, sofern man dies noch in diesen alten Schubladen unterscheiden will. Früher war es die Hippiewelle, die aus den USA herüberschwappte. Die Konservativen hatten immer noch einen scharf gezogenen Scheitel und ausrasierten Nacken und die anderen waren unfrisiert, unrasiert, barfuß und liefen manchmal sogar nackt durch die Straßen. Heute schreien die Konservativen angeekelt Wokeness und links-grün und die anderen regen sich über Boomer usw. auf. Man könnte da mit etwas Fantasie schon Parallelen zu den 60ern und 70ern ziehen.
-
Auch beim Clown sind einige Aspekte zeitlos bzw. in etwas abgewandelter Form auf unsere Zeit übertragbar. Das religiöse Thema ist aktuell nicht so beherrschend, zumindest bei den klassischen Religionen in Deutschland.
So sehe ich das auch, im übrigen auch für das religiöse Thema, nur mit anderen Akzenten, siehe meinen Post #14.
Heute hatte ich keine Zeit weiterzulesen, aber ich könnte mir vorstellen, dass die scheinbar überzogene Reaktion von Marie und Hans auf Maries starker Religiosität beruht: Sie kann nicht an dem Ort bleiben, wo alle wissen, dass sie gegen die katholische Moral verstoßen hat, gibt sogar ihr gut mögliches Prädikatsabitur dafür auf (etwas, dass einem beim heutigen Stand der Emanzipation besonders heftig aufstößt). Und zu heucheln, ist ihr aus dem obigen Grund und wegen ihrer integren Persönlichkeit auch unmöglich. Beides weiß Hans sicher, außerdem will er aus anderen Gründen, weil er die gesellschaftlichen Konventionen verachtet, auch nicht.
-
Ich habe schon angefangen und bin positiv überrascht, wie einfach sich die ersten Kapitel lesen lassen. Meine letzte Erfahrung mit Böll als Autor war vor ca. zwanzig Jahren mit dem irischen Tagebuch. Da hatte ich das Gefühl, gar nicht voranzukommen und musste jede Zeile mehrfach lesen.
Ich bin jetzt mit dem ersten Abschnitt durch und bin noch verhalten dem Buch gegenüber. Ich finde, es hat schon einige Längen. Kein Buch, dass ich vor dem Einschlafen lesen kann, dann käme ich nicht weit.
Erstmals 1967 wurde das Buch veröffentlicht und zeigt eine erschreckende Situation der prüden Gesellschaft. Sex vor der Ehe ist immer noch eine Todsünde wie im Mittelalter. Es kann sein, dass dies im katholischen Bonn noch viel strenger gesehen wurde als im protestantischen Bereich der Bundesrepublik, zumindest was Großstädte anbelangt. Bonn hat mehr als 300.000 Einwohner, aber wenn Hans eine Nacht bei Marie verbringt, weiß das sofort die ganze Stadt. Und das schon vor Erfindung des Internets.
Erschreckender Weise kenne ich das nur zu gut noch aus eigener Erfahrung aus dem pietistischen Siegerland. 1997 war es selbst nach der standesamtlichen Trauung undenkbar, in einem Haus zu übernachten. Erst nach der kirchlichen Trauung wurde das erlaubt. Dass mein Mann und ich woanders längst zusammen lebten, war dabei total egal. Hauptsache, das Ort sieht es nicht.
-
Das ungeheuerliche Verhalten seiner Eltern, die Mutter, die ihre Tochter für ihre Ideologie in den Tod schickt, der Vater, der sich anscheinend nicht dagegen wehrt und Trost bei einer Geliebten sucht, dann wieder die Mutter, die sich in die Rolle der Ikone der Völkerverständigung begibt. macht einen sprachlos.
Das Verhalten der Mutter ging mir auch unter die Haut. Mir gingen beim Lesen immer wieder Szenen aus "Im Westen nichts Neues" durch den Kopf. Einfach nur schrecklich.
Unreflektierte Nazi-Vergangenheiten gab es zu Hauf. Sehr gut gemacht, wie Böll den Finger in diese Wunde legt.
-
Der Inhalt ist da schwieriger, denn die Zeit, in der die Geschichte spielt, hat andere gesellschaftliche Regeln und ein paar Punkte sind für mich heute nicht ganz nachvollziehbar. Dass das Verhältnis zwischen Hans und Marie ein Skandal sein würde, ist schon klar, aber dass beide gleich die Stadt verlassen müssen? Oder gehen sie aus einem anderen Grund?
Am Ende dieses Abschnittes ist mir das auch nicht so ganz klar.
Schlimm finde ich, dass Hans wenig einfühlsam mit Marie ist am Morgen danach. Sie muss große Ängste haben. Das nächtliche Waschen der Bettwäsche fasse ich als eine symbolische Handlung auf. Sie scheint sich in einem inneren Konflikt zu befinden, er reagiert kaum auf ihre Frage, ob er sie denn auch wirklich liebt. Ich lese das so, dass Marie schon gerne eine Art Sicherheit oder Halt in der Liebe hätte.
Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Marie mehr als einen Beweggrund hat, aus Bonn wegzugehen.
-
Was ist denn aus eurer Sicht das Thema des Buches?
Es gibt mehrere Themen, denke ich. Eines ist Doppelmoral, dann Vergangenheitsbewältigung (einmal der Nazivergangenheit, aber auch Traumata wie Tod der Schwester oder des Jungen, der die Handgranate betätigt) und eine Mögliche oder unmögliche Liebesgeschichte, das wird sich noch zeigen. Darauf bin ich sehr gespannt.
-
Schlimm finde ich, dass Hans wenig einfühlsam mit Marie ist am Morgen danach.
Nur am Morgen danach und nicht auch am Abend davor?
Er kommt ins Haus als er wusste, dass sie alleine ist. Sie sagt "geh bitte" zu ihm und er sagt einfach nein. Ihre nächste Reaktion, sich zu schminken und sich dann für ihn auszuziehen, fand ich auch etwas seltsam. Aber was wäre heutzutage los, wenn der Mann das Nein ignoriert?
Soll ich das mal probieren und anschließend berichten oder reicht es euch, die nachfolgenden Nachrichtenmeldungen zu verfolgen?
-
Es gibt mehrere Themen, denke ich.
Ich auch, aber vieles kann aus meiner Sicht zu Doppelmoral bzw. Bigotterie zusammengefasst werden.
-
Das nächtliche Waschen der Bettwäsche fasse ich als eine symbolische Handlung auf. Sie scheint sich in einem inneren Konflikt zu befinden, er reagiert kaum auf ihre Frage, ob er sie denn auch wirklich liebt.
Einerseits sicherlich. Andererseits geben sie sonst die Wäsche weg, und dann würden es sofort noch viel mehr erfahren, dass es hier eine erste Liebesnacht gab.
-
Er kommt ins Haus als er wusste, dass sie alleine ist. Sie sagt "geh bitte" zu ihm und er sagt einfach nein. Ihre nächste Reaktion, sich zu schminken und sich dann für ihn auszuziehen, fand ich auch etwas seltsam. Aber was wäre heutzutage los, wenn der Mann das Nein ignoriert?
Ähnliches ging mir auch durch den Kopf.
Heute hat diese Szene ein "Geschmäckle".
-
Nur am Morgen danach und nicht auch am Abend davor?
Er kommt ins Haus als er wusste, dass sie alleine ist. Sie sagt "geh bitte" zu ihm und er sagt einfach nein. Ihre nächste Reaktion, sich zu schminken und sich dann für ihn auszuziehen, fand ich auch etwas seltsam. Aber was wäre heutzutage los, wenn der Mann das Nein ignoriert?
Soll ich das mal probieren und anschließend berichten oder reicht es euch, die nachfolgenden Nachrichtenmeldungen zu verfolgen?
Das stimmt natürlich. Die Szene hatte ich nicht mehr so auf dem Schirm.
-
Ich finde das auch ziemlich übergriffig. Er denkt nur an seine Lust und wahrscheinlich daran, dem Konkurrenten zuvor zu kommen, nachdem er ihn mit Marie händchenhaltend gesehen hat. Dass Hans ihre Zukunftchancen zunichte macht, kommt ihm gar nicht in den Sinn.
Sie gehört ihm also nimmt er sie sich einfach mit Hilfe der "Sache, die Männer mit Frauen machen" - diese Formulierung wird so oft wiederholt, dass es schon fast nervt. Es gibt so viele Umschreibungen für Sex! Was will Böll mit dieser Ausdrucksweise deutlich machen?
Soll das Alltägliche ausgedrückt werden, oder das Unvermeidliche?
Hat Hans in seinem unreifen Stadium keinen anderen Begriff dafür? Oder will er betonen, dass er nun als Mann gewertet sein will?
-
Ich meine, dass Böll damit die katholische Kirche kritisieren möchte, da sich dort keiner traut, das Wort Sex auszusprechen und sich in Umschreibungen geflüchtet wird.
-
Ich meine, dass Böll damit die katholische Kirche kritisieren möchte, da sich dort keiner traut, das Wort Sex auszusprechen und sich in Umschreibungen geflüchtet wird.
Das würde ich so
. Außerdem passt es gut ins Setting.
-
Sie gehört ihm also nimmt er sie sich einfach mit Hilfe der "Sache, die Männer mit Frauen machen" - diese Formulierung wird so oft wiederholt, dass es schon fast nervt. Es gibt so viele Umschreibungen für Sex! Was will Böll mit dieser Ausdrucksweise deutlich machen?
Ganz so sehe ich das jetzt nicht. Immerhin reden sie erst einmal ziemlich viel, bevor sie Sex haben.
Ich finde nicht, dass Hans sie sich einfach nimmt. Nur danach finde ich ihn weinig einfühlsam. Er hätte Marie suchen können, als sie die Bettwäsche wusch, zum Beispiel. Ich habe ja schon oben dazu geschrieben.
-
So ein bisschen ist das aber auch die Darstellungsweise der 60er und 70er oder? Auch die damaligen FIlme kamen mit viel weniger Worten aus und zeigten eigentlich nur Handlungen. Die Filme von Rainer Werner Fassbinder finde ich aus heutiger Sicht bspw. richtig nervig anzugucken. Und auch alte Tatorte sind eher gruselig anzugucken. Da wundert es mich nicht, dass die damalige zeitgenössische Literatur auch mit weniger Dialogen auskam.
-
Ganz so sehe ich das jetzt nicht. Immerhin reden sie erst einmal ziemlich viel, bevor sie Sex haben.
Ich finde nicht, dass Hans sie sich einfach nimmt. Nur danach finde ich ihn weinig einfühlsam.
Es stimmt, dass er sie nicht mit Gewalt nimmt. Das Gespräch vorher könnte man als Vorspiel nehmen - das Ziel ist wohl beiden klar. Hätte mich schon interessiert, wie und worüber gesprochen wurde. Gab es irgendeinen Hinweis auf Zärtlichkeiten?
-
Nur danach finde ich ihn weinig einfühlsam. Er hätte Marie suchen können, als sie die Bettwäsche wusch, zum Beispiel. Ich habe ja schon oben dazu geschrieben.
Das hat mich auch gewundert. Er liegt da auf der nackten Matratze und wartet gefühlt ewig bis sie wiederkommt. Ist es unter seiner Würde, sie bei ihrer so speziellen hausfraulichen Tätigkeit zu unterstützen? Schämt er sich, dass er sie zum Bluten gebracht hat? Hat er Angst, dass ihm schlecht wird?