Volker Leppin - Franziskus von Assisi

  • Volker Leppin - Franziskus von Assisi


    ASIN/ISBN: 3806238170



    Zitat

    Und all meinen Brüdern befehle ich streng im Gehorsam, das sie keine Erklärungen zur Regel oder zu diesen Worten anführen und sagen: So sollen sie verstanden werden.

    Sondern wie mir der Herr gegeben hat, die Regeln und diese Worte klar zu schreiben und zu sagen, so schlicht und einfach, ohne Erklärungen sollt ihr sie verstehen und mit ihrem heiligem Wirken bis ans Ende sehen.

    Das war in etwa die Gründungscharta des Franziskanerordens, der das, was in dem kleinen Ort Portiuncula bei Assisi begonnen hat, bis in die Gegenwart fortsetzt.



    Das Buch:

    Der eigentliche Name war Giovanni Bernadone, dieser wurde 1182 in Assisi geboren. Als Sohn reicher Kaufleute träumte er zunächst von der Erlangung der Ritterwürde, Kriegerruhm und dem Leben eines Edelmanns.

    Nach schwerer Erkrankung, bei der es sich um eine Form der Tuberkulose, oder eine andere der zeitgemäßen Infektionskrankheiten gehandelt haben wird, suchte Giovanni nach neuen Lebenszielen.

    Richtungweisend war dabei das Phänomen der Vision, die ihm zweimal begegnete und eingab, Gott würde ihm eine neue Lebensaufgabe stellen.

    Diese Visionen waren so einschneidend, daß der Kaufmannssohn mit seinen gesamten Bindungen an sein Umfeld brach und dafür erhebliche soziale Konflikte in Kauf nahm.

    Von diesem Zeitpunkt an lag sein Weg klar vor ihm. Er strebte ein einfaches Leben an, abseits von Besitz und der Standesgesellschaft, ganz "im Dienst an Gott und dem Nächsten, in demütiger, tätiger Hilfe."


    Als sich ihm nach und nach andere Gleichgesinnte anschlossen, verfasste er eine Regel, bei der er die Pflicht zur Besitzlosigkeit besonders streng fasste. Es war ihm wohl besonders wichtig, mit dem zu brechen, von dem er sich losreissen müßte, dem Reichtum des Elternhauses.


    Die junge Gemeinschaft wuchs rasch, Franziskus konnte durch Authentizität und die Überzeugungskraft seiner Persönlichkeit vor allem junge Menschen beispielgebend überzeugen.

    1211 bat er Papst Innozenz III. um Legitimation der Gemeinschaft und Bestätigung seiner Regel, die er jedoch keineswegs leicht oder schnell erhielt.


    Innozenz III. war ein hochgebildeter Scholastiker und ein vornehmer adliger Prälat, der von dieser untheologischen und etwas plebejisch daherkommenden neuen Gemeinschaft wenig angetan war. Auch lebte er keineswegs in der Armut der Nachfolge Christi, sondern witterte eher Häresie und Sektierertum.

    Nach der schroffen Ablehnung reiste Franziskus selbst nach Rom und es zeugt einmal mehr von der ungeheuren Wirkung, die von seiner Persönlichkeit ausgegangen sein muss, das es ihm im persönlichen Gespräch gelang, den skeptischen, wortgewaltigen Pontifex zu überzeugen.


    Neben dieser von Franziskus geführten Ordensgemeinschaft entstand bald noch eine zweite, von Klara Offreduccio von Assisi geführt.


    Wer die wenigen schriftlich festgehalten Predigten des Franziskus liest, wundert sich über ihre Einfachheit, die anrühren offene und fast naiv scheinende, geradlinige Sprache, die zusammen mit dem vorgelegten bedürfnislosen Dasein jene enorme charismatische Wirkung auf die Zeitgenossen entfachte.


    In einer späteren Vision, so wird berichtet, erlebte Franziskus auch die Wundmale Christi an seiner Person, obwohl es einer solchen Legitimation zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr bedurft hätte.


    Kurz vor seinem Tod 1228, krank und fast blind, verfasste Franziskus seinen "Sonnengesang" , der seine gesamte Liebe an der Schöpfung und seine Freude an ihr zum Ausdruck brachte.




    Der von ihm gegründete Orden wurde einer der größten und einflussreichsten Gemeinschaften des Christentums, wenngleich er sich auch in späteren Jahren nach Streit um die Armutsregel aufsplitterte in Minderbrüder, Minoriten und Kapuziner.

    Auch Laiengruppen schlossen sich zur Zeit der europäischen Pest, nach 1350, im Namen der Franziskaner zusammen.



    Bewertung:

    Volker Leppin hält sich als seriöser, wissenschaftlicher Biograph an Eckdaten, Datierung und Einordnung seiner Vorgänger, geht aber darüber hinaus seinen eigenen Weg und verfolgt konsequent seinen psychologischen Ansatz.

    Die Wendungen und Brüche im Leben des Giovanni Bernadone interessieren ihn dabei besonders, das radikale Zurücklassen des gesamten sozialen Umfelds ist bei diesem sanftmütigen Charakter des Franziskus sicher ein der Untersuchung lohnendes Phänomen.


    Der Sanftmütige scheute keine Konflikte, nicht mit der eigenen Familie, nicht mit der Gesellschaft, nicht mit Kirche und Papst.

    Wie passt das zu dem Bild, das die meisten bis heute von diesem Menschen haben?

    Ein Mensch in seiner Widerspenstigkeit und Sperrigkeit, einmal in seiner Ambiguität gesehen und in Bezug zu seinem Umfeld gesetzt. Die Bruchkanten der zerstörten Beziehungsgefüge, die neue Identität, was folgert man daraus in Bezug auf die Persönlichkeitsstruktur dieses außergewöhnlichen Menschen?


    Leppins Ansatz erscheint hier lebendig und kreativ. Dieses Buch dringt tiefer ein als andere Biographien, wobei man immer auch das Weltbild eines mittelalterlichen Menschen mit einbeziehen muß.

    Franziskus also ein mittelalterlicher "Weltbürger"?



    Leppins Sprache ist präzise und einfach, führt ohne Umschweife ans Ziel, alles ist nachvollziehbar und klar aufbereitet.

    Einziger Schwachpunkt ist vielleicht die etwas turbulente Streckenführung durch das Leben des Franziskus, die aber wohl der genannten Schwerpunktsetzung geschuldet ist.

    Alles in allem eine ungewöhnliche, präzise und hochinteressante Arbeit eines guten Analytikers. Daher meine klare Empfehlung, das Buch zu lesen.


    Volker Leppin, geb. 1966, ist ein deutscher Religionshistoriker und Professor für Kirchengeschichte in Tübingen.