Schotter – Florjan Lipus

  • OT: Gramoz

    deutsch von Johann Strutz, Jung und Jung, Salzburg 2019

    Kurzbeschreibung:

    Der Schotter, den Florjan Lipus hier beschwört, bedeckt die ansonsten leere Fläche zwischen den Baracken eines Frauenkonzentrationslagers. Es könnte das KZ Ravensbrück sein, wo seine Mutter ermordet wurde, nachdem sie als Partisanen verkleidete Gestapo-Männer bewirtet hatte. Es könnte aber auch jedes andere sein, wo die aussortierten,

    ausgemergelten Frauen Stunde um Stunde ihres schwindenden Lebens Appell stehen. Jahre später stehen hier die »Gedächtnisgeher«, »Ausflügler « nachfolgender Generationen auf der Suche nach etwas, von dem es kaum noch Spuren gibt, in der Hoffnung, dass sich ihnen etwas offenbart. Die unbekannte Großmutter etwa: Sollen die Enkelkinder, die ihr die schön gewachsenen Körper verdanken, sie duzen oder siezen? Doch die Großmutter erscheint ihnen nicht, alles, was sie finden, ist Schotter. Und im Dorf, in das sie zurückkehren, begegnet man ihnen mit Misstrauen und Schweigen.


    Über den Autor:

    geboren 1937 in Kärnten, lebt in Sele / Sielach, Unterkärnten. Er veröffentlicht auf Slowenisch Romane, Prosa, Essays, szenische Texte. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Petrarca-Preis (2011), Franz-Nabl-Preis (2013) und den Großen Österreichischen Staatspreis (2018).


    Mein Eindruck:

    Der 1937 geborene Schriftsteller Florjan Lipus ist Sohn slowenischer Kärntner und schreibt auf slowenisch.

    Ein einschneidenes Erlebnis seines Lebens war der Verlust der Mutter, die deportiert und im KZ Ravensbrück ermordet wurde.

    Der Titel dieses Romans speist sich aus dem schwarzen Schotterplatz des Todeslagers.


    Schauplatz ist ein zutiefst gespaltenes Kärntner Dorf, dessen Einwohner Schuldige und Opfer waren. Das Vergangene ist teils verdrängt, doch die Vergangenheit ist nicht verarbeitet.


    Es beginnt mit einer Gruppe, die von einem Gedächtnismarsch zurückkehrt. Die Teilnehmer sind die, deren Vorfahren einst in das Lager deportiert wurden. Sprachlosigkeit herrscht vor. Viele Dorfbewohner wollen nichts mehr von der Vergangenheit wissen und hassen deshalb diejenigen, die das Gedächtnis bewahren wollen.


    Dann sind da die beklemmenden Szenen der Erinnerung im Konzentrationslager.

    Es gibt drastische Beschreibungen: „Noch heute sind feinkörnige Reste schlecht pulverisierter Skelette in der Luft, leichte Flocken aus Knochengewebe…

    Dieser Rauch ließ nicht Bitten und Beschwörungen zum Himmel steigen, sondern rief als rauchendes, nach totem Fleisch riechendes bitteres Fett Schuld und Anklagen vom Himmel herab.“


    Dieses Buch ist sehr konzentriert und dicht gestaltet, sprachlich teilweise ungewöhnlich, ohne Dialoge.


    Florjan Lipus hat eine sprachliche Form gefunden, die den Leser auf eine Art erreicht, der man sich nicht entziehen kann und die mich stark beeindruckt.

    Lipus Text spricht von der Trauer, dass die Verdrängung vorherrscht und die Erinnerung zerstört. Dadurch ist es ein düsteres, pessimistisches Buch geworden.


    ASIN/ISBN: 3990272292